Roosevelt Island: Von der Insel der Aussätzigen zum High-Tech-Campus

Roosevelt Island: Von der Insel der Aussätzigen zum High-Tech-Campus

, aktualisiert 16. September 2017, 09:20 Uhr
Bild vergrößern

Der neue Ingenieurs- Campus der Elite Uni auf Roosevelt Island in New York. Im Hintergrund: die Queensboro Bridge.

von Katharina KortQuelle:Handelsblatt Online

Vom Ort der Aussätzigen zur Drehscheibe der Tech-Industrie: Der ehemaligen New Yorker Gefängnisinsel Roosevelt Island wird neues Leben eingehaucht. Durch den Tech-Campus soll der Erfindergeist alter Pioniere wehen.

New YorkIm Film kämpfte Spiderman auf der roten Seilbahn, die Roosevelt Island mit dem New Yorker Festland verbindet, gegen den Grünen Kobold und machte die Insel weltberühmt. Seitdem pilgern Touristen zu dem Eiland, das sonst nicht viel zu bieten hatte.

Früher galt die Insel mit ihrem Gefängnis, ihren Krankenhäusern und einer berüchtigten Nervenheilanstalt vor allem als Ort der Aussätzigen im New Yorker East River. Nun siedelt sich hier mit dem neuen Campus der „Cornell Tech“ ein Technologie-Institut an, das Forschung und Unternehmen vereinen und neue Jobs schaffen soll. IBM-Chefin Ginni Rometty reiste persönlich zur Einweihung an.

Anzeige

Hörsäle mit gläsernen Fassaden, die den Blick freigeben auf die Skyline von Manhattan mit dem Chrysler-Building und dem Uno-Hochhaus auf der einen Seite und auf die neuen Hochhäuser von Long Island City in Queens auf der anderen Seite. Die Architektur des Campus ist vom Feinsten.

Das neue Projekt auf der Insel ist aber vor allem ein weiterer Beweis dafür, dass sich die Finanzhauptstadt New York immer mehr zum wichtigen Technologie-Hub mausert. Die Zahl derer, die in Technologie-Jobs arbeiten, hat mit 350.000 zuletzt die jener überholt, die in der Finanzwelt ihr Geld verdienen. Lange fanden Informatiker und Software-Ingenieure nur an der Westküste im Silicon Valley interessante und gut bezahlte Jobs. Doch das ändert sich, seit sich auch Städte wie New York als Alternativen etablieren.

Der neue Campus auf Roosevelt Island ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der Ivy-League-Universität Cornell und der israelischen Elite-Universität „Technion-Israel Institute of Technology“. Das Projekt geht noch auf den früheren Bürgermeister Michael Bloomberg zurück. Er wollte der Stadt mit dem High-Tech-Zentrum ein weiteres Standbein verschaffen. Der Selfmademan, der mit Informationstechnologie ein Milliardenvermögen erwirtschaftete, gehört mit 100 Millionen Dollar von seiner Familienstiftung zu den großen Sponsoren des neuen Campus.

„Cornell Tech ist eine Investition in die Zukunft von New York City“, sagte Bloomberg bei der Eröffnungszeremonie. Technologische Innovation habe eine zentrale Rolle dabei gespielt, aus New York eine globale wirtschaftliche Hauptstadt zu machen. „Es muss weiter eine zentrale Rolle spielen, damit New York eine globale wirtschaftliche Hauptstadt bleibt“, ist Bloomberg überzeugt.


Start-up-Kurse und finanzielle Hilfen

Ziel des neuen Campus ist es, Jobs zu schaffen, die durch Firmengründungen der Studenten entstehen sollen. „Unsere Arbeit wird sich auf viel mehr Menschen auswirken als nur unsere Studenten“, ist die Informatik-Pionierin und Cornell-Präsidentin Martha Pollock überzeugt.

Um das zu schaffen, besteht ein Drittel des Curriculums der Studenten aus praxisnahem Arbeiten. Start-up-Kurse und finanzielle Hilfen für jene, die nicht auf reiche Investoren aus der Familie zählen können, gehören zum Programm. Die Großbank Citibank siedelt einige Analysten für Cybertech und Big-Data direkt auf dem Campus an, um am Puls der Zeit zu sein.

Heute denkt man bei Technologie-Unternehmen vor allem an das Silicon Valley. Dabei hat auch New York eine Historie in dem Feld: Viele Technologie-Firmen hatten in New York ihren Anfang, bevor sie in den Norden oder an die Westküste zogen: Zu den historischen Technologie-Pionieren New Yorks gehören George Eastman, der später Eastman Kodak gründete, ebenso wie Thomas Edison und der Air-Condition-Pionier Willis Carrier und Thomas Watson, der später IBM gründete.

Diesen Geist soll Cornell Tech auf Roosevelt Island nun wiederbeleben. Für die Bewohner der Insel heißt das vor allem, dass die Mieten steigen. Die Gegend war zuvor von staatlichen Mietwohnungen geprägt, mit einigen privaten Ausnahmen. Unter jungen Menschen war die Insel nicht wirklich angesagt. Das konnten auch illustre Bewohner wie Uno-Generalsekretär Kofi Annan nicht ändern.

Mit Cornell Tech dürfte sich das ändern. Zum Campus gehört auch ein 25-stöckiges Wohnhaus für Studenten und Lehrkräfte. Viele der Studenten wollen auch nach dem Studium in New York bleiben. David Cheng, der im Zuge seines Masters mit drei anderen die App „Speech Up“ – ein spielerisches Training für Kinder mit Sprachstörungen – entwickelt hat, hat keinen Zweifel: „Wir haben in New York ein Reichtum an Kulturen und Branchen, die das Silicon Valley nicht bieten kann“, sagt der 29-Jährige.

Nun muss die neue Uni noch Druck auf bessere Verbindungen zur Insel machen. Der F-Train ist die einzige U-Bahn, die auf Roosevelt Island hält - und sie ist notorisch unzuverlässig. Die Seilbahn fährt wegen Reparaturarbeiten nur mit halber Kraft und nur alle 15 Minuten nach Manhattan. Immerhin gibt es seit neuestem eine Fährverbindung zur Insel. Für Gefangene und Pocken-Kranke war die Isolation damals willkommen. Für High-Tech-Unternehmer und Studenten ist sie es nicht.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%