Schrottplatz All: Wir brauchen eine Weltraum-Müllabfuhr

ThemaRaumfahrt

Schrottplatz All: Wir brauchen eine Weltraum-Müllabfuhr

Es wird eng im All, jedenfalls um die Erde herum. Der Grund: Die Raumfahrt hinterlässt tonnenweise Müll. Der bedroht nicht nur die ISS-Besatzung, er könnte auch der Wirtschaft enorm schaden. Doch die Entwicklung einer Weltraum-Müllabfuhr kämpft mit Hindernissen.

Am 10. Februar 2009 krachte es knapp 800 Kilometer über Sibirien. Zwei Satelliten waren kollidiert: der amerikanische „Iridium 33“ und der ausgediente russische „Kosmos 2251“. Beide zersplitterten in Tausende Schrottteile, rund 2200 größere sind katalogisiert. Der Unfall hat Folgen bis heute: Mehrfach musste die Internationale Raumstation ISS Ausweichmanöver fliegen, weil die Trümmer ihr gefährlich nahe kamen.

Zwei Jahre zuvor, am 11. Januar 2007, hatte China einen eigenen Wettersatelliten in 850 Kilometern Höhe mit einer Rakete zerstört - als Test. Über 3000 größere Bruchstücke verteilten sich ins All. „Wenn man diese beiden Ereignisse zusammennimmt, dann machen die daraus hervorgegangenen Fragmente etwa ein Drittel der Objekte aus, die wir vom Boden aus im Weltraum verfolgen können“, sagt Heiner Klinkrad, Chef für Weltraumtrümmer bei der europäischen Weltraumorganisation Esa.

Anzeige

Knapp 700.000 Tonnen Schrott bewegen sich dem Esa-Experten zufolge um die Erde. Trümmer und Gegenstände ab etwa zehn Zentimeter Größe - etwa so groß wie eine Orange - kann das Space Surveillance Network des US-Militärs erfassen und verfolgen. Im Januar 2014 meldete es 16.674 Objekte, davon 9464 Bruchstücke. Bevor China seinen Satelliten absichtlich zerschoss, waren es nur 4699. „Man geht davon aus, dass die Amerikaner eigentlich rund 22.000 Objekte detektieren“, sagt Manuel Metz vom Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Nicht veröffentlicht würden eigene militärische Objekte und solche, die man nicht zuordnen könne.

Verwüstung durch Meteoriten auf der Erde

  • Barringer, Arizona

    Vor etwa 50.000 Jahren traf ein Meteorit mit einem Durchmesser von 45 Metern und einem Gewicht von 270.000 Tonnen auf die Erde. Beim Aufprall im Gebiet des heutigen US-Bundesstaates Arizona war er 72.000 Kilometer in der Stunde schnell und riss ein mehr als 170 Meter tiefes Loch. Der nahezu kreisrund Barringer-Krater mit einem Durchmesser von 1600 Metern wurde nach dem amerikanischen Bergbauingenieur Daniel Barringer benannt, der ihn im Jahr 1902 als erster erforschte. Wissenschaftler fanden dort einige kleine Stücke des Himmelskörpers aus Nickel und Eisen, der Hauptteil des Meteoriten verdampfte.

  • Chicxulub, Mexiko

    Der Einschlag des Meteoriten an der Nordküste der mexikanischen Halbinsel Yucatán soll vor etwa 65 Millionen Jahren das Aussterben der Dinosaurier verursacht haben. Die dabei freigesetzte Einschlagenergie entsprach nach Angaben des Deutschen Geoforschungs-Instituts in Potsdam mehr als dem Zehntausendfachen des gesamten Weltarsenals an Atomwaffen und setzte riesige Mengen an Staub und Gas frei. Der Meteorit mit einem Durchmesser von mehr als zehn Kilometern traf die Erde mit etwa 90.000 Kilometern in der Stunde. Der Krater war bei einem Durchmesser von etwa 180 Kilometern bis zu 900 Meter tief. Etwa die Hälfte des Kraterrings ist unter der Meeresoberfläche des Golfs von Mexiko verborgen, auf dem Festland liegt er unter einer dicken Sedimentschicht.

  • Nördlinger Ries, Deutschland

    Das nordschwäbische Ries ist ein fast kreisrunder Kessel mit einem Durchmesser von etwa 25 Kilometern. Der Riesenkrater entstand vor etwa 14,5 Millionen Jahren, als ein fast ein Kilometer großer Steinmeteorit mit einer Geschwindigkeit von geschätzten 70.000 Stundenkilometern nahe der heutigen Stadt Nördlingen (Bayern) auf die Erdoberfläche prallte. Er drang 1000 Meter tief in die Erdkruste ein. In der Gluthitze des Aufpralls verdampfte der Meteorit. Die Wucht des Einschlags bewegte nach Forschungen über 150 Kubikkilometer Gestein. Das kosmische Geschoss soll die Zerstörungskraft von 250.000 Hiroshima-Bomben gehabt haben.

  • Tunguska, Russland

    Größere Verwüstungen richtete ein Meteorit wahrscheinlich zuletzt im Juni 1908 in Sibirien an. Eine gigantische Druckwelle raste durch die bewaldete Einöde am Flüsschen Steinige Tunguska und knickte auf 2000 Quadratkilometern Bäume wie Streichhölzer um. In dem dünn besiedelten Waldgebiet kam nach offiziellen Angaben niemand ums Leben. Der auf bis zu 40 Meter Größe geschätzte Brocken - vermutlich aus Stein und Eis - erhitzte sich so stark, dass er sich vor dem Aufschlag nach Meinung vieler Forscher vollständig auflöste. Es ist noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt, dass die Verwüstung wirklich durch einen Meteoriten entstanden ist.

  • Vredefort, Südafrika

    Als größter noch sichtbarer Einschlagkrater der Welt gilt Vredefort nahe der südafrikanischen Millionenstadt Johannesburg. Vor gut zwei Milliarden Jahren traf dort ein schätzungsweise 150.000 Kilometer pro Stunde schneller Meteorit mit einem Durchmesser von zehn Kilometern die Erde. Er drang etwa 17 Kilometer tief in die Erdkruste ein. Der Durchmesser des Kraters wird auf rund 100 Kilometer geschätzt. Im Laufe der Jahrmillionen zerstörte die Erosion große Teile des gigantischen Lochs.

Auch sehr kleine Splitter entwickeln im All enorme Zerstörungskraft - denn Gegenstände können mit relativen Geschwindigkeiten um 50.000 Stundenkilometer aufeinander krachen. „Wenn eine Aluminium-Kugel von gerade mal einem Zentimeter Durchmesser so auf einen Satelliten trifft, hat sie die Energie eines Mittelklassewagens, der mit etwa 50 Stundenkilometern in ihn hineinfährt“, sagt Klinkrad. Ein zehn Zentimeter großes Objekt würde einen Satelliten auseinanderreißen. „Heute treten solche katastrophalen Kollisionen, bei denen ein Satellit zersplittert, im Schnitt alle fünf bis neun Jahre auf“, erklärt Carsten Wiedemann vom Braunschweiger Institut für Luft- und Raumfahrttechnik.

Doch das Risiko könnte steigen. Etwa 900 bis 1000 aktive Satelliten kreisen um die Erde - unter anderem halten sie das Telefonnetz am Laufen, helfen bei der Wettervorhersage, verbreiten Fernsehbilder und ermöglichen Navigationsgeräten, ihren Standort zu bestimmen. Sie zu ersetzen, würde nach Esa-Schätzung etwa 100 Milliarden Euro kosten, der wirtschaftliche Schaden wäre noch viel höher.

Auf der sechsten Europäischen Weltraumschrott-Konferenz beschlossen mehr als 350 Teilnehmer aus aller Welt, dass dringend aufgeräumt werden müsse im All. An Ideen mangelt es nicht: Segel oder stromleitende Seile sollen ausgediente Satelliten zurück zur Erde bringen, „Remover Satellites“ sollen andocken und als Müllabfuhr den Schrott so umlenken, dass er in der Erdatmosphäre verglüht, Segel könnten überflüssig gewordenes Material bremsen und zum Absturz bringen. Ein Laser, der kleinere Bruchstücke von der Erde aus abschießt, ist Metz zufolge „eher Zukunftsmusik“.

Weitere Artikel

„Die Technologie für einige Lösungen sollte eigentlich in Reichweite sein“, sagt Klinkrad. „Wenn man denn genügend Geld bereitstellen würde.“ Es gebe jedoch gleich mehrere Hindernisse. Etwa rechtliche Probleme: „Wir können nicht einfach hochgehen und Satelliten und Oberstufen entfernen, die uns nicht gehören.“ Zudem beobachte das Militär die Entwicklungen zur Entfernung vom Raumfahrtrückständen sehr genau. Denn die Technologie sei natürlich nicht ausschließlich dazu geeignet, Schrott zu entfernen - auch funktionsfähige Satelliten könnten gekapert werden.

Doch wenn nichts geschieht, wäre der Preis in Zukunft vermutlich hoch - längst ist das Leben auf der Erde ohne Satelliten kaum noch vorstellbar. Die Risiken seien bekannt, einen sauberen Orbit wünschten sich alle, sagt Klinkrad. Nur wolle kaum jemand dafür bezahlen. „Es ist eben ein Umweltproblem wie andere auch.“

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%