Sojus-Katastrophe vor 50 Jahren: Todesflug ins All

Sojus-Katastrophe vor 50 Jahren: Todesflug ins All

, aktualisiert 24. April 2017, 13:15 Uhr
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Wladimir Komarow (r.) im Gespräch mit Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All. Vor 50 Jahren, am 24. April 1967, starb Komarow, weil sich der Falschirm seiner Sojus-1-Kapsel beim Wiedereintritt nicht öffnete.

Quelle:Handelsblatt Online

In 50 Jahren hat sich die russische Sojus zu einem der erfolgreichsten Raumschiffe entwickelt. Auch der Deutsche Alexander Gerst wird 2018 mit ihr ins All fliegen. Doch die Erfolgsgeschichte begann mit einer Katastrophe.

BerlinSeine Rückkehr von der Internationalen Raumstation ISS dürfte dem russischen Kosmonauten Andrej Borissenko im Gedächtnis bleiben. „Das war deutlich schlimmer, als sich mit einem Auto zu überschlagen“, sagt er nach der Landung.

Zusammen mit zwei Kollegen war Borissenko am 10. April in einer Sojus-Kapsel von einem gut sechsmonatigen Aufenthalt im All zurückgekehrt. Trotz des ruppigen Landemanövers in der kasachischen Steppe verlief die Rückkehr zur Erde vergleichsweise glimpflich. Die erste Landung einer bemannten Sojus-Kapsel vor genau 50 Jahren endete hingegen in einem Debakel, der Kosmonaut Wladimir Komarow kam dabei als erster Mensch auf einem Raumflug ums Leben.

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Weil sich der Fallschirm nicht wie geplant öffnete, raste Komarows Raumkapsel mit rund 50 Metern pro Sekunde nahezu ungebremst auf die Erde. Die Wucht des Aufpralls zerschmettert die „Sojus 1“. Für den erfahrenen Kosmonauten Komarow wird sie zum feurigen Grab. Mit Schaufeln stochern Helfer in den verkohlten Trümmern der Kapsel, wie im Video der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos zu sehen ist.

Das Unglück vom 24. April 1967 war ein schwerer Rückschlag für die ambitionierte sowjetische Raumfahrt. Es ereignete sich in der Hochzeit des Wettlaufs im All mit den USA, als das kosmische Rennen zwischen Ost und West geprägt war vom Kalten Krieg der Supermächte.

Die Sowjet-Führung in Moskau hatte seinerzeit das Ziel ausgerufen, als erste den Mond mit einem bemannten Raumschiff zu umrunden und später auf dem Erdtrabanten zu landen. Unter Hochdruck entwickelten Ingenieure den neuen Raumschiff-Typ Sojus (deutsch: Union – wohl auch eine Anspielung auf die Sowjetunion), das dritte bemannte Modell nach den Raumschiffen Wostok und Woßchod.

Nach Komarows tragischem Tod räumte der damals beteiligte Ingenieur Boris Tschertok ein: „Was Komarow passiert ist, war unser Fehler. Wir haben ihn zu früh losgeschickt. Die Sojus war noch nicht ausgereift.“ Daher hätte es mehr unbemannte Testflüge gebraucht. Nur im Politbüro in Moskau habe das niemand wahrhaben wollen, kommentierte 2013 die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“.

Schon zu Beginn des Flugs sah sich Komarow mit schweren technischen Problemen konfrontiert. Eine weitere Sojus, die ursprünglich kurz danach zu einem Rendezvous im All hätte starten sollen, blieb daher am Boden.

Schließlich ging es nur noch darum, den Kosmonauten in seinem schwer angeschlagenen Raumschiff lebend zur Erde zurückzuholen. Doch als nach vielen anderen Systemen zuletzt auch noch der Fallschirm versagte, gab es keine Rettung mehr. „Komarow haben die Konstrukteure auf dem Gewissen“, so Tschertok.


Auch deutsche Astronauten flogen mit der Sojus

Trotz des tragischen Jungfernflugs und eines weiteren Unfalls 1971, bei dem drei Kosmonauten umkommen, entwickelt sich die Sojus zu einer der größten Erfolgsgeschichten der sowjetischen und russischen Raumfahrt. Bis heute nutzt Russland die Raketen und Raumkapseln in abgewandelter Form als „Arbeitspferd“ bei der Erkundung des Alls. Soll eine Sojus-Rakete Menschen ins All bringen, wird sie mit der gleichnamigen Kapsel ausgerüstet.

Auch deutsche Raumfahrergrößen flogen mit Sojus-Raketen zu den Sternen. 1978 startete der erste deutsche Raumfahrer Sigmund Jähn vom Weltraumbahnhof Baikonur aus mit einer Sojus. Danach nutzten etwa Ulf Merbold, Thomas Reiter und zuletzt Alexander Gerst das russische „Taxi ins All“. Auch Gersts nächster Flug zur Raumstation ISS 2018 ist mit einer Sojus geplant.

Für Russland ist der Betrieb der alten Sojus ein lukratives Geschäft. Denn seit die USA 2011 ihr Shuttle-Programm eingestellt haben, müssen auch amerikanische und europäische Astronauten mit der Sojus zur ISS reisen. Einer der drei Plätze in der engen Kapsel kostet die USA 2018/2019 hin und zurück je knapp 82 Millionen US-Dollar (etwa 77 Millionen Euro).

Der Moskauer Raumfahrtexperte Igor Marinin ist überzeugt, dass die Sojus-Kapsel mit mehr als 120 erfolgreichen bemannten Flügen und lediglich 2 tödlichen Unfällen bis heute zu den zuverlässigsten Raumschiffen gehört. „Es gibt Rettungssysteme für die Besatzung in allen Flugphasen“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Nach dem Tod von Komarow sei die Sojus regelmäßig verbessert worden. Den heutigen Typ Sojus-MS mit dem ersten Modell 7K-OK vom Unglücksflug 1967 zu vergleichen, sei wie ein Vergleich von modernen Autos mit Fahrzeugen von vor 100 Jahren, meint der Chefredakteur der Zeitschrift „Nowosty Kosmonawtiki“. Technisch habe sich vieles getan.

Auf absehbare Zeit dürfte Russland daher an seiner Sojus festhalten. Solange die Raumstation ISS genutzt werde (bis 2024 geplant), fliege auch die Sojus, sagt Marinin. „Vielleicht auch darüber hinaus. Alles hängt von der Entwicklung der neuen Raumschiffgeneration Federazija ab.“ Den ersten unbemannten Flug einer Federazija plant Roskosmos für 2021. „Früher oder später werden sie die Sojus ablösen“, schätzt Marinin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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