Sternstunde: Salto in der Schwerelosigkeit

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kolumneSternstunde: Salto in der Schwerelosigkeit

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Touristen bei einem Parabelflug. Anfangs ist die Schwerelosgikeit sehr ungewohnt, aber laut Astronauten Gewöhnungssache

Kolumne von Andreas Menn

Etliche wissenschaftliche Versuche brauchen Schwerelosigkeit. Zu diesem Zweck bietet das Raumfahrtunternehmen Novespace Parabelflüge an. WirtschaftsWoche-Reporter Andreas Menn war mit an Bord.

Kurz herrscht angespannte Ruhe an Bord des A300. Dann, sehr plötzlich, lösen sich Dutzende Passagiere vom Boden, wir treiben aufwärts, schweben frei im Raum wie Ballons. Ringsum Glucksen, Lachen, aufgerissene Augen. "Ist ja Wahnsinn!", ruft eine Frau im blauen Overall. Ein Fotoapparat driftet durch die Luft, ein Mann sitzt kopfüber an der Decke, und der Astronaut Reinhold Ewald schlägt einen Salto.

22 Sekunden lang herrscht Schwerelosigkeit im Jet des französischen Raumfahrtunternehmens Novespace, der an diesem Sonntag im September über Mecklenburg-Vorpommern ein kühnes Manöver fliegt: Auf 6100 Metern über dem Meeresspiegel ziehen die drei Piloten den Flieger schräg nach oben, bis er 47 Grad steil in den Himmel schießt.

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Dann, auf 7600 Meter Höhe, fliegt der Jet einen Bogen, eine Parabel. Wie ein Stein, den ein Kind über einen Zaun wirft. Der Flieger ist nun im freien Fall – und an Bord ist die Schwerkraft aufgehoben, bis die Piloten das Flugzeug, das jetzt mit der Nase voran auf den Boden zurast, per Höhenruder und Düsenschub auffangen.

Auf der Suche nach Fischfutter

Rund 30 Mal im Jahr hebt das Novespace-Team zu so einem Parabelflug ab, damit Forscher Experimente in der Schwerelosigkeit anstellen können. Dazu ist der mittlere Teil des A300 rundum mit Matten gepolstert und mit Haltegurten versehen. Diesmal hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) den Flug organisiert, an Bord sind drei Teams aus Biologen, Physikern und Medizinern.

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ParabelflugSalto wie ein Floh

Woran erkennen Insekten, wo oben und unten ist? Wie funktioniert der Gleichgewichtssinn? Und wie verschmelzen Metalle unter idealen Umständen, jenseits der Erdanziehung? "Schon 22 Sekunden Schwerelosigkeit reichen, um solche Fragen zu erforschen", sagt Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des DLR. Oft helfen Parabelflüge auch, Experimente für die Raumstation ISS vorzubereiten.

Die Biologin Kathrin Schoppmann von der Universität Bayreuth hat heute flache, mit Wasser gefüllte Glaskästchen dabei. Darin schwimmen verschiedene Krebstierchen und Wasserflöhe, klein wie Stecknadelköpfe, deren Verhalten Schoppmann beim Parabelflug mit Kameras filmen will. "Wir suchen Arten, die der Wegfall der Schwerkraft unbeeindruckt lässt", sagt sie. "Sie könnten auf Raumstationen oder Flügen zum Mars als Fischfutter dienen." Die Fische wiederum könnten dann die Astronauten ernähren.

Nach der Schwerelosigkeit kommt die Superschwerkraft

Während der Parabeln hält Schoppmann Ausschau nach Tierchen, die normal weiterschwimmen. Sie kommen mit der Schwerelosigkeit klar. Flöhe und Krebse aber, die Salti schlagen, sind keine Kandidaten für den Marsflug – da sie der Wegfall der Erdanziehung irritiert.

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Da geht es den menschlichen Passagieren an Bord anfangs nicht anders. Die erste Parabel imitiert die Anziehungskraft des Mars, und auf wackeligen Beinen hüpfen alle quer durcheinander. Dann 20 Sekunden Super-Schwerkraft, nun heißt es stillhalten, nicht den Kopf bewegen und starr geradeausschauen, sonst kommt rasch Übelkeit auf.

Bei der nächsten Parabel stehen Mutige schon Kopf, machen im Handstand Liegestütze. Ein Dutzend Mal noch werden alle abheben, kreischend, und Arm in Arm Salti schlagen, mitgebrachte Stofftiere schweben lassen. Alles wird leicht, alle sind in Hochstimmung. Nur der Magen, der protestiert irgendwann. Aber das in den Griff zu bekommen, so versichert mir ein Astronaut, ist reine Gewöhnungssache.

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