Stress durch Unsicherheit: Finanzielle Belastung kann zu Schmerzen führen

Stress durch Unsicherheit: Finanzielle Belastung kann zu Schmerzen führen

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Finanzieller Stress kann zu körperlichen Schmerzen führen.

Wer jeden Euro zwei Mal umdrehen muss, steht unter großem Druck - das kann auch körperliche Auswirkungen haben, zeigt eine aktuelle Studie.

Mit den Kollegen Mittagessen gehen, oder doch lieber eine Stulle von zu Hause mitnehmen? In den Urlaub fahren oder das Geld doch lieber auf die hohe Kante legen - wer weiß, was morgen kommt? Ökonomische Entscheidungen treffen wir jeden Tag. Wer dabei unter finanziellem Druck steht, bekommt das auch körperlich zu spüren.

Ein Forschungsbeitrag im Fachjournal "Psychological Science" zeigt: Menschen, die ihre finanzielle Zukunft mit Sorge betrachten, leiden häufiger unter körperlichen Schmerzen. Dies könne zumindest zum Teil durch einen gefühlten Kontrollverlust über das eigene Leben hervorgerufen werden, schlussfolgern die Forscher Eileen Chou, Bidhan Parmar und Adam Galinsky. Dieser Kontrollverlust führt zu innerer Unruhe, Angst und Stress. Im Nervensystem sind diese Vorgänge eng verbunden mit dem Schmerzempfinden.

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Für die Untersuchung wurde eine große Datenmenge herangezogen: Die Analyse von sechs Studien habe gezeigt, dass es "körperliche Schmerzen bereite, sich finanziell unsicher zu fühlen", erklärt Hauptautorin Eileen Chou von der Universität Virginia. In den vergangenen zehn Jahren sei ein Anstieg von wirtschaftlicher Unsicherheit und der Häufigkeit von körperlichen Schmerzen zu beobachten gewesen. Daher habe man nach einer Verbindung dieser beiden Entwicklungen gesucht.

Armutsgefährdung in Deutschland

  • Wie viele Menschen in Deutschland sind arm?

    Wer in Deutschland allein mit weniger als 979 Euro netto im Monat auskommen muss, gilt nach der EU-Statistik als armutsgefährdet. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze bei 2056 Euro im Monat. Nach dieser Rechnung sind 13 Millionen Menschen in der Bundesrepublik von Armut bedroht. Der Anteil an der Bevölkerung von rund 16 Prozent ist seit Jahren relativ stabil. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster warnt jedoch: „Etwa die Hälfte davon hat keine Chance mehr, da raus zu kommen.“ Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ergänzt: „Wir haben immer mehr Erwerbstätige, aber trotzdem schützt dies nicht mehr vor Armut.“

  • Was ist Armutsgefährdung?

    Die Statistiker sprechen von „Armutsgefährdung“ oder einem „relativen Armutsrisiko“. Nach der Definition der EU-Statistik ist von Armut bedroht, wer von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung seines Landes lebt. „Armut“ ist nach Ansicht des Armutsforschers Christian Arndt „ein Zeichen dafür, dass etwas Wesentliches zum Wohlergehen fehlt“. Dies betreffe aber nicht alle, die über ein Einkommen unterhalb der „Armutsrisikoschwelle“ verfügten. „So ist dies sicher nicht der Fall für einen Studierenden mit geringem Einkommen, kann aber sehr wohl für ein schwerwiegendes Problem für eine alleinstehende Rentnerin sein.“

  • Wie schneidet Deutschland im EU-Vergleich ab?

    Mit einer Armutsgefährdungsquote von 16,1 Prozent schneidet Deutschland 2013 um 0,6 Prozentpunkte besser ab als der Anteil aller EU-Länder zusammen. Allerdings fehlen für den exakten Mittelwert noch einige Zahlen, etwa die von Irland und Kroatien. Besonders hoch ist der Anteil der von Armut bedrohten Menschen in Griechenland (23,1 Prozent), Rumänien (22,4 Prozent) und Bulgarien (21,0 Prozent). Am niedrigsten ist das Armutsrisiko in der Tschechischen Republik (mit einem Anteil von 8,6 Prozent), Island (9,3 Prozent), den Niederlanden (10,4 Prozent) und Norwegen (10,9 Prozent).

  • Wer ist in der BRD besonders von Armut bedroht?

    „Armut ist immer noch weiblich“, sagt die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. Frauen aller Altersgruppen sind stärker von Armut bedroht als Männer. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und Frauen im Rentenalter. Und: Fast 70 Prozent der Arbeitslosen sind armutsgefährdet. Nach Einschätzung von Armutsforscher Hans-Ulrich Huster haben auch Menschen mit Migrationshintergrund und alleinlebende junge Leute unter 30 Jahren ein erhöhtes Risiko.

  • Steigt die Zahl der Armen in Deutschland?

    Das Armutsrisiko hat nach Darstellung des Volkswirts und Armutsforschers Christian Arndt zwischen 1999 und 2005 stark zugenommen. Seitdem aber nicht mehr. In der seit 2008 erhobenen EU-Statistik stieg die Quote für Deutschland von 15,2 Prozent auf 16,1 Prozent. „Hier könnte man einerseits von einer Manifestation des Armutsrisikos sprechen. Die Botschaft ist aber die, dass das Armutsrisiko im Gegensatz zu einigen anderen Ländern nicht weiter zugenommen hat.“ Armutsforscher Hans-Ulrich Huster stellt fest: „Die Reichen werden reicher. Das Einkommen der Armen sinkt relativ gesehen zu den Einkommen der mittleren und oberen Einkommensbezieher.“

  • Was fordern Fachleute?

    Der für 2015 geplante Mindestlohn ist nach Einschätzung des Sozialverbands VdK und des Paritätischen Wohlfahrtsverband ein richtiger Schritt. „8,50 Euro ist aber hart auf Kante genäht, das ist genau für einen Alleinlebenden die Armutsschwelle“, sagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster betont: „Nicht der Facharbeitermangel ist das Problem, sondern dass wir uns zu wenig darum kümmern, dass die Jugendlichen, die da sind, eine entsprechende Ausbildung bekommen.“

In fünf Studien fanden die Forscher Hinweise darauf, dass eine angespannte Finanzlage zu Schmerz und einer verminderten Schmertoleranz führt. Eine sechste Studie, die Daten von mehr als 33.000 Haushalten in den USA heranzog, zeigte schließlich, dass finanzielle Unsicherheit ein Indikator für den Konsum von freiverkäuflichen Schmerzmitteln darstellt: Haushalte, in denen beide erwachsenen Haushaltsmitglieder arbeitslos waren, hatten um 20 Prozent höhere Ausgaben für freiverkäufliche Schmerz-Medikamente im Vergleich zu Haushalten mit nur einem arbeitslosen Mitglied.

In Online-Befragungen zeigte sich zudem, dass die Probanden deutlich häufiger über Schmerzen berichteten, wenn sie arbeitslos waren oder sich in einer als finanziell unsicher empfundenen Situation wiederfanden. Schon Erinnerungen an Engpässe in der Vergangenheit führten zu einer Verdopplung der empfundenen Schmerzen.

Dass auch die Schmerztoleranz durch finanziellen Druck herabgesetzt ist, zeigte eine Laborstudie: Die Probanden mussten ihre Hand in einen Eimer mit Eiswasser halten. Dann beschworen die Studienleiter Zukunftsängste herauf: Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, dass ihnen ein instabiler Jobmarkt mit drohender Arbeitslosigkeit bevorsteht. Es zeigte sich, dass sie die Hand deutlich schneller aus dem Eiswasser heraus zogen, als die Probanden der Kontrollgruppe.

Wie Menschen ihre individuelle Finanzlage erleben, hat also entscheidende Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Gesundheit. Die Verbindung zwischen sozialen Phänomenen wie Arbeitslosigkeit, deren psychischer Verarbeitung und körperlichem Erleben sei für Forscher wie Politik gleichermaßen wichtig, argumentieren die Wissenschaftler um Chou: "Indem wir zeigen, dass körperlicher Schmerz in ökonomischer Unsicherheit und einem Gefühl des Kontrollverlusts wurzelt, hoffen wir, diese Abwärtsspirale durchbrechen zu können."

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