Studie: Reisende schleppen multiresistente Keime ein

Studie: Reisende schleppen multiresistente Keime ein

Bild vergrößern

Viele Urlauber haben gefährliche Keime im Gepäck.

Jedes Jahr reisen 300 Millionen Menschen in Regionen der Welt mit schlechter Hygiene. Eine finnische Studie zeigt, dass die Rückkehrer oft gefährliche blinde Passagiere an Bord haben: Antibiotikaresistente Keime.

Wer eine Reise in ein fernes Land macht, bringt seinen Liebsten daheim gern ein Souvenir mit. Doch unfreiwillig haben viele Reisende auch gefährliche Mitbringsel an Bord. Finnische Forscher haben untersucht, wie der internationale Reiseverkehr multiresistenten Keimen Tür und Tor öffnet: Jeder Fünfte Rückkehrer bringt demnach gefährliche Darmbakterien mit nach Hause.

Wie sich Infektionskrankheiten durch verbesserte Wege und Reisemöglichkeiten rasend schnell verbreiten können, hat zuletzt die Ebola-Epidemie in Westafrika schmerzlich klar gemacht. Die Sorge, dass das Virus auch Deutschland erreichen könnte, bereitete Vielen schlaflose Nächte.

Anzeige

Die Studie von Forschern der Universität Helsinki, die nun im Journal "Clinical Infectious Diseases" veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Einschleppung multiresistenter Keime bereits eine reale Gefahr darstellt. Für ihre Untersuchung rekrutierten die Forscher um Anu Kantele 430 Finnen, von denen sie vor und nach ihrer Reise Stuhlproben sammelten und im Labor auswerteten.

Wie man Antibiotika richtig einsetzt

  • Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

    Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

  • Antibiotika sparsam verwenden

    Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

    Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

  • Antibiotika richtig dosieren

    Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen
    dann an die Nachkommen weiter.

  • Sorgfältig desinfizieren

    Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

  • Früh diagnostizieren

    Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet
    angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Das Hauptaugenmerk lag dabei auf den sogenannten ESBL-Keimen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Darmbakterien, die Stoffe produzieren können welche Antibiotika wirkungslos machen: die Extended-Epectrum-Betalaktamase. Durch dieses Enzym werden die Bakterien resistent gegen Penicillin und weitere Antibiotika-Gruppen, die häufig verschrieben werden. Dadurch gehören die ESBL-produzierenden Bakterien zu den Problemkeimen, die zu schwer behandelbaren Krankenhausinfektionen führen können.

Die Auswertung der Stuhlproben ergab, dass 21 Prozent der Probanden nach ihrer Reise solche ESBL-Keime in sich trugen. Das Infektionsrisiko war laut den Forschern bei Reisen nach Süd-Asien besonders hoch. Als Risikofaktoren für eine Infektion gilt demnach eine Durchfallerkrankung während der Reise, das Alter der Reisenden und besonders eine Einnahme von Antibiotika während der Reise. Von den Probanden, die wegen eines Durchfalls auf ihrer Reise ein Antibiotikum eingenommen hatten, waren sogar 80 Prozent mit ESBL-produzierenden Keimen infiziert.

Woran liegt das? Die Forscher erklären, dass eine Schwächung der Darmflora hierfür verantwortlich ist. Wer an Durchfall erkrankt oder ein Antibiotikum einnimmt, bei dem gerät die natürliche Balance der Bakterien, die den Darm jedes Menschen besiedeln, ins Wanken. Dadurch können sich Keime durchsetzen, die gegen eine gesunde Darmflora keine Chance gehabt hätten. Diese Störung hält für lange Zeit an: Vorangegangene Studien zeigten, dass es bis zu zwei Jahre dauern kann, bis sich die mikrobielle Flora wieder im Ausgangszustand befindet.

Krankenkasse warnt Deutsche nehmen zu viel Antibiotika

Die Nase läuft, es kratzt im Hals - viel zu schnell verschreiben Ärzte dann ein Antibiotikum, warnt die DAK. Mit fatalen Folgen: Es bilden sich Resistenzen, im Ernstfall gibt es kein Mittel mehr gegen die Bazillen.

DAK: Deutsche nehmen zu viel Antibiotika Quelle: dpa

Die Forscher warnen davor, dass Reisende unwissend resistente Keime einschleppen und verbreiten können - vor allem für Personen mit einem geschwächten Immunsystem stellt das eine Gefahr dar. "Die Ausbreitung resistenter Bakterien bedroht weltweit das Gesundheitswesen. Die Stämme werden durch internationale Reisende, Tier- und Lebensmittelhandel global übertragen", schreiben die Studienautoren. Mit fatalen Folgen für die Behandlung von Infektionen, einer gesteigerten Mortalitätsrate und einem "dramatischen Anstieg der Kosten im Gesundheitswesen".

Sie warnen davor, Antibiotika leichtfertig zur Vorbeugung oder Behandlung von leichten bis mittelschweren Durchfallerkrankungen einzusetzen. Diese verschwänden meist von selbst. Die Wissenschaftler fordern mehr Aufklärung von Reisenden, bevor sie ihren Trip in Risiko-Länder antreten, als vorbeugende Maßnahme. "Wenn Reisende dazu angewiesen würden, vorsichtiger mit der Einnahme von Antibiotika umzugehen, könnte die Zahl der (mit Problemkeimen, Anm. d. Red.) besiedelten Menschen, dramatisch abnehmen", schließen die Forscher.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%