Transplantationsskandal: „Zu viele Organe gehen verloren“

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Transplantationsskandal: „Zu viele Organe gehen verloren“

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In den von Axel Haverich gegründeten Laboratorien für Biotechnologie und künstliche Organe gelang es, eine biologische Herzklappe für Kinder herzustellen, die mit dem Patienten wächst

von Susanne Kutter

Warum mindestens ein Viertel aller Spenderorgane in Deutschland abseits der offiziellen Warteliste über ein wenig transparentes Schnellverfahren vergeben wird, erläutert der Transplantationsmediziner Axel Haverich aus Hannover im Interview mit der WirtschaftsWoche.

WirtschaftsWoche: Professor Haverich, bis vor wenigen Wochen glaubten die Menschen, dass Spenderorgane in Deutschland nach einem sehr gerechten und nachvollziehbaren Wartelistenverfahren vergeben werden. Nun stellt sich heraus, dass die Vergabe anfällig für kriminelle Manipulationen ist und zudem mindestens ein Viertel aller Organe auf ganz anderen Wegen vergeben wird. Wie kann das sein?

Haverich: Die Vorfälle in Göttingen sind die eine Sache. Das finde ich schockierend und verwerflich. Etwas ganz anderes ist das Schnellverfahren, das Sie hier ansprechen. Das haben wir vor gut zehn Jahren eingeführt, weil zuvor viel zu viele Organe für die Transplantation verloren gegangen sind. Organtransplantation ist ein Wettlauf gegen die Zeit – und das Vergabeverfahren über die Stiftung Eurotransplant ist zeitraubend.

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Aber es ist gerecht. Wer auf der Warteliste steht und das entsprechende Organ am dringendsten benötigt, bekommt es zugesprochen. Warum soll das nun nicht mehr gelten?

Haverich: Diese Regelung gilt ja weiterhin – und ich stehe auch dazu. Schließlich habe ich sie als Mitglied verschiedener Gremien in den vergangenen 20 Jahren selbst mitentwickelt. Doch wir mussten oft miterleben, dass die Vergabepraxis an logistischen Hindernissen scheitert. Denn viele kleinere Kliniken, deren Patient ein Organ zugesprochen bekommt, sind nicht zu jeder Tag- und Nachtzeit in der Lage, eine Transplantation organisatorisch zu stemmen und in den regulär geplanten Klinik- und Operationsbetrieb einzuschieben. Dann haben sie zwar den Zuschlag bekommen, das Organ aber abgelehnt. Bis Eurotransplant so Klinik für Klink abtelefoniert hatte, dauerte es einfach viel zu lange.

Wo ist das Problem?

Sobald ein Spender in der Intensivstation eines Krankenhauses liegt, tickt die Uhr. Denn seine Kreislaufsituation wird während der Wartezeit bis zur operativen Entnahme der Organe nie besser, sondern immer nur schlechter. Deshalb muss beispielsweise ein Herz nach drei Stunden, eine Lunge nach sechs Stunden transplantiert werden. Um aber zu verhindern, dass die ohnehin knappen Spenderorgane auf diese Weise unbrauchbar werden, gilt heute: Wenn drei Kliniken ein Organ abgelehnt haben, wird der reguläre Vergabeweg nach der Warteliste abgebrochen. Eurotransplant ruft dann stattdessen die Transplantationszentren mit der größten Erfahrung an und fragt, ob sie die Organe gebrauchen können.

Und das funktioniert?

Ja, denn ein großes Zentrum wie unseres in Hannover verfügt nicht nur über eine hervorragende Logistik, wir akzeptieren auch Organe, die andere Kliniken ablehnen würden, etwa weil der Spender zu alt oder das Organ verletzt war. Hier haben wir als Spezialklinik einfach bessere Möglichkeiten, eine nicht ganz optimales Spenderorgan trotzdem erfolgreich zu verpflanzen. So haben wir kürzlich die in Mitleidenschaft gezogene Lunge eines Schwerverletzten akzeptiert und erfolgreich transplantiert. Das kann einfach nicht jedes Klinikum. Auch für den Fall, dass ein zu großes Organ – etwa eines männlichen Spenders – für eine erkrankte Frau angeboten wird, haben wir ein technisches Verfahren entwickelt, mit dem sich die Spenderlunge verkleinern lässt.

Lässt sich damit erklären, dass die Zahl der per beschleunigtem Verfahren vergebenen Organe seit 2002 sprunghaft angestiegen ist - bei Lebertransplantationen von 9,1 auf 37,1 Prozent, beim Herz von 8,4 auf 25,8 Prozent, bei der Lunge von 10,6 auf 30,3 Prozent und bei der Bauchspeicheldrüse von 6,3 Prozent auf 43,7 Prozent?

Ich denke schon. Dennoch müssen wir nach den Vorfällen in Göttingen über alle Regularien nachdenken. Denn hier müssen sich zwei Ärzte aus zwei Abteilungen in betrügerischer Absicht einig gewesen sein, Patienten kränker zu machen als sie waren. Und das nicht nur in einem Fall.

Die Bundesärztekammer und die Deutsche Stiftung Organtransplantation haben deshalb am morgigen Donnerstag zu einem Spitzengespräch geladen. Wie könnte eine Lösung aussehen?

Ich denke, dass auch bei Lebertransplantationen eine Regelung eingeführt werden könnte, die bei Herz- und Lungentranspantationen schon lange gilt. Hier wird immer nach einem sogenannten Audit-Verfahren in Ärzte-Teams entschieden.

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Der eklatante Mangel an Organen wird weiterhin bestehen bleiben – und Begehrlichkeiten wecken. Wie lässt sich das Problem ursächlich lösen?

Haverich: Selbst wenn die Spendenbereitschaft steigen sollte, die Zahl der Organe wird auch in Zukunft wegen des demografischen Wandels mit immer mehr älteren und kränkeren Menschen nicht ausreichen, um alle Patienten, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind, damit zu versorgen. Gerade deshalb sind wir in Zukunft vermehrt auf technische und maschinelle Lösungen wie Kunstherzen oder einen Lungenersatz angewiesen. Bei Nierendefekten klappt das mit der künstlichen Blutwäsche, der Dialyse, schon recht gut. Ein Patient an einer Lungenmaschine kann die Intensivstation dagegen noch nicht verlassen.

Sie forschen auch an biologischen Reparaturmechanismen und Zuchtorganen, die sogar in modernen Druckverfahren hergestellt werden sollen…

… das sind Verfahren, auf die wir alle hoffen, die aber leider noch einige Jahre auf sich warten lassen werden.

Auch die Frage, ob die kränkesten Patienten, die auf der Warteliste ganz oben stehen, am meisten von einem Spenderorgan profitieren, wird immer wieder debattiert. Wäre es nicht sinnvoller diejenigen mit Organen zu versorgen, die aus medizinischer Sicht am meisten davon haben?

Diese Frage haben wir jahrelang und immer wieder in verschiedenen Gremien hin und her debattiert. Ich glaube, dass die jetzige Regelung die Balance zwischen Verteilungsgerechtigkeit und medizinischen Erfolgsaussichten recht gut widerspiegelt, denn auch dazu sind genaue Kriterien formuliert. Wir müssen nur dafür sorgen, dass die gegebenen Regeln in Zukunft nicht umgangen werden können.

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