Unterschätzter Geruchssinn: Wir sind alle Supernasen

Unterschätzter Geruchssinn: Wir sind alle Supernasen

, aktualisiert 11. Mai 2017, 20:19 Uhr
Bild vergrößern

Menschen sind Hunden und anderen Säugetieren in Sachen Geruchssinn ebenbürtig, glaubt ein US-Forscher.

Quelle:Handelsblatt Online

Menschennasen sind nicht so mies wie gemeinhin angenommen wird. Der menschliche Geruchssinn wird massiv unterschätzt, meint ein US-Wissenschaftler. Manche Düfte riechen wir sogar besser als Hunde.

BerlinMenschen haben viel feinere Nasen als oft angenommen. Die verbreitete Meinung vom „schlechten menschlichen Geruchssinn“ gehe auf einen Mythos aus dem 19. Jahrhundert zurück, schreibt der US-Forscher John McGann im Fachjournal „Science“.

Der Neurologe der Rutgers University in New Brunswick hat zahlreiche jüngere Studienergebnisse in einem Überblicksartikel zusammengefasst. Ergebnis: Menschliche Nasen sind chronisch unterschätzt. Tatsächlich können wir schnuppernd Spuren verfolgen, und manche Düfte riechen wir sogar besser als Hunde.

Anzeige

„Der Geruchssinn von Menschen ist genauso gut entwickelt wie der von anderen Säugetieren, etwa Nagern oder Hunden“, so McGann. „Hunde sind vermutlich besser als Menschen darin, Urinspuren an einem Hydranten zu unterscheiden. Dafür können wir die verschiedenen Duftnoten guter Weine besser auseinanderhalten.“

Ausgangspunkt für den Mythos von der schlechten Nase des Menschen bildete laut McCann die Arbeit des französischen Anthropologen Paul Broca. Der hatte im 19. Jahrhundert festgestellt, dass beim Menschen das Riechzentrum im Gehirn relativ gesehen kleiner ist als etwa bei Mäusen.

Aber neue Studien weisen darauf hin, dass der Bulbus olfactorius im Gehirn – der sogenannte Riechkolben – die Ausnahme von der Regel darstellt, dass die relative Größe eines Hirnteils Rückschlüsse auf seine Leistungsfähigkeit zulässt. Zudem sei, so McCann, die Zahl der Nervenzellen im Riechzentrum über Speziesgrenzen hinweg relativ ähnlich, trotz erheblicher Unterschiede beim Körpergewicht.

Ähnlich verhält es sich mit den Duftrezeptoren, gewissermaßen die Erstkontaktstellen für die Moleküle des Duftstoffs: Ihre Zahl ist beim Menschen mit knapp 400 zwar deutlich geringer als bei Hunden (etwa 800) oder Ratten (etwa 1000). Dies sage aber wenig über die Empfindlichkeit und die Unterscheidungsfähigkeit des menschlichen Geruchssinns aus, betont McGann.

„Wir machen es uns zu einfach, wenn wir nur auf die bloßen Zahlen schauen“, so der Forscher, der unter anderem gesellschaftliche Gründe für die Abwertung des menschlichen Geruchssinns anführt: „Es ist eine alte kulturelle Überzeugung, dass ein vernünftiges und rationales Wesen nicht vom Geruchssinn dominiert werden darf. Geruch wurde als eine weltliche, animalische Sache angesehen.“


Die Welt der Gerüche ist voller Rätsel

Der Zoologe und Geruchsforscher Matthias Laska von der Universität Linköping in Schweden hat selbst einige der von McGann untersuchten Studien zum Geruchssinn durchgeführt. Er verweist auf den Unterschied zwischen Unterscheidungsvermögen, das antrainiert werden könne, und Sensitivität, die nicht erlernbar sei. „Ein Parfümeur übt viele Jahre, bis er 600 Düfte unterscheiden und exakt benennen kann. Aber das heißt nicht, dass er auch als Weintester arbeiten kann.“

Beim Geruchssinn, lange als minderwertig betrachtet, fehle weiterhin viel Grundlagenforschung, sagt Laska. Das gelte auch mit Blick auf den Vergleich von Hunde- und Menschennasen. „Der Hund gilt als Supernase. Aber bislang wurden bei Hunden erst 15 Düfte daraufhin getestet, ab welchem Schwellenwert sie wahrgenommen werden. Und bei fünf dieser Düfte war der Mensch sensitiver.“

Der Geruchsforscher Hans Hatt (Ruhr-Universität Bochum) sagt, die Ergebnisse der Übersichtsstudie seien für Experten nicht überraschend. Die Welt der Gerüche sei komplex, in vieler Hinsicht immer noch voller Rätsel und in ihren Auswirkungen unterschätzt.

„Dahinter steckt wohl die Urangst des Menschen, dass Düfte uns instinktiv steuern“, sagt Hatt. Auch er glaubt, dass die Abwertung des Geruchssinns kultursoziologische Hintergründe hat. „Düfte sind etwas Intimes, haben auch etwas mit Sexualität zu tun. Wir aber wollen uns von den Tieren unterscheiden.“ Vieles bei Gerüchen laufe völlig unbewusst ab.

So zeigte eine Studie seines Instituts jüngst erstmals, dass der blumige Duftstoff Hedion an einen menschlichen Pheromonrezeptor andockt und dabei erstaunliche Verhaltensänderungen bewirkt: Die Testpersonen reagierten freundlicher auf Freundlichkeit, aber unfreundlicher auf unfaires Verhalten als die Kontrollgruppe.

Hedion lag dabei in nur minimalen, kaum wahrnehmbaren Mengen in der Luft. „Ein Wie-Du-mir-so-ich-Dir-Effekt war messbar“, sagt Hatt.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%