Unterschätztes Risiko : Die Therapie-Fallen beim Tinnitus

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Unterschätztes Risiko : Die Therapie-Fallen beim Tinnitus

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Bundesweit leiden mehr als drei Millionen Menschen an einem chronischen Tinnitus. Vor allem Manager, Ingenieure und Selbständige sind betroffen.

von Meike Lorenzen

Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einem Tinnitus. Vor allem Manager, Ingenieure und Selbstständige sind betroffen. Wie man mit dem Pfeifen im Ohr leben kann - und warum viele Therapien nichts bringen.

Eines Morgens im Jahr 2002 ist Julia Winter aus Hamburg (heute 31 Jahre alt) mit einem Pfeifen im Ohr aufgewacht. Ein hoher penetranter Ton schallte durch ihren Kopf. Als das Geräusch nicht verschwinden wollte, suchte die junge Frau einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt auf. Der Mediziner riet ihr abzuwarten. In den meisten Fällen verschwinde der Ton wieder. Unzufrieden holte sie eine zweite Meinung ein. Ein weiterer Experte riet ihr zu einer Infusionstherapie. Das wirke durchblutungsfördernd. "Eine Woche lang bin ich jeden Tag dahin gegangen. Gebracht hat es gar nichts", sagt sie heute. Im Anschluss herrschte kurz Ratlosigkeit, dann schlug der Mediziner eine psychotherapeutische Behandlungsmethode vor, die die Krankenkasse leider nicht übernehmen würde. Mehrere hundert Euro solle sie kosten. Therapieerfolg ungewiss.

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"Was mir damals keiner gesagt hat, ist, dass der Ton vermutlich nie weggehen wird, und ich damit leben muss", sagt Julia Winter. Einen Umgang mit dem Dauerpfeifen im Kopf musste sie komplett alleine lernen. Und obwohl die Diplom-Psychologin dank ihres Studiums an der Quelle zu aktuellen Forschungsergebnissen und -methoden saß, wäre ihr diese Erfahrung gerne erspart geblieben. "Es hätte mir geholfen, wenn ich diese Info früher gehabt hätte", sagt sie. Dann wäre die Hoffnung auf eine schnelle Heilung nicht so groß gewesen. Denn "geheilt" ist sie bis heute nicht.

Julia Winter ist nicht allein. Bundesweit leiden mehr als drei Millionen Menschen an einem sogenannten chronischen Tinnitus. Jährlich kommen nach Angaben des Selbsthilfevereins Deutschen Tinnitus Liga 250.000 Personen dazu, wobei hier nicht alle unter einer chronischen Variante leiden. Etwa 25 Prozent aller Deutschen habenschon einmal in ihrem Leben einen Tinnitus erlebt. Teilweise verschwindet er tatsächlich wieder, wie Winters erster Arzt prognostiziert hatte. Aber eben nicht immer.

Meilensteine der Ohrenheilkunde

  • um 1.500 v. Chr.

    Papyrusschriften nennen Arzneimittel für Eiterungen des Ohres

  • um 400 v. Chr.

    Hippokrates forscht zur Anatomie und Pathologie des Ohres

  • 150 n. Chr.

    Galen entfernt mit Zangen, Haken und Sonden Fremdkörper aus dem Ohr

  • 6. Jahrhundert

    Alexander von Tralles erfindet die ersten Hörrohre

  • 12. Jahrhundert

    In Frankreich treten die ersten Spezialisten für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde auf, die medicatores aurium

  • 16. Jahrhundert

    Vesal zeichnet die ersten beiden Gehörknöchelchen. Er nennt sie "Amboß und Hammer". Kurz darauf beschreibt Bartholomeo Eustacchio die Eustachische Röhre, die Ohrschnecke, den Trommelfell-Spannermuskel und entdeckt den Steigbügel

  • 1800

    Astley Paston Cooper führt das erste Mal eine Trommelfellpunktion durch

  • 1861

    Prosper Ménière hält einen Vortrag über ein Krankheitsbild, das Schwindel, Tinnitus und einseitigen Hörverlust beinhaltet

  • 1907

    Robert Báránys veröffentlicht seine Schrift "Physiologie und Pathologie des Bogengangsapparates", für die er später den Nobelpreis bekommen wird

  • seit 1920

    Taschenhörgeräte erleichtern vielen Menschen mit Hörminderung den Alltag

  • 1978

    Durch Graeme Clark erfolgt die erste Transplantation eines Cochleaimplantates

  • 2009

    Mini-Hörgeräte können mit Mikrochirurgie ins Ohr implantiert werden

Besonders frustrierend für die Patienten ist, dass die genauen Ursachen des Tinnitus bisher nicht eindeutig erforscht werden konnten. Entsprechend undurchsichtig sind die Therapiemöglichkeiten. Der Hals-Nasen-Ohrenärzte untersuchen in einem ersten Schritt, ob das Ohr rein körperlich gesund ist. Denn der Ton im Ohr kann tausende Gründe haben. Doch die Studienlange zu dem Thema ist dünn. Überlegungen, eine Verletzung des Innenohrs könne der Grund sein, ließen sich bisher ebenso wenig bestätigen, wie die Theorie, dass eine Durchblutungsstörung die Ursache sein könnte.

Kommen die Ärzte zu keinem eindeutigen Ergebnis, verschreiben sie meist Kortison oder durchblutungsfördernde Maßnahmen. Nicht selten ist das jedoch eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), die die Kasse eben nicht immer übernimmt. Gleiches gilt für die sogenannte Hochtontherapie oder die hyperbare Sauerstofftherapie beim Hörsturz, wie ein Blick auf den IGeL-Monitor zeigt.

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