Vaxxilon: Start-up entwickelt neue Generation von Impfstoffen

Vaxxilon: Start-up entwickelt neue Generation von Impfstoffen

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Eine Impfung wird in einer Arztpraxis vorbereitet.

von Susanne Kutter

Impfstoffe sind empfindlich und teuer - das macht sie für ärmere Länder oft unerschwinglich. Das deutsch-schweizerische Start-up Vaxxilon entwickelt eine neue Generation von Impfungen: preiswert, hitzestabil und süß.

Einst dachten Ärzte, sie hätten schon bald Viren, Bakterien und andere Erreger besiegt. Doch es kam anders. Ganz gleich, ob die tödliche Seuche Ebola im bettelarmen Westafrika wütet oder der Atemwegskiller Mers den Industriestaat Südkorea heimsucht: Epidemien erschrecken wieder die Welt. Allein an der Malaria stirbt pro Minute ein Kind.

Neue Schutzimpfungen, die die Krankmacher ausschalten könnten, sind viel schwieriger zu entwickeln, als gedacht. Und die existierenden sind gerade für ärmere Länder oft unerschwinglich.

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Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Eine ganz neue Waffe im Kampf gegen tödliche Mikroben könnte aus den Berliner Laboren des gerade gegründeten deutsch-schweizerischen Unternehmens Vaxxilon kommen: Impfstoffe aus Zucker.

Der Vorteil: Anders als bisherige Vakzine ließen sie sich sehr preiswert herstellen und seien extrem haltbar, sogar bei Hitze, sagt der Vaxxilon-Mitgründer Peter Seeberger: „In Afrika und Asien verschlingt die Kühlkette mehr als die Hälfte der Impfkosten.“

Denn bisher handelt es sich bei den Wirkstoffen meist um empfindliche Eiweiße, diese Proteine verderben bei hohen Temperaturen leicht. Impfsubstanzen aus Zucker lassen sich dagegen getrocknet verschicken, die Ärzte lösen sie erst vor Gebrauch in Wasser auf. Ein logistischer Vorteil, findet Seeberger.

Fünf Mythen über das Impfen

  • Mythos 1

    "Risiken des Impfens werden unterschätzt"

    Natürlich können Impfungen Nebenwirkungen haben, auch Komplikationen können vorkommen - diese sind jedoch äußerst selten. Laut Gesundheitsministerium liegt die Zahl der anerkannten Impfschäden in Deutschland bei durchschnittlich 34 pro Jahr - bei rund 50 Millionen Impfungen. Zum Vergleich: Die Gefahr, an den Masern zu sterben, ist viel höher. Einer von 10.000 Infizierten überlebt die Krankheit nicht.

  • Mythos 2

    "Impfungen sind schuld an Allergien"

    Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für einen Zusammenhang zwischen Allergien und Impfungen. Gegen den Mythos spricht auch eine innerdeutsche Beobachtung: In der DDR bestand Impfpflicht, und hier gab es kaum Allergien.

  • Mythos 3

    "Impfungen lösen Autismus und Multiple Sklerose aus"

    Auch für diesen oft bemühten Zusammenhang gibt es laut Paul-Ehrlich-Institut keine Beweise. Studien, die eine solche Verbindung angeblich aufdeckten, sorgten zwar für viel Wirbel, hatten aber gravierende methodische Mängel. Bei einer wurde später sogar bekannt, dass sie von Anwälten von Eltern autistischer Kinder finanziert wurde, die sie bei Klagen gegen einen Impfstoff-Hersteller vertraten.

  • Mythos 4

    "Krankheiten zu überstehen, stärkt den Körper"

    Gerade in anthroposophischen Kreisen gilt es als "stärkend und reinigend", den Körper eine Krankheit durchleben zu lassen. Auch dafür gibt es aber keinerlei wissenschaftliche Belege. Wer eine Infektionskrankheit übersteht, ist anschließend lediglich immun gegen diesen einen Erreger. Und: Neue Studien liefern Belege dafür, dass etwa eine Masern-Infektion zu einer monatelangen Schwächung des Immunsystems führt.

  • Mythos 5

    "Impfpflicht grenzt an Körperverletzung"

    Eine staatlich verordnete Impfpflicht ist rechtlich heikel. Zwar konnten so bis zum Jahr 1979 die Pocken ausgerottet werden. Doch in Deutschland schützt heute das Grundgesetz das Recht auf körperliche Unversehrtheit - damit hat jeder auch ein Recht darauf, sich nicht impfen zu lassen. Die tief verwurzelte Angst vor einer Impfpflicht rührt auch aus der Zeit der Pocken, denn der damals verwendete Impfstoff für die Zwangsimmunisierungen war alles andere als gut verträglich.

Seeberger ist Direktor des Potsdamer Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung und arbeitet seit Jahren an solchen Impfstoffen gegen verschiedenste Krankheiten – etwa Malaria. „Nur 4,5 Kilo des Zuckers wären nötig, um alle 65 Millionen Kinder zu impfen, die jedes Jahr in den Regionen mit dem Erreger der Seuche geboren werden.“ Der Biochemiker schätzt: „Eine Impfung würde nur wenige Cent kosten.“

Schon lange ist Forschern klar: Zuckermoleküle spielen bei Infektionen eine wichtige Rolle. Aus der Oberfläche jedes Bakteriums und jedes Virus ragen Zuckermoleküle wie kleine Fähnchen hervor. Setzen Ärzte diese Verbindungen dem menschlichen Immunsystem als Impfstoff vor, bildet es Abwehrmoleküle. Die zerstören dann die Erreger.

Das Problem an den Zuckern war bisher nur: Sie herzustellen, dauerte Monate oder Jahre. Denn natürlich handelt es sich bei den Impfzuckern nicht um gewöhnliche Vertreter der Süßfraktion wie Haushaltszucker. Stattdessen sind als Wirkstoffe geeignete Vertreter lange, kettenartige Moleküle aus fünf oder zehn unterschiedlichen Bausteinen.

Masern-Epidemie "Eine Masern-Impfpflicht wird nichts bringen"

Wie sich Masern-Ausbrüche und Todesfälle wie jetzt in Berlin vermeiden lassen, erläutert Jan Leidel, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), im Interview mit der WirtschaftsWoche.

Eine Masernimpfung Quelle: dpa

Genau dafür hat Seeberger eine Lösung gefunden: Als weltweit erster und bisher einziger Forscher hat er einen Automaten gebaut und patentiert, der solche Zuckerketten künstlich zusammensetzt. Eine Neuner-Kombi einer solchen Verbindung ist für Seebergers Roboter kein Problem.

Damit hat der gebürtige Franke die technische Grundlage geschaffen, diese auch als Medikamente hochinteressanten Moleküle industriell herzustellen und zu nutzen. Das erste Modell dieser heimwerkbankgroßen Maschinen hat Seeberger in seinem Büro aufgebaut. Er hängt daran – und er kann Besuchern so besonders gut erklären, wie die Sache im Detail funktioniert.

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Für sich behalten wollte der umtriebige Erfinder seine Technik nie. Schon 2013 gründete der 49-Jährige in Berlin-Buch die Firma GlycoUniverse, die die Zuckerketten-Automaten an andere Forscher vermarktet. Für die Impfstoffe fand Seeberger mit Actelion aus dem Schweizer Allschwil einen potenten Partner.

Das 2400 Mitarbeiter starke Biotechnikunternehmen wird in den kommenden drei bis vier Jahren bis zu 30 Millionen Euro in das Joint-Venture mit der Max-Planck-Gesellschaft stecken und darf zahlreiche Projekte aus Seebergers Arbeitsgruppe übernehmen. Vier Mitarbeiter wechseln zur Vaxxilon nach Berlin-Adlershof. Unter Leitung des Actelion-Managers Tom Monroe wollen sie bald den ersten Zuckerimpfstoff am Menschen erproben.

Auf die Ergebnisse sind auch andere sehr gespannt. Etwa Bernd Eisele, der Geschäftsführer der Vakzine Projekt Management aus Hannover. Die Firma ist eine der wenigen, die in Deutschland noch Impfstoffe entwickelt.

Eisele sagt: „Zuckerbasierte Impfstoffe bieten nicht nur für ärmere Länder eine Chance, sie bringen möglicherweise alle Impfstoffentwicklungen voran.“ Voruntersuchungen hätten gezeigt, dass Zuckervakzine einen stärkeren Impfschutz bieten als die Klassiker. Der Effekt laut Eisele: „Das würde die Entwicklung vereinfachen und preiswerter machen.“

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