Versiegende Vorkommen: Europa geht das Erdgas aus

Versiegende Vorkommen: Europa geht das Erdgas aus

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Eine Erdgas-Station in der Slowakei.

von Benjamin Reuter

Noch kann sich Europa halbwegs selbst mit Erdgas versorgen. Doch die Förderung geht – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – dramatisch zurück. Die Alternativen sind teuer oder politisch brisant.

Nirgendwo sonst in Europa bebt die Erde derzeit wohl so oft wie in Loppersum. In der kleinen Gemeinde im Nordosten der Niederlande registrierten die Seismologen während der vergangenen zwei Jahre fast jeden dritten Tag eine Erschütterung. In den Häusern der Gegend klaffen fingerbreite Spalten, in der Backsteinkirche aus dem Mittelalter durchziehen Risse wie Spinnweben die wertvollen Fresken. Knapp 90.000 Gebäude in der Gegend sind laut einer Studie der Technischen Universität Delft durch die Erdbeben gefährdet.

Die Ursache für das bedrohliche Phänomen liegt knapp 3000 Meter unter Loppersum: das Groninger Gasfeld, das größte seiner Art in Europa und eines der größten weltweit. 2013 kamen hier 54 Milliarden Kubikmeter Erdgas an die Oberfläche, fast ein Fünftel der gesamten europäischen Produktion. Die Förderung läuft hier seit rund 50 Jahren auf Hochtouren, und inzwischen senkt sich die Erde.

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Zusätzlich destabilisieren mehr als 1700 natürliche Risse im Erdreich ein Areal, das fast so groß wie Berlin ist. Dazu gehört auch die Großstadt Groningen mit rund 200.000 Einwohnern.

Erdbeben der Stärke 6,5 möglich

Nach teils gewaltsamen Bürgerprotesten drosselte die Regierung in Den Haag vergangenes Jahr die Produktion um fast ein Viertel. Ob das reicht, die Erde zu beruhigen, weiß derzeit niemand. Einer Studie der Betreiber zufolge, einem Joint Venture der Energieriesen Shell und ExxonMobil, könnten Beben mit einer Stärke von 5,3 vorkommen. Theoretisch seien sogar Werte von 6,5 möglich. Zum Vergleich: Als es im italienischen L’Aquila 2009 – mit der Stärke 5,8 – bebte, starben 308 Menschen, und 67.000 wurden obdachlos.

Woher Europa Erdgas bezieht: Gasfelder und -Pipelines in Europa

Woher Europa Erdgas bezieht: Gasfelder und -Pipelines in Europa (zum Vergrößern anklicken)

Sollte sich Ähnliches in der Gegend um Groningen ereignen, wäre das nicht nur eine Katastrophe für die Region – es wäre auch eine Erschütterung für die europäische Gaswirtschaft. Denn dann würde das Groninger Feld wohl abgeschaltet.

Ging es bisher um die Sicherheit der Gasversorgung in Europa, war meist Russland das Thema. Dabei übersehen viele: Noch abhängiger ist die Europäische Union von der eigenen Erdgasproduktion. Denn fast die Hälfte des Energieträgers, den Verbraucher zwischen Lappland und Sizilien nutzen, kommt aus Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien. In Deutschland fließt sogar zu zwei Dritteln europäisches Gas durch die Leitungen (siehe obere Grafik).

Es droht ein Engpass beim Erdgas

Aber die Förderraten in West- und Nordeuropa sinken dramatisch: Die Produktion könnte sich im schlimmsten Fall in den nächsten zehn Jahren halbieren (siehe untere Grafik). In Deutschland versiegen die aktiven Felder voraussichtlich 2025 komplett. Die derzeit niedrigen Öl- und Gaspreise verschärfen die Situation aktuell noch, weil den Energieunternehmen das Geld für neue, teure Erkundungen zum Beispiel in der Arktis fehlt.

Rückgang der Erdgasförderung in West- und Nordeuropa

Rückgang der Erdgasförderung in West- und Nordeuropa (zum Vergrößern anklicken)

„Was die Risiken für die Erdgasversorgung betrifft, haben wir zu lange nur auf Russland geschaut“, sagt Kirsten Westphal, Energieexpertin bei der renommierten Politikberatung Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. „Dabei sind andere Probleme aus dem Blick geraten.“

Die Folge: In den nächsten Jahren droht Europa nichts weniger als ein Erdgasengpass – mit gravierenden Folgen für Politik, Wirtschaft und Geldbeutel der Verbraucher. Statt unabhängiger von Russland zu werden, ist laut Westphal das Gegenteil der Fall. Groningen ist dabei nur einer der Gründe, wie Recherchen in Europas wichtigsten Gasförderländern zeigen.

Von den mit Rissen überzogenen Häusern in Loppersum führt der Weg zum zweiten Brennpunkt der niederländischen Energieversorgung per Schiff: der Nordsee. Dort sind derzeit 150 Felder aktiv. Doch die liefern von Jahr zu Jahr immer weniger Gas. Denn je mehr aus einem Reservoir strömt, desto weiter sinken der Druck und die Förderrate. Früher glichen neue Vorkommen den Rückgang aus. Damit ist es in der Nordsee aber vorbei. Kamen zwischen 2011 und 2014 noch 24 neue Felder an die Pipelines, werden es zwischen 2014 und 2018 nur noch 14 sein.

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