Volkskrankheit Kopfschmerzen: „Viele Patienten sitzen in der Pillenfalle“

Volkskrankheit Kopfschmerzen: „Viele Patienten sitzen in der Pillenfalle“

, aktualisiert 20. Februar 2017, 12:29 Uhr
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Rund 1,3 Millionen Deutsche leiden an dem unangenehmen Schmerz – das sind 400.000 mehr als noch im Jahr 2005.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Immer mehr junge Leute greifen zu Tabletten, wenn es im Hirn pocht. Und bekommen dann erst recht Kopfschmerzen. Stress und hoher Leistungsdruck könnten laut Barmer die Ursache sein. Wie die Krankenkasse helfen will.

BerlinImmer mehr junge Erwachsene leiden unter Kopfschmerzen. Allein im Zeitraum von 2005 bis 2015 ist der Anteil der 18- bis 27-Jährigen mit Kopfschmerzdiagnosen um 42 Prozent gestiegen. Das geht aus dem aktuellen Barmer-Arztreport hervor, der am heutigen Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Danach sind inzwischen 1,3 Millionen junge Erwachsene von einem ärztlich diagnostizierten Pochen, Klopfen und Stechen im Kopf betroffen – das sind 400.000 mehr als noch im Jahr 2005. Über die Ursachen könne man nur spekulieren, so Barmer-Vorstandschef Christoph Straub.

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Er vermutet jedoch wachsenden Stress und Leistungsdruck als Ursache. „Gerade junge Erwachsende brauchen bessere Präventionsangebote. Sport, Entspannungstechniken oder eine gesunde Lebensführung könnten dabei helfen, Kopfschmerzen zu vermeiden.“

Stattdessen, so ein weiteres Ergebnis des Arztberichts, greifen selbst Kinder immer häufiger zur Kopfschmerztablette – sogar bei geringen Beschwerden. Hintergrund: Die Barmer hat Kinder und Jugendliche zwischen neun und 19 Jahren befragen lassen. 40 Prozent gaben an, sie nähmen bei Kopfschmerzen regelmäßig Medikamente ein. 42 Prozent greifen sogar jedes Mal zu Pillen, von denen die meisten in der Apotheke frei verkäuflich sind.

„Die regelmäßige Einnahme von Schmerztabletten gefährdet aber die Gesundheit“, so Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des Aqua-Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen in Göttingen.

Auch bei den Erwachsenen wächst die Zahl der Kopfschmerzdiagnosen. Über alle Altersklassen lag der Zuwachs bei 12,4 Prozent. Insgesamt waren 2015 9,3 Prozent der Bevölkerung betroffen. Das sind 7,6 Millionen Menschen. Am häufigsten wurden Kopfschmerzen im Alter von 19 Jahren diagnostiziert.

19,7 Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe waren betroffen und 13,8 Prozent der Männer. Die Dunkelziffer sei mit Sicherheit weit höher, mutmaßt Straub. „Junge Leute gehen seltener zum Arzt.“ Viele Erkrankungen dürften deshalb gar nicht festgestellt werden.


Eine App soll gegen Kopfschmerzen helfen

Der Barmer-Chef hofft, diese Gruppe in Zukunft mit einer von der Kasse geförderten Migräne- und Kopfschmerz-App erreichen zu können. „M-sense“ heißt die 2016 von dem Unternehmen Newsenselab GmbH entwickelte Anwendung. Sie ging 2016 in der Android-Version an den Start. In diesem Jahr soll die Apple-Version folgen.

Barmer-Chef Straub hält viel von dem Produkt. „M-sense ist die einzige App zur Kopfschmerzprävention, die auf dem deutschen Markt als Medizinprodukt zertifiziert ist.“ Sie funktioniere als digitaler Assistent für Menschen mit Kopfschmerzen. So könne mit ihrer Hilfe der Verkauf von Migräne- und Spannungskopfschmerzen gemessen und analysiert werden.

Gemeinsam mit der Telekom solle nun als nächstes ein Pilotprojekt gestartet werden, um die App weiter zu entwickeln. Betroffene Telekom-Mitarbeiter sollen dabei neue Funktionen von M-sense wie die therapeutische und präventive Begleitung testen.

Auf Krankenschein gibt es die App allerdings bislang noch nicht. Straub hofft jedoch, dass er sie bis Mitte des Jahres einer Reihe weiterer Unternehmen als Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements kostenlos anbieten kann. Bis dahin warnt die Barmer Patienten davor, unbedacht zu Kopfschmerzmitteln zu greifen.

Besonders beunruhigend sei, dass junge Patienten dabei immer häufiger zu starken Medikamenten wie Migränemitteln greifen. Deren Verordnungsrate sei bei den 18- bis 27-Jährigen seit 2005 um fast 60 Prozent gestiegen. Über alle Altersgruppen lag der Anstieg nur bei 9,9 Prozent.


Fataler Kreislauf: Von der Pille zum Schmerz

Migräne-Mittel wie Sumatriptan seien wunderbar für Menschen mit einer echten Migräne. Würden sie jedoch zu oft eingesetzt gebe es eine unerfreuliche Nebenwirkung. Und die heißt Kopfschmerzen. „Die Betroffenen sitzen dann in einer Pillenfalle“, so Straub.

Die Zunahme von Kopfschmerz vor allem bei den Jungen hat auch eine finanzielle Kehrseite, so Joachim Szecsenyi vom Aqua-Institut. Nur sieben von 100 Menschen in Deutschland waren 2015 nicht in ärztlicher Behandlung.

Bei den Frauen lag die Behandlungsquote sogar bei 96 Prozent und ist somit genauso hoch wie in den beiden Vorjahren. Bei den Männern waren es 90 Prozent. Die besten Patienten aus der fiskalischen Sicht der Krankenkassen waren die 20-24 jährigen Männer: Sie verursachten im Durschnitt nur Therapiekosten beim Arzt von 209 Euro. Die teuersten Patienten sin die Männer zwischen 85 und 89 Jahren mit durchschnittlichen Kosten von 1153 Euro.

Da es in Ballungszentren ein besonders hohes Angebot an Arztpraxen gibt, sind dort auch die Kosten höher. Hamburg und Berlin sind die Spitzenreiter mit durchschnittlichen Arztkosten pro Versicherten von 623 bzw. 615 Euro. Das sind 14,7 beziehungsweise 13,2 Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt von 543 Euro.

Im ländlich strukturierten Brandenburg kommt man dagegen mit 501 Euro je Versicherten aus. Spitzenreiter bei den Krankheiten ist übrigens trotz des starken Zuwachses nicht der Kopfschmerz, sondern Rückenschmerzen, 29 Millionen Einwohner, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, wurden 2015 von Bandscheibenproblemen, Hexenschuss und Co. geplagt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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