Von Unternehmen finanzierte Forschung: "Unser Forschungssystem gerät auf die schiefe Bahn"

InterviewVon Unternehmen finanzierte Forschung: "Unser Forschungssystem gerät auf die schiefe Bahn"

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Horst Hippler (links), 68, und Christian Kreiß (rechts), 52.

von Susanne Kutter und Christian Schlesiger

Korrumpiert Geld aus der Industrie die Hochschulen? Oder sichert es im Gegenteil unseren Wohlstand? Ein Streitgespräch.

WirtschaftsWoche Online: Professor Kreiß, warum lehnen Sie die von Unternehmen finanzierte Forschung so radikal ab? Hatten Sie ein Aha-Erlebnis?

Kreiß: Ja, ich hatte mich an der Hochschule München auf einen Stiftungslehrstuhl für Corporate Finance beworben. Der Sponsor, ein Unternehmensberater, war ein netter Kerl, aber nach vielen schlaflosen Nächten fürchtete ich doch die Schere im Kopf und blieb an meinem – öffentlich finanzierten – Lehrstuhl der Hochschule Aalen. Da bin ich frei und kann unterrichten, was ich will.

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Hippler: Aber Sie müssen sich doch in beiden Fällen danach richten, was die Hochschule von Ihnen will, Sie haben Vorgaben, wie viel und was Sie unterrichten sollen.

Kreiß: Natürlich, ich decke dort das Gebiet Unternehmensfinanzierung ab, aber das kann ich systemkritisch oder systemstützend tun. Ganz so, wie ich das will.

Vitae

  • Horst Hippler

    Horst Hippler, 68, ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. In Karlsruhe fusionierte der Physiker Uni und ehemaliges Kernforschungszentrum zum Karlsruher Institut für Technologie.

  • Christian Kreiß

    Christian Kreiß, 52, ist Professor für Finanzierung an der Hochschule Aalen. Sein Buch „Gekaufte Forschung“ erscheint jetzt. In „Geplanter Verschleiß“ warf er der Industrie Produktmanipulation vor.

Wer hätte Sie in München gegängelt?

Kreiß: Hätte ich diese auf fünf Jahre befristete Professur angenommen und mich nach der Finanzkrise kritisch über das Investmentbanking geäußert, wäre ich dort sicher nicht weiter verpflichtet worden.

Hippler: Bei jeder befristeten Professur müssen Sie sich erneut begutachten lassen.

Kreiß: Aber nicht politisch, inhaltlich oder nach den Vorgaben des Sponsors. Hier nimmt Wirtschaft Einfluss auf Forschung und Lehre. Und das in wachsendem Maße: So gab es in den Sechzigerjahren in Deutschland keine einzige Stiftungsprofessur. Heute sind laut Stifterverband etwa 1200 der 41 000 Lehrstühle an deutschen Hochschulen industriefinanziert – vor allem bei den Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen, Ingenieuren und den Lebenswissenschaftlern. Das finde ich sehr bedenklich.

Wie sich die Hochschulfinanzierung zusammensetzt

  • Grundfinanzierung

    Einen Großteil der Hochschulfinanzierung übernehmen die Bundesländer. Sie tragen rund 80 Prozent der sogenannten Grundfinanzierung der Hochschulen.

  • Bund

    Gut zehn Prozent steuert der Bund über die Finanzierung von Forschungsprojekten zum Unihaushalt bei. Da wären unter anderem die Exzellenzinitiative oder der Hochschulpakt. So kommen letztlich 90 Prozent der Gelder für die Hochschulen von der öffentlichen Hand.

  • Private Geber

    Die verbliebenen zehn Prozent kommen aus privaten Quellen: Studienbeiträge der Studenten, Förderung durch die Wirtschaft und Auftragsforschung.

Besorgt Sie das ebenfalls, Professor Hippler?

Hippler: Nein, das sind undifferenzierte Unterstellungen. Was ich allerdings sehe: Anfangs finanzierte die Wirtschaft solche Lehrstühle für zehn Jahre. Anschließend garantierte etwa in Baden-Württemberg das Land die Mittel. Heute bezahlt die Industrie oft nur fünf Jahre, und danach ist unklar, wie es weitergeht. Das ist nicht nachhaltig.

Kreiß: Das Problem ist doch ein ganz anderes. Zum Beispiel finanzieren die Arbeitgeberverbände ein juristisches An-Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und stellen dort eben nur Professoren ein, die unternehmensfreundlich sind, worüber die IG Metall verständlicherweise erbost ist. Die Arbeitgeber lenken Lehre und Forschung in eine gewerkschaftskritische Richtung – und die Professoren geben das auch so an die jungen Menschen weiter, die bei ihnen studieren. Das ist ein Unding.

Auch ohne Wirtschaftsförderung besitzen Hochschulen unterschiedliche Profile. So gilt Freiburg als wirtschaftsliberal, Bremen als gewerkschaftsfreundlich. Technische Universitäten wie Aachen, München oder Karlsruhe sind sehr anwendungs- und damit industrienah.

Kreiß: Ja, aber das haben die Forscher dort so gewollt und nicht das Geld, das Kapital.

Hippler: Das ist doch Unsinn. Nicht die Stifter bestimmen die Richtung, sie suchen sich allerdings ein Umfeld, das zu ihnen passt.

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