Wirkungslose Antibiotika: Gefährlicher Kampf gegen Killerkeime

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Wirkungslose Antibiotika: Gefährlicher Kampf gegen Killerkeime

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Die Sanofi-Forscher Hammann (links) und Maas wollen Pilzen und Bakterien neue Antibiotika entlocken.

von Susanne Kutter

Sterben wir bald wieder an Lungenentzündungen? Die Gefahr besteht, weil die meisten Pharmakonzerne jahrzehntelang die Antibiotikaforschung vernachlässigt haben – und nun immer mehr dieser Medikamente gegen Killerkeime versagen.

Eiskalter Nebel steigt auf. Jochen Maas und Peter Hammann ziehen vorsichtig einen Schieber mit Hunderten Plastikröhrchen aus dem fast 200 Grad kalten Stickstofftank. Was die beiden da in einem Labor des französisch-deutschen Pharmakonzerns Sanofi aus einer Art tiefgekühltem Hochsicherheitstrakt heben, sind teils mehr als 100 Jahre alte Mikroben. Die gut 120.000 Pilz- und Bakterienstämme sind nicht bloß ein unbezahlbarer Schatz des Unternehmens. Vor allem sind sie so etwas wie die Lebensversicherung der Menschheit gegen immer neue Formen extrem aggressiver, lebensbedrohlicher Keime.

Diesen Schatz wollen Maas, Forschungschef von Sanofi Deutschland, und Hammann, der beim Unternehmen weltweit für Innovationen zuständig ist, nun heben. In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Gießener Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie suchen sie nach modernen und hochwirksamen Medikamenten gegen bakterielle Infektionen wie Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen – nach neuen Antibiotika.

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Wie man Antibiotika richtig einsetzt

  • Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

    Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

  • Antibiotika sparsam verwenden

    Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

    Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

  • Antibiotika richtig dosieren

    Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen
    dann an die Nachkommen weiter.

  • Sorgfältig desinfizieren

    Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

  • Früh diagnostizieren

    Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet
    angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Zahlreiche solcher Wirkstoffe sind schon aus dieser Sammlung hervorgegangen. Doch das ist lange her. Wie fast alle Pharmakonzerne hatte auch Sanofi die Antibiotikaforschung weitgehend aufgegeben. Es gab ja so viele, inzwischen spottbillige Medikamente gegen einst tödliche Seuchen wie Syphilis und Tuberkulose oder gegen Allerweltsinfekte wie Mittelohr- und Blasenentzündungen. Noch entscheidender: Mit Herz- oder Krebsmitteln, die Kranke jahrelang einnehmen müssen, ließ sich viel mehr verdienen als mit Antibiotika. Denn die muss der Patient meist nur wenige Tage schlucken, um gesund zu werden.

Inzwischen hat sich die Lage aber extrem zugespitzt. Die Allzweckwaffe Antibiotikum droht ihre Schlagkraft zu verlieren. Viele Erreger sind resistent geworden. Längst besiegt geglaubte Seuchen kehren zurück. Die Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO schlagen bereits lautstark Alarm. In ihrem jüngst veröffentlichten ersten globalen Resistenz-Report malen sie ein geradezu apokalyptisches Bild. Passiere nichts, müssten Ärzte bald wieder hilflos zusehen, wie Menschen an heute gut heilbaren Erkrankungen oder selbst kleinsten Wundinfektionen sterben.

Antibiotika-Resistenz Harmlose Infektionen, tödliches Ende

Lange schienen Antibiotika sicher gegen gefährliche Infektionen. Doch nun sind weltweit immer mehr Bakterien resistent. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer neuen Ära.

Bakterielle Infektionskrankheiten werden immer gefährlicher. Der Grund: eine gefährlich starke und weltumspannende Zunahme der Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika und andere mikrobielle Medikamente. Quelle: dpa

Die Lage ist so brisant, dass selbst Regierungen investieren, um der Pharmaindustrie die Keimabwehr wieder schmackhaft zu machen: Der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline erhält 200 Millionen Dollar vom US-Gesundheitsministerium, um in den kommenden fünf Jahren neue Resistenzbrecher zu entwickeln. Die Europäische Union plant Ähnliches mit dem Programm New Drugs for Bad Bugs.

Inzwischen haben neben Sanofi auch andere Branchengrößen, etwa Roche oder Bayer, eine Kehrtwende gemacht und investieren erneut in die Forschungsfelder, die sie vor Jahren geschlossen oder abgespalten hatten. Sie alle rechnen nun mit guten Geschäften. Angesichts der neuen Notlage sind Kassen und Patienten zumindest in der wohlhabenden Welt bereit, für wirksame Antibiotika viel Geld zu zahlen.

Doch während es Jahre dauern wird, bis aus den jetzt angestoßenen Forschungsprojekten der Branchenriesen marktreife Medikamente entstanden sind, sind einige wenige Pharma- und Biotechfirmen schon weiter, die unbeirrt die Forschung weiter betrieben haben.

Sie sind nun mit neuen Medikamenten schon am Start oder kurz vor der Marktreife. Auf ihnen ruhen große Hoffnungen. Denn auf diese neuen Mittel wird es ankommen, wenn die Menschheit im 21. Jahrhundert das Feld nicht wieder krank machenden Bakterien überlassen will.

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