Zika-Opfer in Brasilien: „Wir jagen immer hinterher“

Zika-Opfer in Brasilien: „Wir jagen immer hinterher“

, aktualisiert 22. Oktober 2016, 12:28 Uhr
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Brasilien hat bisher mehr als 2000 Mikrozephalie-Fälle bestätigt. Mehr als die Hälfte der Opfer stammt aus armen Familien mit einem Monatseinkommen unter 70 Dollar.

Quelle:Handelsblatt Online

Viele brasilianische Familien, deren Kind nach einer Zika-Infektion behindert zur Welt kam, stehen am Rande der Existenz. Das völlig unterfinanzierte Gesundheitssystem des Landes kann diese Menschen kaum unterstützen.

RecifeAngelica Pereiras Zuhause liegt in einer unbefestigten Straße, in der der Müll in den Pfützen schwimmt. Im Morgengrauen verlässt die 21-Jährige mit ihrer einjährigen Tochter das kleine weiße Haus und wartet auf das Fahrzeug, das sie abholen soll. Es kommt zwei Stunden zu spät und Pereira weiß: Die Zeit wird später für die Therapie fehlen. Ihre Tochter ist behindert, weil sich Pereira während der Schwangerschaft mit dem Zika-Virus infiziert hatte.

Die brasilianische Regierung hat betroffenen Familien Unterstützung angeboten, zum einen in Form von Therapien für die Kinder, zum anderen finanzieller Art: Umgerechnet 275 Dollar (250 Euro) zahlt der Staat pro Monat, sofern das Haushaltseinkommen unter 70 Dollar liegt.

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Doch das reicht hinten und vorne nicht. Insbesondere die Medikamente, für die die Regierung nicht aufkommt, sind teuer. „Wir jagen immer irgendetwas hinterher“, sagt Pereira. „Wir müssen alles andere stehen und liegen lassen, die Arbeit, unseren Haushalt.“ Pereira fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen.

Das Zika-Virus wird von der Ägyptischen Tigermücke übertragen. Bei Erwachsenen verläuft eine Infektion meist harmlos. Doch für Ungeborene ist der Erreger höchst gefährlich: Er kann zum Beispiel Mikrozephalie verursachen, eine Schädelfehlbildung, die wiederum schwere Behinderungen nach sich zieht.

Mehr als die Hälfte der Opfer stammt aus armen Familien

Brasilien hat bisher mehr als 2000 Mikrozephalie-Fälle bestätigt. Nach Angaben von Gesundheitsminister Ricardo Barros sind die meisten betroffenen Babys in Reha-Einrichtungen in Behandlung. Mehr als die Hälfte der Kinder stamme aus armen Familien mit einem Monatseinkommen unter 70 Dollar.

Gegen diese Einkommensgrenze wollen einige Familien nun rechtlich vorgehen. Sie planen, die Regierung zu verklagen, so dass mehr Betroffene Anspruch auf Unterstützung durch den Staat haben. „Diese Frauen brauchen finanzielle Hilfe. Sie wohnen in abgelegenen Gegenden und jeden Tag haben sie neue Probleme mit ihren Kindern“, sagt die Anwältin Viviane Guimaraes. Sie vertritt Familien, deren Kinder aufgrund einer Zika-Infektion behindert zur Welt kamen.

Das staatliche Gesundheitssystem in Brasilien ist völlig unterfinanziert. Patienten, die es sich leisten können, schließen private Krankenversicherungen ab. Die anderen müssen oft monatelang auf eine Behandlung warten. So auch die kleine Luhandra. Das zehn Monate alte Baby benötigt eine spezielle radiologische Untersuchung, die sogenannte Hirnszintigraphie.

Vor einigen Wochen, erzählt ihre Mutter, konnte Luhandra noch aufrecht sitzen und feste Nahrung zu sich nehmen – mittlerweile bewegt sie sich kaum noch. Seit drei Monaten hofft Jusikelly da Silva darauf, ihre Tochter einem Spezialisten vorstellen zu dürfen. „Es ist schrecklich, weil ich den Eindruck habe, dass es schlimmer wird, je länger ich auf diese Untersuchungen warte“, sagt Silva.


Die Krankheit bedroht Existenzen

Viele Mütter leihen sich in ihrer Verzweiflung Geld von Verwandten, um private Krankenhäuser oder Ärzte bezahlen zu können. Für Silva ist das keine Option. Es sei schon ein Kampf, Babynahrung kaufen zu wollen, sagt die fünffache Mutter. Die Familie lebt von umgerechnet knapp 230 Euro, die Silvas Mann als Lagerarbeiter verdient.

Recife möchte ein Behandlungszentrum aufbauen, in dem Kinderärzte, Neurologen, Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten unter einem Dach arbeiten. Doch die brasilianische Regierung habe dafür noch kein Geld zur Verfügung gestellt, sagt der Gesundheitsminister des Staates Recife, Jailson Correia.

Aus dem städtischen Haushalt werden laut Correia Medikamente gegen Epilepsie bezahlt. Aber das, so warnt er, könne sich Recife nicht ewig leisten. Die Finanzsituation sei schon jetzt sehr angespannt.

Die Behandlung von Kindern mit neurologischen Problemen ist kostspielig. Modellrechnungen zufolge müssen für jedes Kind mit Mikrozephalie in Brasilien etwa 95.000 Dollar (86.000 Euro) aufgewendet werden. Jorge Alfaro-Murillo von der Yale School of Public Health hält diese Schätzung noch für untertrieben: Die tatsächlichen Kosten seien voraussichtlich deutlich höher, erst recht, wenn man spezielle schulische Förderung und Einkommensverluste hinzurechne.

Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück

Wie existenzbedrohend ein behindertes Kind für die betroffenen Familien sein kann, zeigt der Fall von Ana Carla Maria Bernardo. Die 24-Jährige musste ihren Schönheitssalon schließen, nachdem bei ihrer Tochter Carla Elisabethe noch im Mutterleib eine Hirnfehlbildung aufgrund einer Zika-Infektion diagnostiziert worden war. Zu allem Überfluss hat auch der Vater der kleinen Carla kürzlich seine Stelle als Türsteher verloren.

Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück – so lange dauert es jedes Mal, wenn Bernardo und Carla von ihrem Wohnort am Stadtrand von Recife zum Reha-Zentrum müssen. „Ich wünschte, die Regierung würde uns helfen“, sagt die junge Mutter. „Sie haben die Mittel. Sie müssten sich nur für uns interessieren.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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