Zukunftslabor 2020: Maßgeschneiderte Medikamente

Zukunftslabor 2020: Maßgeschneiderte Medikamente

, aktualisiert 03. Dezember 2011, 10:18 Uhr
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Eine Fabrik von Roche in Basel.

von Siegfried HofmannQuelle:Handelsblatt Online

Forscher von Roche arbeiten sich Schritt für Schritt an die biochemischen Wurzeln vieler Krankheiten heran. Keine Firma verfolgt das Konzept der maßgeschneiderten Medizin so konsequent wie die Schweizer.

FrankfurtDie Medizin von morgen beginnt mit einem feinen Schnitt. Zwei tausendstel Millimeter dünn sind die weißlichen Scheiben, die ein High-Tech-Hobel aus einem kleinen Parafinblock herausschneidet. Darin eingebettet: das Tumorgewebe einer Brustkrebspatientin. Ein Laborautomat wird die Gewebeprobe später mit Testreagenzien behandeln. Unter speziellen Mikroskopen wird dann sichtbar, welche Substanzen wo in den Tumorzellen angedockt haben.

Für Susanne Arbogast ist diese Prozedur ein erster Schritt auf der Suche nach neuem Wissen über die Tumorzellen. Die 44-jährige Medizinerin leitet die Abteilung Pathologie im Biotech-Forschungszentrum von Roche im bayerischen Penzberg. Sie führt einen von mehreren Spähtrupps an, die für den Schweizer Pharma-Riesen neue molekulare Ziele für Medikamente auskundschaften. „Wir wollen verstehen, was genau auf molekularer Ebene eigentlich dafür sorgt, dass zum Beispiel eine Zelle zur Krebszelle wird.“

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Hinter dieser Forschungsarbeit steht ein Paradigmenwandel, der die Medikamententherapie in den nächsten Jahrzehnten radikal verändern wird. Forscher von Universitäten und Pharmafirmen lösen sich davon, Krankheiten allein nach ihren äußeren Symptomen und Erscheinungsformen zu definieren. Sie tasten sich vielmehr intensiv an die inneren biochemischen Ursachen heran.

Auf die Forscher warten gravierende Herausforderungen. Denn Krebs und viele andere Krankheiten entstehen dadurch, dass nicht nur einzelne chemische Signalketten in den Körperzellen aus dem Ruder laufen, sondern mehrere, womöglich sogar Dutzende. Und es gibt viele feine Varianten in den Fehlsteuerungen. Auf molekularer Ebene hat am Ende jeder Mensch seinen ganz individuellen Krebs, Bluthochdruck oder Alzheimer.

Was die Pharmaforschung so kompliziert macht, eröffnet ihr auf der anderen Seite neue Perspektiven. Denn je genauer die molekularen Fehlentwicklungen identifiziert werden, umso präziser lässt sich eine Therapie auf die Krankheit und den Patienten abstimmen – mit entsprechend besseren Heilungschancen.

Am Ende des Weges lockt das Modell einer maßgeschneiderten Medikamententherapie, das Modell der personalisierten Medizin. Krankheiten wie Krebs, Rheuma oder Asthma, so die Vision, werden in der Welt von morgen anhand von einigen Dutzend molekularen Parametern definiert, die mit einer Kombination aus Gewebe-, Blut und Gendiagnostik ermittelt werden. Der Patient erhält eine Behandlung, die präzise auf den molekularen Fingerabdruck seiner Erkrankung abgestimmt ist und um Längen besser wirkt als heutige Arzneien.

Das hört sich 2011 noch wie Science-Fiction an, doch die ersten Schritte auf dem Weg sind getan. Keine andere Firma hat sich dem neuen Konzept so klar verschrieben wie der Baseler Pharmakonzern Roche. „Personalisierte Medizin ist für uns ein ganz zentrales Konzept, um Medikamente mit viel höherer Wirksamkeit und Sicherheit zu entwickeln“, sagt dessen Vorstandschef Severin Schwan.

Hält die neue Medizin, was sie verspricht, könnte sie ein Problem überwinden, das Patienten, Gesundheitssysteme und Pharmafirmen seit Jahrzehnten gleichermaßen plagt: Viele Arzneien wirken heute zwar bei einigen Menschen hervorragend, bei vielen aber nur schwach oder gar nicht. Bei manchen Patienten richten sie sogar Schaden an.

Die Arzneimittelhersteller müssen riesige klinische Studien auflegen, um wenigstens im Durchschnitt eine positive Wirkung zu zeigen. Unzählige Entwicklungsprodukte scheitern an der statistischen Hürde, obwohl sie bei kleinen Subgruppen von Patienten durchaus helfen könnten. Gelingt es, diese Patienten anhand genetischer oder anderer Merkmale zu identifizieren, wachsen die Erfolgsaussichten dramatisch. Die Zahl der potenziellen Kunden wird zwar geringer, aber die Chancen, ein Medikament mit hoher Wirkung auf den Markt zu bringen, steigen.

Wichtigster Wegweiser in die neue Welt war bisher das Brustkrebsmedikament Herceptin, das Roche Ende der 90er-Jahre auf den Markt brachte. Es blockiert gezielt einen überaktiven Rezeptor mit der Bezeichnung Her2 und wirkt daher nur bei Patientinnen, deren Krebszellen diesen Rezeptor tragen. Nach und nach werden mehr dieser molekularen Schalter für die Entartung von Zellen identifiziert. Vor wenigen Wochen erhielt Roche die Zulassung für ein neuartiges Hautkrebsmittel, das auf diejenigen Tumore zugeschnitten ist, bei denen ein Gen namens BRAF mutiert ist. Ein neues Lungenkrebsmedikament von Pfizer blockiert gezielt einen chemischen Mechanismus, der von einer speziellen Variante des sogenannten ALK-Gens ausgelöst wird.

Die Suche nach Eiweißstoffen oder Genvarianten, die Rückschluss auf die jeweiligen Krankheitsauslöser erlauben, den sogenannten „Markern“, wird damit ebenso wichtig wie die Medikamentensuche selbst. Rund 20 solcher Tandems aus Arzneimittel und Begleitdiagnostik sind in Deutschland bereits auf dem Markt. Die US-Arzneimittelbehörde FDA listet mehr als sechs Dutzend Biomarker auf, die als Steuerungsparameter für die Medikamentenbehandlung anerkannt sind. Hunderte weitere dürften in den nächsten Jahrzehnten hinzukommen, wenn sich die neuen Konzepte als erfolgreich erweisen

Fast alle großen Pharmahersteller haben die Suche nach solchen Markern inzwischen in ihre Forschung integriert. Bei Roche sind inzwischen sechs von zwölf fortgeschrittenen Medikamentenkandidaten und mehr als die Hälfte der frühen Forschungsprojekte mit begleitender Diagnostik gekoppelt. Die personalisierte Medizin werde nicht nur bei der Krebsbehandlung eine zentrale Rolle spielen, sondern „auch bei Entzündungs- und Autoimmunkrankheiten wie Rheuma und Asthma“, sagt Schwan. Selbst für neurologische Krankheiten zeichnet sich ab, dass neue molekulare Parameter das Tor zu besseren Therapien öffnen.

So arbeiten die Roche-Forscher in Penzberg an einem Marker, der die Alzheimer-Erkrankung im Frühstadium erkennen kann. Ein dazu passender Wirkstoff, der das Voranschreiten der Demenzerkrankung bremsen oder gar blockieren kann, befindet sich in früher klinischer Entwicklung.

Dafür, dass beide Seiten rechtzeitig und reibungslos zusammenfinden, sorgt Gabriele Pestlin. Sie ist einer von fünf „Liaison-Managern“, die im Roche-Konzern die Kooperation zwischen Pharma- und Diagnostikforschung koordinieren. Dabei geht es um die Verteilung von Ressourcen, aber auch um die Wissenschaft. „Roche ist so groß, dass nicht jeder weiß, was intern an Wissen zur Verfügung steht. Es ist für uns aber von großer Bedeutung, bereits in einer frühen Phase Ideen und Technologien zusammenzuführen“, so Pestlin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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