Zukunftslabor 2020 : Siemens plant die neue industrielle Revolution

Zukunftslabor 2020 : Siemens plant die neue industrielle Revolution

, aktualisiert 20. November 2011, 18:51 Uhr
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Animation einer digitalen Fabrik: Das Bild zeigt einen Autositz, der sich auch als Fahrzeug für Behinderte eignet.

von Axel HöpnerQuelle:Handelsblatt Online

An neuen Produkten zu arbeiten, ist Siemens zu wenig: Der Konzern will die Art und Weise der Herstellung komplett verändern - mit Hilfe der digitalen Fabrik. IT-Entwickler arbeiten dazu an einer speziellen Software.

AmbergFür die Fabrik der Zukunft hat Siemens eine ziemlich entlegene Gegend ausgesucht. Nicht im Silicon Valley liegt sie, und auch nicht in den chinesischen Boomregionen - sondern in der tiefsten Oberpfalz. Und doch ist das Elektronikwerk in Amberg zu einer Pilgerstätte für die Produktionsplaner der Industriekonzerne dieser Welt geworden. Alle großen Autobauer haben bereits ihre Experten geschickt, Flugzeug- und Maschinenbauer, auch die Getränkeindustrie. Sie wollen einen Blick in die nächste Dekade werfen.

Denn hier ist etwas zu besichtigen, worüber schon lange gesprochen wird, was heute noch die Ausnahme ist, und was in Zukunft die Produktion weltweit revolutionieren soll: die digitale Fabrik.

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Jeder Handgriff wird vom Computer nachempfunden

Digital heißt keineswegs nur virtuell: Die geduckten, in schlichter Ziegelbauweise gehaltenen Fabrikhallen in Amberg sind ziemlich real und teils schon 20 Jahre alt. Das neue, futuristische ist, dass die Fertigungslinien vor Errichtung komplett am Rechner geplant und simuliert worden sind, inklusive der einzelnen Arbeitsplätze. In der laufenden Produktion erfassen zudem 1000 Scanner jeden Tag rund eine Million Ereignisse - so weiß die Steuerzentrale stets, wer gerade was macht und wo sich welches Teil befindet. In zehn bis 20 Jahren, so die Siemens-Vision, soll das weltweit Standard sein.

Dafür wollen Bagher Feiz-Marzoughi und seine Mannschaft sorgen. Der gebürtige Perser hat ein kleines Büro in einem der Backsteinbauten. Das Werk ist für Feiz-Marzoughi ein großes Labor, in dem die neuesten Entwicklungen eingesetzt und vorangetrieben werden können. Auf seinem Laptop wirft er einen Blick in die Zukunft: Zu sehen ist die Simulation des Arbeitsplatzes einer Beschäftigten, die Leiterplatten bestückt, jeder ihrer Handgriffe wird vom Computer nachempfunden. Eine Ampel zeigt an, welche Tätigkeit ergonomisch in Ordnung ist, und welche zum Beispiel den Rücken zu stark belastet.

Es ist nur ein kleines Beispiel, wie die Arbeitsplätze der Zukunft geplant werden. Das Interesse in der Industrie ist groß: Wegen der Alterung der Gesellschaft muss auch die Arbeitskraft älterer Angestellter künftig effektiver genutzt werden, die Arbeitsplätze müssen sich anpassen. Er wisse, wovon er da spreche, sagt Feiz-Marzoughi selbstironisch: "53 Jahre, kräftige Statur, Bandscheibenvorfall L5."


Nervensystem der Industrieproduktion

Bei der Fabrik der Zukunft, wie sie Siemens in zehn Jahren für seine Kunden entwickeln will, geht es um mehr: kürzere Wege, schnellere Entwicklungszeiten, weniger Fehler bei der Produktion, Energieeffizienz. Die Informationstechnik als Nervensystem der Industrieproduktion - so lautet die Mission von Feiz-Marzoughi, die er gestenreich und mit leuchtenden Augen vorträgt. Das ist für ihn die neue industrielle Revolution.

Alle Prozesse, von der Entwicklung eines Produkts über das Design bis zur Planung der Fertigungslinie und zur Überwachung der Abläufe, sollen digital erfasst und miteinander verknüpft werden. Mit Siemens-Software und Siemens-Automatisierungstechnik natürlich. So kann, noch während ein Produkt entwickelt wird, schon die dazugehörige Produktion am Rechner simuliert werden.

Ermöglichen sollen das ausgefeilte Programme. Hier macht Siemens dem Pionier auf dem Markt Konkurrenz, der französischen Dassault Systèmes. Das Softwarehaus gehört zum Imperium der Dassault-Familie, deren Stammgeschäft der Bau von Privatjets und Kampfflugzeugen wie der Rafale ist. Zum Design und Bau der Flugzeuge hatte das Unternehmen seine eigene Planungssoftware entwickelt. Daraus entwickelte Dassault dann ein eigenes Geschäftsfeld. Das dreidimensionale Entwicklungsprogramm Catia nutzen etwa Autokonzerne, selbst Crashtests lassen sich damit simulieren.

Den Dschungel lichten

Was bislang fehlt, ist die durchgängige Verknüpfung der vielen Entwicklungsschritte. Ideen gibt es schon lange, doch bislang scheiterte viel an fehlenden Speicher- und Rechnerkapazitäten. Die rasanten Fortschritte in der IT machen nun viel möglich: "Erst jetzt ist die Zeit reif dafür", sagt Feiz-Marzoughi. "Integration" und "Durchgängigkeit" sind seine Kernbegriffe, mit denen er missionarisch vor Studenten, Produktionsexperten und im eigenen Haus wirbt. Alles soll miteinander vernetzt werden.

Flugzeugbauer simulieren ihre Teile schon heute zunächst komplett am Computer. Künftig sollen gleichzeitig bereits die Fabriken für das neue Produkt geplant werden. Bislang verhindert dies ein Durcheinander an nicht miteinander vereinbaren Programmen. Siemens will den Dschungel lichten. Aktuell arbeiten die Entwickler an einer umfassenden Software, die die Zeit von der Idee bis zur Marktreife halbieren soll. Davon träumen nicht nur die Autobauer mit ihren immer kürzeren Modellzyklen.


Kurs auf die Weltspitze

Doch die Technik ist teuer, nicht jedes Unternehmen kann sich das volle Programm leisten. "Einem Mittelständler hilft keine Lösung, für die er sechs Großrechner aufstellen muss", sagt Feiz-Marzoughi. Seine Teams entwickeln daher Lösungen nach dem Baukastenprinzip, die in ein paar Jahren den Durchbruch im breiten Markt schaffen können.

Siemens sieht sich als Pionier, weil kaum einer der Konkurrenten die Kombination von Soft- und Hardware bieten könne. Der Konzern hat seit Jahrzehnten Erfahrung in der Industrieautomatisierung gesammelt.

Zugleich sind die Münchener - von vielen unbemerkt - längst auch ein IT-Gigant. Als Feiz-Marzoughi vor 22 Jahren bei Siemens anfing, steckte das Feld noch in den Kinderschuhen. Der Nachrichtentechniker implementierte SAP-Systeme bei Siemens - wenn es irgendwo hakte, fuhr er mit dem Auto zu den Softwarespezialisten nach Walldorf und holte sich eine CD-Rom mit dem passenden Programm ab.

In einer Liga mit SAP und Microsoft

Heute spielt Siemens mit rund 17.000 Programmieren - mehr als jeder zweite F&E-Beschäftigte - selbst in einer Liga mit SAP und Microsoft. Forschungschef Reinhold Achatz steckt rund die Hälfte seines vier Milliarden Euro schweren Budgets in Softwareentwicklungen. Der Konzern setzt dabei stark auf Impulse von außen. Mehr als 1000 Kooperationen sollen für ständig neue Ideen sorgen.

In Sachen digitaler Fabrik sieht sich Siemens bereits in der Weltspitze - so wie das Formel-1-Team Red Bull Racing von Doppelweltmeister Sebastian Vettel. In der Formel-1-Fabrik in Milton Keynes ist Siemens-Software im Einsatz: Mit ihr können die Ingenieure am Computer neue Komponenten konstruieren, diese per Mausklick produzieren lassen und anschließend in das Fahrzeug einbauen.

In zehn Jahren kann so etwas in vielen Branchen möglich sein - wenn Siemens-Visionär Feiz-Marzoughi seinen Kampf gegen die Grenzen gewinnt. Den langen Atem dafür hat er: In diesem Jahr hat er bereits drei Halbmarathons absolviert.

Quelle:  Handelsblatt Online
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