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Datenhaie: Sie wissen alles über Sie

von Thomas Kuhn und Sebastian Matthes

Im Supermarkt, im Büro, im Verkehr: Überall hinterlassen wir Datenspuren. Die fügen Unternehmen nun zu einem Bild zusammen. Daraus entstehen Profile unserer geheimen Wünsche und Gewohnheiten. Das wirkliche Ende der Privatsphäre steht bevor.

Kontoauszug unter der Lupe: Quelle: dpa
Kontoauszug unter der Lupe: Kunden werden durch das Abbuchen von Kleinstbeträgen geprellt Quelle: dpa

Im Supermarkt reicht ein Handstreich über den Fingersensor – schon ist der Einkauf bezahlt. Wer Zug fährt, braucht keinen Fahrschein mehr – das Handy merkt sich den Reiseweg und ermittelt den günstigsten Tarif. Manager in Unternehmen identifizieren Leistungsträger nicht mehr in Assessment-Tests, sondern anhand ihres Kommunikationsverhaltens und mathematischer Kennziffern ihres Know-hows. Und beim Einkaufsbummel erkennt der Kassencomputer, mit welcher Jacke wir den Laden verlassen, weil sie mit einem eindeutigen Funketikett identifizierbar ist.

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Lange wurde darüber diskutiert, dass all dies bald möglich wird. Nun ist es so weit. Die allgegenwärtige Computertechnik durchdringt weitgehend unbemerkt immer neue Winkel unseres Alltags. Ob zu Hause, im Büro, im Supermarkt, ja selbst in unserem Beziehungsleben. Wo immer wir sind, was immer wir tun, ununterbrochen erzeugen wir einen Strom elektronischer Informationen. Unsere Telefone, Kreditkarten, E-Mail-Konten, selbst Kleidungsstücke und Fahrkarten werden zu Sensoren der Datensammler.

Aus den Bits und Bytes destillieren die Zahlenfresser unsere Interessen. Mit mathematischen und statistischen Werkzeugen versuchen sie vorherzusagen, wie sich Menschen oder Gruppen verhalten, die uns ähnlich sind. Je mehr Daten sie elektronisch durchkämmen, je mehr Individuen sie analysieren, desto klarer werden die Merkmale, die uns charakterisieren, uns adressierbar machen. Jeden von uns.

Data Mining nennen es Spezialisten, wenn sie in den Datenbergen nach verwertbarem Wissen forschen. Oder Reality Mining, weil es zunehmend um Informationen geht, die wir in der Realität erzeugen. Und wenn sich ab dem 2. März die IT-Branche in Hannover zur weltgrößten Computermesse Cebit versammelt, wird die Jagd nach den Geheimnissen von Kunden, Mitarbeitern und Wettbewerbern eines der großen Themen sein.

Subtile Einflussnahme

Die Industrie profitiert von der Leistungsexplosion bei Rechenleistung und Speicherplatz – sowie sinkenden Preisen der Technik. Beides ermöglicht den Statistikern, in der Faktenflut immer feinere Zusammenhänge zu entdecken – und uns subtil zu beeinflussen. „Wenn wir kaufen, sollen wir mehr kaufen, und wenn wir arbeiten, sollen wir produktiver sein“, sagt Stephen Baker, Autor des Buches „Die Numerati“ und einer der prominentesten Beobachter der Data-Mining-Szene.

Bislang galt das vor allem für die virtuelle Welt. Netzgiganten wie Google, Facebook oder Amazon haben die Analyse unseres Verhaltens perfektioniert. Doch gemessen an den Datenspuren, die wir im realen Leben hinterlassen, sind unsere Online-Profile nur ein blasses Abbild.

Zocker oder Zauderer?

Wo Sie einkaufen, ob Sie am Stück oder in Raten bezahlen, ein Haus besitzen oder ein Auto abstottern, Zocker oder Zauderer sind, sich im Golfclub vernetzen oder im Fitnesscenter abrackern, um ihr Gebiss fürchten und eine Zahnversicherung abgeschlossen haben – niemand kennt diese Details Ihres Alltags so genau wie Ihre Bank. Das Wissen reicht bis in intime Tiefen des Beziehungslebens: Ob Sie früheren Lebenspartnern oder Kindern aus Exbeziehungen gegenüber unterhaltspflichtig sind oder einer heimlichen Liebschaft finanziell unter die Arme greifen, Ihr Konto offenbart sogar das.

Und – natürlich – nutzen die großen Geldhäuser dieses Wissen. Sie analysieren mit Computerhilfe die Finanz- und Vermögensentwicklung ihrer Kunden und ordnen sie in Risikogruppen ein. Und plötzlich kommt wie aus dem Nichts die Offerte für die Finanzierung eines Neuwagens oder Alternativangebot zur bestehenden Gebäudeversicherung, kurz bevor die Police fällig ist, die bei einem anderen Anbieter läuft. Wann und warum die Banker ihre Kunden kontaktieren, entscheidet immer öfter die elektronische Analyse der Konten.

13 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 05.03.2010, 10:05 UhrAnonymer Benutzer: Jack

    Früher war es der Nikolaus, der alles sah und in seinem Goldenen buch veröffentlichte,
    später gabe es einmal den Spruch: Derliebe Gott sieht alles -außer Dallas! (wer erinnert sich noch?)
    Heute ist die Elektronik an die Stelle von Gottes Geist getreten. Na und?

  • 25.02.2010, 17:16 UhrAnonymer Benutzer: unbescholtener Bürger

    Staatliche Kontrolle begrüsst!
    Warnende Kommentare zum Datenschutz, zur Sicherung der persönlichen Freiheit gibt es zum Überdruss. Was mich nur wundert: Keiner der berufenen Datenschätzer nimmt daran Anstoss, dass tagtäglich über unsere Straßen Heerscharen staatlich bezahlter Schnüffler fahren, die nichts anderes machen als uns ehrbare bürger zu filmen und zu messen. Das alles in der Hoffnung, Schwerverbrecher zu überführen, die doch tatsächlich anstelle der erlaubten 60 km/h mit 80 (Führerscheinentzug) oder gar 90 (Sicherungsverwahrung?) fahren - auf vierspurigen Stadtautobahnen etc..
    Was ich wann wo eingekauft habe, ist kein Geheimnis, das kann jeder wissen, den es interessiert.
    Aber diese Verkehrsschnüffelei mit anschließender Abzocke zur Finanzierung der unsinnigen öffentlichen Ausgaben, das sollte gebrandmarkt werden!

  • 24.02.2010, 18:18 UhrAnonymer Benutzer: Bärbel

    Datensicherheit hin, Datensicherheit her.
    Wie oft wird man durch plötzlich aufpoppende Anzeigen aufgefordert, doch schnell mal bei einer Meinungsumfrage mitzumachen ? Tut man`s, wird man aufgefordert, persönliche Daten preiszugeben.
    Wer sich communities wie "wer kennt wen", StudiVZ o.ä. anschließt gibt doch außer seiner Kontonummer alles preis. Wen wundert`s, dass diese Seiten werbemäßig ausgebeutet werden. Es gibt sogar Personalchefs, die sich Erkenntnisse über potentielle Mitarbeiter aus diesen Seiten herauslesen. Datenschutz fängt im eigenen Kopf an und der sollte wach genug sein zu bemerken, wenn da irgendwer mehr über mich wissen will, als er für das was er für mich tun will oder soll, unbedingt wissen muss.

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