Der Spion, den wir lieben: Die digitale Welt gehört zu unserer Identität

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Der Spion, den wir lieben: Warum die Deutschen Google und Amazon ins Wohnzimmer lassen

Die digitale Welt gehört zu unserer Identität

Wobei das mit der Bequemlichkeit eben so eine Sache ist. Maren Biermanns Freund, mit dem sie zusammenlebt, stört sich nicht daran, morgens aus dem Fenster zu schauen, wenn er wissen will, wie das Wetter wird. Um rechtzeitig die Bahn ins Büro zu erwischen, verlässt aber auch er sich nicht mehr nur auf den an der Haltestelle ausgehängten Fahrplan. Er sieht auf seinem Smartphone nach. Menschen haben sich längst daran gewöhnt, ihr Leben in die Hand all der digitalen Helfer zu legen. „Das ist auch ein Stück weit Resignation“, sagt Tim Leberecht, der sich als Managementexperte mit all den Facetten einer immer digitaleren Welt beschäftigt. „Wir akzeptieren, dass wir ohne unsere digitale Existenz nicht mehr Teil der Gesellschaft sind. Unsere persönlichen Daten zu teilen wird zunehmend zur Grundlage unserer Identität“, resümiert er.

Amazon Echo und Alexa im Dauertest Das soll die Zukunft sein?

Zwischen Freude und Frustration: Amazons Lautsprecher Echo und die smarte Assistentin Alexa sorgen für ein Wechselbad der Gefühle. Wie sich das Leben mit ihnen verändert und wohin die Reise geht.

Amazon Echo im Test. Quelle: Bloomberg

Google Maps hilft uns, schneller von einem Ort an den anderen zu kommen; WhatsApp, die Verabredungen mit unseren Freunden besser abzustimmen. Dass die Menschen so fast nebenbei Effizienz in immer mehr Bereichen ihres Lebens zum alleinigen Paradigma erhoben haben, das halte er für eine echte Bedrohung, sagt Leberecht. „Wir verlaufen uns nicht mehr. Wir nehmen uns selbst die Möglichkeit, etwas zu entdecken.“ Der Anspruch des Silicon Valley, für jedes alltägliche Problem einfach eine App zu programmieren, reduziere die Welt letztlich auf einen sehr kleinen Ausschnitt – und schränke das freie Denken ein.

Und dennoch glaubt Leberecht nicht daran, dass sich das Rad zurückdrehen lässt. Dass strengere Gesetze die Konzerne davon abhalten können, immer mehr Daten zu sammeln – oder auch nur die Menschen, immer mehr Daten preiszugeben. Viel dringender als die Diskussion darüber, wie viel wir von uns offenlegen, sei deshalb die Diskussion der Frage, wie all diese Informationen verwendet werden.

Nützlich und absurd: Die Amazon Skills

  • Das sind Alexa Skills

    Amazons Alexa lässt sich erweitern – mit Zusatzprogrammen, den sogenannten Skills - im Prinzip Apps, mit denen Alexa interagieren kann. Erhältlich sind die Erweiterungen über die Alexa App, für die Installation sind nur wenige Schritte nötig. Wir haben aus den wichtigsten Kategorien eine Auswahl zusammengestellt.

  • Nachrichten

    Nachrichten-Skills gibt es bei Amazon unter anderem von der WirtschaftsWoche, BBC, Bild, Spiegel Online, der Welt, Heise, dem Kicker oder der NZZ. Der Nutzer kann sich so sein persönliches Nachrichtenprogramm zusammenstellen, das über die Befehle „Alexa, was ist meine tägliche Zusammenfassung?“ oder „Alexa, was sind die Nachrichten?“ gestartet wird.

    Auch das Satiremagazin Postillion sowie Nachrichtenangebote, die eher regional von Interesse sein dürften, finden sich: Die Freiwillige Feuerwehr Pinneberg („Alexa, frage Feuerwehr Pinneberg nach dem letzten Einsatz“) gibt es etwa als Skill.

  • Spiele, Quizze & Zubehör

    Anfang 2017 die umfassendste Kategorie im Bereich der Amazon Skills. Es gibt etwa ein Rollenspiel („Goblinraub“ aus dem „Das-schwarze-Auge“-Universum), schlicht gestartet mit „Alexa, starte Rollenspiel“. Auch Quizze und Rate-Skills gibt es zuhauf. Darunter ein Berlin-Quiz, ein Tier-Quiz und „Stadt, Land, Fluss“. „Katzen-Infos“ soll „interessante, verblüffende und lustige Katzen-Fakten“ ausspucken. „Kina Kunu“ übersetzt, analog zu dem Lied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ des Nutzers auf „kunusisch“. Der „Namen Finder“ bewirbt sich selbst mit „Lass dir zufällig ausgewählte Namen für dein Kind oder Haustier vorschlagen.“ Alles klar: „Alexa, frage Namen-Finder wie ich mein Baby nennen soll.“

    Aber auch tendenziell nützliche Skills gibt es hier: Etwa Mathematik-Rätsel („Alexa, öffne Mathe Knobelaufgaben“) oder einen Saisonkalender für Obst und Gemüse (Obst- bzw. Gemüse-Nerd: „Sind Äpfel gerade frisch?“, „Sind Erbsen gerade frisch?“).

  • Bildung und Nachschlagewerke

    Neben diversen Nachschlage- und Fakten-Skills zu (deutschen) Städten und verschiedenen Staaten gibt es auch in dieser Kategorie ein breites Spektrum an Programmen, manche im Alltag mehr, manche weniger nützlich. So gibt es neben dem Fleckentferner ("Alexa, frag Fleckentferner wie ich Kaffeeflecken entferne", "Wie entferne ich Weinflecken?") auch Fakten über Wasserball (Wasserball Geek). Wer sich mit weniger psychologischen Themen auseinandersetzen möchte, findet aber auch in dieser Kategorie Katzen- (und Pferde-)-Fakten-Skills und diverse Programme für ausgewählte Tageszitate.

  • Neuheiten & Humor

    Wo stehen Goethe-Zitate direkt zwischen dem „Pups-Generator“ und Chuck-Norris-Fan-Witzen? Richtig: Unter „Neuheiten & Humor“ im Alexa-Skill-Bereich bei Amazon. (Ja, die Skills machen alle das, was Sie denken). Hier kann man sich aber auch von Alexa schmeicheln lassen: Mit „Kompliment mich“ erzählt Alexa dem Nutzer etwas Nettes, etwa „Du bist so klug!“. Außerdem kann die „Magische Miesmuschel“ um Rat gefragt werden – und ebenso „Kein Bier vor Vier“; der dazugehörige Befehl: "Alexa, frag ‚Kein Bier vor Vier‘ ob ich jetzt schon Bier trinken kann". Witze erzählt Alexa dem Nutzer etwa mit dem Flachwitz-Skill: "Alexa öffne Flachwitz" oder der „Witze-Box“. Die neuesten Verschwörungstheorien liefert „Der mächtige Aluhut“: „Alexa, frage ‚Mächtiger Aluhut‘ nach der Wahrheit".

  • Lifestyle

    Hier findet sich etwa ein Skill für muslimische Gebetszeiten in München („Alexa, frage ‚Mein Muslim‘ nach dem Nachmittagsgebet“), einer für Diabetiker („Alexa, öffne Broteinheit“) oder auch eine Entscheidungshilfe, welches Haustier man sich anschaffen sollte („Alexa, starte Haustierentscheidung“). Überhaupt, Entscheidungshilfen sind populär: Alexa hilft mit dem passenden Skill auch bei der Suche nach dem richtigen Longdrink oder Gin („Empfiehl mir einen Gin“/ „Alexa, starte ‚Welchen Longdrink soll ich trinken?‘) wie auch bei der Wahl der nächsten Mahlzeit („Alexa, öffne ‚Was soll ich kochen?‘). Aber auch Rezept-Skills sind hier zu finden: Etwa von Chefkoch („Alexa, sage Chefkoch, ich hätte gerne Pasta-Rezepte“) oder „Kitchen Stories“ ("Alexa, frage ‚Kitchen Stories‘ nach einem vegetarischen Rezept") Außerdem dabei: Ein Schwangerschaftsguide der Zeitschrift „Eltern“ und der „Gala“-Skill mit Wissenstests über Stars und Sternchen.

  • Smart Home

    Hier kann Alexa zeigen, was sie kann – wenn sie die richtigen Skills hat und der Nutzer im Besitz der passenden Geräte ist: So kann Alexa etwa die Uhr „LaMetric Time“ die Wettervorhersage anzeigen lassen, „Lightify“ ist ein Skill von Osram, der mit passender Hardware auf folgende Befehle wie „Alexa, schalte Schlafzimmer ein“, „Alexa, dimme die Küche“ reagiert – und mit „Philipps Hue“ lassen sich direkt ganze Lichtstimmungen programmieren. Auch RWE-Tochter innogy hat einen Skill zur Smart-Home-Steuerung entwickelt: „Alexa, stelle das Raumklima Wohnzimmer auf 23°C“, „Alexa, schalte die Deckenleuchte Wohnzimmer ein“, „Alexa, stelle die Rollläden im Wohnzimmer auf 40%“.

  • Produktivität

    Hier finden sich ziemlich unterschiedliche Skills. Metal-Fans können sich über den „Wacken-Countdown“ freuen. Alexa hält einen mit diesem Skill immer auf dem Laufenden, wie lange es noch dauert, bis endlich wieder im Matsch gefeiert werden kann. Aber auch Motivations-Skills finden sich hier („Alexa, frage ‚Mutmacher‘ nach etwas Motivierendem.“) sowie Mondphasen-Programme; außerdem Zufalls-Zahlen-Generatoren. Interessant für Nutzer mit Home-Office: Der Zeiterfassungs-Skill, ein Timer, der bei der Erfassung der Arbeitszeiten hilft.

  • Lokales

    Alexa scheint bei Studenten beliebt zu sein: Neben diversen ÖPNV-Angeboten (s.u.) finden sich unter „Lokales“ Skills für die Speisepläne der Mensa in Aachen („Alexa, frage ‚Mensa Aachen‘, was es in der Mensa Academica am Montag zu essen gibt“), der TH Brandenburg oder in Dresden. „OmNomNom“ verspricht, gleich die Speisepläne verschiedener Mensen deutscher Hochschulen zu kennen.

  • Reise & Transport

    Wohl eine Kategorie, deren Nutzen direkt einleuchtet: Wer in Eile ist, kann sich über diverse Fahrplanauskunftsskills über die beste Bus- oder Bahnverbindung informieren, ohne Zeit zu verlieren, indem er dafür erst den PC hochfahren oder umständlich am Smartphone herumnesteln muss. Es gibt diverse Skills für den ÖPNV einzelner Städte, außerdem MyTaxi („Alexa, ruf mir ein Taxi mit mytaxi“).  „Aufzug Info Berlin“ informiert auf Anfrage darüber, an welchen Stationen des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin die Aufzüge nicht funktionieren. Auch die Deutsche Bahn als überregionaler Anbieter ist dabei. Zulässige Fragen an den Bahn-Skill wären etwa: „Alexa, frage ‚Deutsche Bahn‘ nach einer Verbindung von Hamburg nach Köln morgen um 12 Uhr.“

  • Essen & Trinken

    In dieser Kategorie gibt es vor allem drei Arten von Skills: Die Mensa-Speisepläne (s. o.), Entscheidungshilfen (s.o.) sowie Rezeptsammlungen à la Chefkoch (s.o.).

  • Dienstprogramme

    Hier finden sich größtenteils Zahlengeneratoren („Alexa, frag ‚Zufällige Zahl‘ nach einer Zufallszahl“), aber auch Postleitzahlenfinder („Alexa frag, Postleitzahl Finder‘ nach 99425) sowie ein Skill für den jeweils aktuellen Gold- und Silberkurs: Alexa, frage ‚metall kurs‘ was ist der aktuelle Preis für fünf Kilo Silber“.

  • Sport

    Hier finden sich neben diversen Skills mit Infos zu Bundesliga-Vereinen und deren nächsten Spielen („NächstesBorussenSpiel“) auch „Sky Sports“ und die altehrwürdige „Sportschau“. „binspeak Fußball Bundesliga“ und „toralarm“ informieren über die Bundesliga.

  • Film & Fernsehen

    Alexa kann mit den passenden Skills die Programmzeitschrift ersetzen („Alexa, frage ‚Deutsches Fernsehprogramm‘ was gerade auf ZDF läuft“), aber auch beim Gang ins Kino unterstützen („Alexa, frage ‚Kino Bonn‘ nach einer Empfehlung für morgen Abend“). Auch eher speziellere Fragen kann man Alexa stellen – zum Beispiel als Star-Trek-Fan: „Neue Sternzeit“ hilft beim Logbuch schreiben: „Alexa, frage ‚Neue Sternzeit‘: Welche Sternzeit ist jetzt?"

  • Sonstiges

    Musik: Alexa funktioniert mit Skills einiger Radiosender (Antenne Bayern: „Alexa, spiele Alpensound von Antenne Bayern“, „Alexa, starte den Radioplayer und spiele RTL Radio“) und listet auf Anfrage die Musikcharts auf.

    Die Kategorie Gesundheit und Fitness kann mit hilfreichen Skills aufwarten: Etwa dem „Verbandskasten“, den der Nutzer fragen kann, was etwa bei einem Herzinfarkt zu tun ist. Auch einen Skill für die Notdienste der Apotheken gibt es: „Apotheken Info“.

    Im Bereich Wirtschaft und Finanzen findet man etwa Skills zu Wechselkursen („Alexa, frag ‚Wechsel Stube‘: Was ist der Wechselkurs von Pfund auf Yen?“, „Alexa, frage ‚BitTrade‘ nach dem Bitcoinkurs"). Die Kategorie Vernetztes Auto bietet einige Programme für Kennzeichensuche wie „Alexa frage Kennzeichen Deutschland nach Kennzeichen M“, aber auch den Skill „BMW Connected“, mit dem man über Alexa zum Beispiel das Auto verschließen kann (wenn es denn ein BMW ist): "Alexa, verriegele die Türen vom BMW".

Ein Klick - und alles gehört Facebook

Denn die Rechte zur Auswertung all dieser Daten räumen die allermeisten den Anbietern mit einem raschen Klick unter den allgemeinen Geschäftsbedingungen ein. Die sind zu lang, als dass sie jemand freiwillig lesen würde. Unser digitales Leben gehört damit immer mehr den Konzernen, wobei es viel Spielraum und noch mehr Grauzonen gibt. Das mussten gerade die Eltern eines Teenagers erfahren, die gerne nach dem ungeklärten Tod ihrer Tochter Zugang zu deren Facebook-Profil gehabt hätten. Sie wollten anhand der dortigen Chats wissen, ob die Tochter Selbstmordgedanken hegte oder ob es sich um einen tragischen Unfall handelte. Facebook sperrte sich, ein Gericht bat die Parteien nun, sich untereinander zu einigen. Ein hinterbliebenes analoges Tagebuch hätten die Eltern wohl ohne Gerichtsbeschluss gelesen.

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Maren Biermann hat die Nutzungsbedingungen zu Alexa, drei mit sperrigen Begriffen befüllte Seiten, nicht gelesen. Auch nicht die mehr als doppelt so lange Datenschutzerklärung. Sie sagt, dass sie ihre Daten gerne abgibt, wenn sie etwas davon habe. Empfehlungen für den Onlineeinkauf. Tipps für einen guten Musiktitel. Trotzdem hat sie sich gewundert, als sie in der App gesehen hat, dass dort auch gespeichert wird, was sie Alexa wann befohlen hat. Wenn das möglich wäre, würde sie das ausschalten. Aussortieren will sie die Box deshalb nicht. „Ich mache ja nichts Verbotenes mit ihr“, sagt sie. „Außerdem bin ich die Einzige, die auf die App zugreift.“

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