Warum die Deutschen Google und Amazon ins Wohnzimmer lassen

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Der Spion, den wir lieben: Warum die Deutschen Google und Amazon ins Wohnzimmer lassen

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Alexa: Der Spion, den wir lieben.

von Varinia Bernau und Thomas Kuhn

Menschen trauen Konzernen nicht, geben den Sprachboxen von Amazon, Apple und Google aber immer mehr Daten. Weil sie nicht anders können.

Bereits wenn sie morgens wach wird, sucht Maren Biermann bei Alexa Rat. Am Wochenende, wenn sie noch etwas länger im Bett bleiben kann, fragt sie vom Schlafzimmer aus, wie das Wetter wird. Unter der Woche erkundigt sie sich auf dem Weg ins Badezimmer, wie lange sie ins Büro brauchen wird. Und sobald der Name Alexa durch die Wohnung hallt, leuchtet der obere Rand der schwarzen Box türkis-blau. Wenig später sagt Alexa, dass es warm wird. Oder dass sich der Verkehr in der Düsseldorfer Innenstadt staut.

Alexa ist eine virtuelle Mitbewohnerin, die der Technologiekonzern Amazon erschaffen hat, um seine Kundschaft enger an sich zu binden. Ein weiteres Gerät, dem Millionen Menschen ihre Gedanken, Gewohnheiten und Gefühle anvertrauen. Verbraucherschützer sehen mit ihr das Ende des Datenschutzes nahen. Maren Biermann, groß, sportlich, sieht in Alexa vor allem ein Spielzeug.

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Die 32-Jährige ist damit nicht allein. Geschätzt über elf Millionen der Boxen, die Amazon auf den Namen Echo getauft hat, hat der Konzern weltweit verkauft. „Wir hatten noch kein Produkt, das in vergleichbarer Zeit auch nur annähernd so nachgefragt war wie die Echo-Boxen“, sagt ein Amazon-Verantwortlicher. Über 40 Prozent der Deutschen, so eine Repräsentativumfrage des Datendienstleisters Statista, finden solch einen sprachgesteuerten Assistenten attraktiv. Und das, obwohl die Meinungsforscher von Forsa bereits vor zwei Jahren feststellten: Nicht einmal jeder dritte Deutsche traut den Technologiekonzernen zu, sorgsam mit seinen Daten umzugehen. Handelskonzerne, Versicherungen und das Finanzamt rangierten in diesem Ranking deutlich weiter oben.

So funktioniert...

  • ...Amazon Echo

    Echo gibt es in zwei Formaten: Die große, 179,99 Euro teure Box hat ein Zwei-Wege-Lautsprechersystem. Das kompaktere Echo Dot kostet 59,99 Euro. Beide verfügen über exzellente Spracherkennung, die über mehrere Meter Entfernung funktioniert, sowie die WLAN-Vernetzung mit Bot Alexa. Nach Signalworten wie „Echo“ oder „Alexa“ nimmt die Box Sprachbefehle auf und übermittelt sie ins Rechenzentrum, wo Alexa die Antwort recherchiert und sie zurückschickt. Wer verhindern will, dass Echo immer mithört, kann die Spracherkennung abschalten. Amazon versichert, Mikrofone würden ganz vom Strom getrennt.

Ausgerechnet die Deutschen, die in zwei autoritären Regimes – in Nazi-Deutschland und in der DDR – totale Überwachung leidvoll erfahren haben, stellen sich das vollendete Werkzeug für den Lauschangriff freiwillig ins Wohnzimmer. Warum? Weil die Techkonzerne mit immer ausgefeilteren Strategien ihre Kunden zu Abhängigen machen. Und weil alles eine Frage der Psychologie ist.

Der sorglose Umgang mit Daten begann mit dem Googeln nach Informationen und mit dem Einkauf im Netz, der so viel einfacher war, als durch verstopfte Straßen und Supermärkte zu hetzen. Dann kamen die sozialen Netzwerke hinzu. Erst hinterließen die Menschen nur ein paar Stichworte, dann auch peinliche Fotos, sie posteten politische Meinungen und persönliche Bestleistungen bei der abendlichen Joggingrunde. Schließlich wurden die Smartphones zum Helfer in allen Lebenslagen – und wussten noch besser über ihre Besitzer Bescheid.

Was Sie schon immer einmal von Alexa wissen wollten…

  • „Alexa“ oder „Computer“

    Nehmen wir an, Sie bekommen keine Orwell´schen Albträume davon, sich ein Mikrofon in die Wohnung zu holen und kaufen sich einen Amazon Echo. Sie haben das Gerät ausgepackt und wollen starten. Werkseitig eingestellt ist das „Wecksignal“ für Alexa – „Alexa“. Erst wenn sie dieses Zauberwort ausgesprochen haben, können Sie starten.

    Zusatzinfo für Star-Trek-Fans: Man kann dieses „Weckwort“ ändern – neben „Echo“ und „Amazon“ geht auch „Computer“ – der Begriff, den auch Captain Picard benutzte, wenn er den Bordcomputer der Enterprise bedienen wollte. Dieser soll als Vorbild für Alexa gedient haben.

  • Nutzerkonten und Profile

    Alexa verfügt, wie etwa Microsoft Windows, über verschiedene Nutzerkonten (Haushaltsprofile) beziehungsweise –Profile. Das macht durchaus Sinn, etwa bei nutzerspezifischen Vorlieben wie etwa Musik: Wenn Sie gerne Verdi, Ihre Tochter aber lieber Heavy Metal hören (Alexa greift auf Ihre Amazon-Music-Dateien oder, mit dem entsprechenden Skill, etwa auch auf Spotify zu), oder Sie und ihr Partner einen völlig unterschiedlichen Literaturgeschmack haben (Alexa verwaltet auch Ihre Hörbücher). Da der Nutzer über Alexa auch bei Amazon einkaufen kann, können außerdem mehrere Amazon-Profile hinterlegt werden, damit etwa das neue Kollegah-Album Ihres Sohnes nicht über Ihr Konto abgerechnet wird. Sie können Alexa fragen: „Welches Profil ist das?“ oder ihr den Befehl geben, die Konten zu wechseln: „Wechsle die Konten.“

  • Musik

    A propos Musik: Hier liegt eine der großen Stärken von Alexa. Sie können die Musikwiedergabe steuern: „Alexa, Wiedergabe.“, „Stopp.“, „Zurück.“, „Pause“, „Weiter.“ (und so weiter). Aber auch raffiniertere Fragen kann Alexa beantworten: Zum Beispiel „Alexa, was läuft gerade?“, „Mach lauter“, „Mach leiser“ oder „Alexa, stelle einen Sleeptimer in 20 Minuten.“

    Alexa hat Zugriff auf Amazon Prime Music, auch hierfür gibt es Befehle: „Spiele etwas Prime Music zur Entspannung.“, oder „Spiele Prime Music zum Tanzen.“ Nicht nur Musikstimmungen erkennt Alexa, auch Musikgenres können gezielt angesteuert werden: „Spiele Jazz von Prime Music.“  Alexa hat allerdings nicht nur Zugriff auf Prime Music, auch Internetradiosender und Musikstreamingdienst Spotify können angesteuert werden: „Spiele ‚Pop‘ von Spotify.“

  • Hörbücher

    Auch Hörbücher - von Audible - kann Alexa abspielen: „Spiele das Hörbuch ab.“, „Nächstes / Vorheriges Kapitel.“, „Gehe zu Kapitel 3.“, „Mein Hörbuch fortsetzen.“

  • Sport

    Für deutsche Echo-Käufer unter den vielen Sportligen, zu denen Alexa Infos bereithält, wohl besonders interessant: die Bundesliga. Zulässig sind hier Fragen wie „Wie ist das Spielergebnis von Schalke gegen Dortmund?“, „Wie steht es gerade bei ‚Mönchengladbach gegen den HSV‘?“, „Hat RB Leipzig gewonnen?“

  • Verkehr

    Wenn Sie Alexa verraten, wo Sie arbeiten und wie Sie normalerweise dort hinkommen, hilft sie Ihnen, pünktlich da zu sein. Dann können Sie das Programm nämlich fragen: „Wie ist der Verkehr?“. Wenn Alexa Stau auf Ihrer Strecke meldet, können Sie den dann einfach umfahren – oder auf Bus und Bahn umsteigen – natürlich erst, nachdem Sie Alexa vorher mit dem passenden Skill nach der günstigsten Fahrplanverbindung gefragt haben.

  • Wetter

    Wenn Sie entschieden haben, dass Sie eigentlich heute doch viel lieber mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren wollen, fragen Sie Alexa einfach nach dem Wetter: „Wie ist das Wetter in fünf Stunden?“. Natürlich funktioniert die Vorhersage nicht nur für den gleichen Tag: “Wird es morgen schneien?“, „Wie ist das Wetter in Köln?“ oder „Wird es am Sonntag regnen?“ funktionieren auch.

  • Nachrichten 2

    Auch über die neuesten Nachrichten kann Alexa Sie informieren – etwa via „Was gibt es Neues?“ oder „Was ist in den Nachrichten“? Wem das nicht reicht, der kann Alexas Informationsquelle über die Skills verschiedener Medien auch personalisieren.

  • Kalender

    Gut, Sie sind jetzt über die Nachrichtenlage gebrieft, wissen, wie Sie am besten zur Arbeit kommen und ob Sie Gummistiefel anziehen müssen, weil es regnet. Passende Musik oder ein Hörbuch haben Sie für den Arbeitsweg auch dabei. Aber was steht heute eigentlich alles an? Fragen Sie doch Alexa! „Alexa, was steht in meinem Kalender?“, „Alexa, füge meinem Kalender „Einkaufen“ für Freitag, den 17. Februar um 18:00 Uhr hinzu.“

  • Aufgaben

    Auch beim Einkaufen kann Alexa Ihnen helfen. Sie fährt zwar nicht für Sie zu Rewe (oder Edeka), aber Sie können mit ihr eine Einkaufsliste erstellen, diese ergänzen oder Dinge daraus streichen: „Füge ‚Wein‘ zur Einkaufsliste hinzu.“ Und natürlich können Sie Alexa fragen, was Sie sich notiert haben: „Was steht auf meiner Einkaufsliste?“ Auch andere Aufgaben hält Alexa für Sie fest – etwa, dass Sie Ihrer Frau noch einen Blumenstrauß zum Hochzeitstag besorgen sollten. In dem Fall wäre es allerdings gut, wenn Sie die Kontenverwaltung bereits beherrschen – sonst setzen Sie das nämlich noch aus Versehen auf die Aufgabenliste Ihrer Frau.

  • Wecker & Timer

    Gut, dass Sie an den Hochzeitstag gedacht haben – oder Alexa gebeten haben, Ihnen das heutige Datum zu nennen („Wie lautet das Datum?“). Das kann sie nämlich auch, genauso, wie Sie um eine bestimmte Uhrzeit zu wecken („Stelle den Wecker auf 06:00 Uhr.“), dabei zwischen Wochenende und Arbeitswoche zu unterscheiden („Stelle den Wochenendwecker auf 9:00 Uhr.“), und Ihnen mitzuteilen, auf wie viel Uhr Sie den Wecker gestellt haben („Für welche Uhrzeit ist mein Wecker gestellt?“.

  • Smart Home 2

    Um beim Hochzeitstag zu bleiben: Wie wäre es abends mit etwas romantischer Stimmung? Alexa kann – vorausgesetzt, sie ist mit anderen intelligenten Geräten in Ihrem Haushalt vernetzt – zum Beispiel das Licht dimmen („Dimme das Licht im Esszimmer auf 50 Prozent“), die Kaffeemaschine einschalten („Schalte die Kaffeemaschine ein.“) oder die Temperatur in der Diele senken („Stelle die Dielentemperatur auf 18 Grad“)

  • Einkaufen

    Wenig überraschend: Mit Alexa können Sie auch einkaufen – ich erspare Ihnen jetzt die Fortführung mit dem Hochzeitstags-Beispiel und Schmuck für Ihre Frau. Wobei – es passt gerade so schön: Sie haben also etwas Hübsches gefunden. Sagen Sie Alexa einfach „Füge Diamantcollier zu meinem Einkaufswagen hinzu“ und „bestelle“.

  • Noch Fragen?

    Alexa kann noch viel mehr als Nachrichten vorlesen oder Einkäufe bei Amazon tätigen: Man kann ihr Wissensfragen stellen, die sie dann prompt nachschlägt. Frei nach dem Motto: „Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wie man Alexa danach fragt“. Beispielfragen wäre etwa: „Alexa, warum ist der Himmel blau?“, „Alexa, wie hoch ist die Zugspitze?“, „Alexa, was ist die Hauptstadt von Australien?“, „Alexa, wie weit ist es von hier bis Wien?“, „Alexa, was ist die Definition von paradox?“, „Alexa, wann geht heute die Sonne auf?“, „Alexa, was ist der neueste Film von Quentin Tarantino?“, „Alexa, was ist die IMDb-Bewertung für Jupiter Ascending?“

Alles soll möglichst bequem sein

Das passierte, weil es lustig war oder nur praktisch. Und weil es ungefährlich wirkte. „Der konkrete Nutzen ist uns mehr wert als der hypothetische Nachteil“, sagt Maximilian von Grafenstein, der am Institut für Internet und Gesellschaft der Humboldt-Universität in Berlin ein Forschungsprojekt zum Datenschutz in der immer digitaleren Welt leitet. Mit jeder neuen App und jeder neuen Annehmlichkeit gaben die Menschen etwas mehr von ihrer Privatsphäre auf.

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