Ein Selbstversuch: Der holprige Weg zum papierlosen Büro

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Ein Selbstversuch: Der holprige Weg zum papierlosen Büro

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Müssen wir alles aus drucken, weil wir auf Papier anders lesen? - Oder haben wir das zettelfreie Arbeiten im Alltag nur nicht richtig versucht?

von Sebastian Matthes

244 Kilogramm Papier verbraucht ein Deutscher im Jahr. Damit sind wir Weltspitze. Trotz Computern, Laptops und Smartphones ist das viel beschworene zettelfreie Büro kaum irgendwo Realität geworden. Warum eigentlich?

Unsere Sekretärin sagt, mein Büro habe in den vergangenen drei Monaten seine Seele verloren. Neben dem Monitor liegen nur noch ein iPad und ein Laptop, daneben eine Karaffe mit Wasser und eine Schale Obst. Sonst ist mein Schreibtisch leer.

Die Seele meines Büros, das waren: Stapel aus Büchern und Magazinen; Berge aus Zetteln, Kostenstellenberichten, Textausrissen; Mappen voll loser zerknautschter und zerknitterter Rechnungen und Notizen. Und zwischen den Stapelschluchten leuchteten gelbe Zettel auf der Schreibtischplatte wie Taxis im Schatten der Wolkenkratzer auf den Straßen Manhattans.

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Ich fand mich gut in dieser Stapel-Welt zurecht, sie hatte ihre Ordnung. Nur wenn ich unterwegs war und Aufzeichnungen aus einem meiner Notizbücher suchte, wenn ich einen Artikel mit einer bestimmten Zahl brauchte, dann kam ich da nicht dran und habe das Papier verflucht.

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SelbstversuchPapierlos dank richtiger Technik

Ein Leben ohne Zettel

Doch ein Leben ohne Zettel, das schien mir ein unmögliches Leben. Schließlich bin ich Journalist und arbeite für ein Magazin. Papier ist mein Kerngeschäft. Das zettelfreie Büro, da war ich mir sicher, das ist eine dieser Ideen von Technik-Utopisten – so wie die Brille, die uns Gedanken anderer Menschen lesen lässt.

Ich war ein typischer Deutscher. Nur in wenigen Ländern verbrauchen die Menschen mehr Papier als bei uns, in Österreich, Belgien und Luxemburg. Mit rechnerisch 244 Kilogramm pro Kopf und Jahr liegen wir laut dem Verband Deutscher Papierfabriken sogar über dem Niveau der USA. 1985, vor dem Beginn der Internet-Ära, verbrauchten wir nur 177 Kilogramm. Während die Menge gedruckter Kataloge und Zeitungen mittlerweile sinkt, wächst der jährlich produzierte Berg an Kartonverpackungen und Hygienepapier.

Übersicht zum jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von Papier in Deutschland (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Übersicht zum jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von Papier in Deutschland (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Büropapier weist der Verband nicht gesondert aus. Doch es gibt Indizien dafür, dass die Digitalisierung zu immer mehr bedruckten und bekritzelten Seiten führt: Laut einer Studie der amerikanischen Association for Information and Image Management steigt bei einem Drittel aller Unternehmen der Papierverbrauch – teilweise drastisch. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Wir sind Papier-Junkies, und bis vor drei Monaten war ich einer von ihnen.

Doch nachdem ich mich wieder einmal darüber geärgert hatte, meine Notizen im Büro vergessen zu haben, beschloss ich, auf Entzug zu gehen. Ich dachte mir: Vielleicht haben wir die Sache mit dem papierlosen Büro einfach nicht richtig versucht.

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11 Kommentare zu Ein Selbstversuch: Der holprige Weg zum papierlosen Büro

  • Erst nachdem billige Geräte für jedermann verfügbar sind, geht Herr Jedermann der Frage nach, ob es papierlose Büros geben wird oder nicht. Bekannt und ausdiskutiert sind diese Fragen in der Fachwelt aber längst.

    Bei jeder Technik muß man wissen, wie weit und für welche Anwendung sie sinnvoll ist und welche Nebeneffekte damit einhergehen. Wer vom Kühlschrank erwartet, daß er auch Schuhe putzt, liegt schief. Wer evernote startet und nicht weiß, daß er dann all seine Daten in die Welt hinausposaunt, liegt schief. Genauso ist es bei aktiviertem Javascript + Cookies. Wer sich voll auf sein Smartphone verläßt, sollte mal an seinen letzten Traum mit leerem Akku und kaputtem Display denken.

    Mit dem Flugzeug fliegt man eben nicht in den Supermarkt und mit dem Auto führt man nicht in die USA. Im Büro ist der Rechner also nur ein Hilfswerkzeug für sehr sehr viele Dinge, aber nicht für alles. Das Papier bleibt das sicherste Dokument und der haltbarste sowie portabelste Datenträger für viele Fälle.

    Übrigens ist der Papierumgang auch gesunder: Daß ein Win8-Touchscreen im Büro für die armen Mitarbeiter dort zu einem orthopädischen Supergau in der Schulter führen wird, steht bereits heute fest. Weiter wird der durch Smartphonebedienung lädierte Zeigefinger (wie die bekannte Maushand) die Menschen noch plagen. Die Orthopäden könnten viel von Wirbelsäulenschäden (mit entspr. Schmerzen) ihrer Patienten durch all diese schönen Geräte berichten.

    Es gibt daher ein Optimum irgendwo zwischen 'nur Papier' oder 'nur Rechner' und zwar je nach Fall mehr in Richtung Papier oder mehr in Richtung Rechner. ‚Nur Papier’ ist Steinzeit, ‚nur Rechner’ zeugt von keinerlei techn.-wiss. (und medizin.) Hintergrundwissen. Das digitale Grundbuch, gläserne Konten und gläserne Gesundheitsakten sind Beispiele für bestehende Fehlentwicklungen digitaler Büros.

  • Über meinen Schreibtisch wandern jedes Jahr tausende Dokumente: Fachartikel, Rechnungen, Korrespondenz, Verträge etc. Wenn ich mir vorstelle, die würden nicht als PDF im Dokumentenmanagementsystem vorliegen, sondern in Papierform, wird mir ganz anders. Ein PDF-Dokument ist auch nach Jahren auf dem Server binnen Sekunden wiedergefunden. Für ein Stück Papier müsste ich erst ins Archiv und ewig Aktenordner wälzen, um es dann doch nicht zu finden. Ein Alptraum!

  • OlafB
    das ist zwar einerseits richtig was Sie sagen.
    Aber anderseits bei neueren Dingen finde ich das schneller im Ordner als im PC
    Es ist im PC immer noch ein wenig zeitraubend nach abgelegten Dateien zu suchen

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