Fire Phone: Amazon verpasst den großen Wurf

Fire Phone: Amazon verpasst den großen Wurf

von Kathrin Grannemann

Das Amazon Fire Phone ist auf dem Markt. Der Preis ist marktüblich - die Funktionen bleiben allerdings hinter den Erwartungen zurück.

Vor einem Monat hat Amazon das Fire Phone vorgestellt, am Freitag ging es offiziell in den Verkauf. Amazon-Chef Jeff Bezos war sich bei der Vorstellung des Geräts seiner Sache sicher: "Können wir ein besseres Smartphone für unsere treuesten Kunden bauen? Ich bin begeistert, Ihnen zu sagen, dass die Antwort ja lautet." Die Wahrheit ist leider ernüchternd: Die Verkäufe laufen schleppend. Und Smartphone-Experten sind sich einig, dass das Gerät nicht so gut ist wie anfangs versprochen.

Die Leistungsversprechen von Amazon klingen vielversprechend: Ein schneller 2,2 Gigahertz-Prozessor, 13-Megapixel-Kamera mit Bildstabilisator, lange Akkulaufzeit und HD-Videoaufnahmefunktion sollten für ein System stehen, das seinen hohen Verkaufspreis von bis zu 649 Dollar rechtfertigt. Zudem wirbt Amazon mit allerlei Eigenentwicklungen.

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Der "Firefly"-Knopf, mit dessen Hilfe man Filme, Musik und Produkte erkennen lassen kann. Die Displaytechnologie "Dynamic Perspective", bei der das Gerät auf Bewegungen automatisch reagiert und sogar die Kopfbewegungen mit einbezieht. Das angepasste FireOS, das die Nutzung angenehmer machen soll. Die integrierte Anbindung an alle Amazon-Dienste, unter anderem ein kostenloser Zugang zum Prime-System inklusive Gratis-Videostreaming.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

  • Wie fing Amazon an?

    Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

  • Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

    Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. Im vergangenen Jahr machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im ersten Quartal blieben unterm Strich 108 Millionen Dollar (78 Millionen Euro) – bei einem Handelsumsatz von 19,7 Milliarden Dollar.

  • Wie relevant ist der deutsche Markt?

    Es ist der größte Auslandsmarkt. Im vergangenen Jahr setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

  • Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

    Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

  • Wie ist der Konzern aufgestellt?

    In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 7700 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten zum Jahreswechsel 88.400 Festangestellte im Unternehmen.

  • Schadet der Shitstorm?

    Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

  • Folgen des Leiharbeiterskandals

    Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,30 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

  • Wo Amazon noch Ärger hat

    In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Die Tatsachen sehen allerdings anders aus. Ein Problem ist die App-Verwaltung. Das von Amazon entwickelte FireOS basiert zwar auf dem mobilen Betriebssystem Android, hat aber schlussendlich nicht mehr viel davon übrig. Die Folge: Apps aus dem Android App Store lassen sich größtenteils nicht installieren. Das war bereits vom Fire-Tablet bekannt, ist aber durchaus vermeidbar. In der Folge ist der Nutzer auf das von Amazon eingerichtete Ökosystem angewiesen. Angesichts der Vielzahl vorhandener Android-Apps ein echtes Manko - und für Freunde der Privatsphäre nicht tragbar.

Die beiden Schlüsselfunktionen Dynamic Perspective und Firefly werden von den meisten Testern lediglich als nette, aber letztlich unnötige Spielerei angesehen. So sorgt Dynamic Perspective mit seiner über Sensoren gesteuerten Bildanzeige bei empfindlichen Testern offenbar für eine leichte Reisekrankheit, ihnen wurde angesichts der Bildbewegung übel. Zudem fehlen aktuell passende Anwendungsbereiche: Außer einer Handvoll Spiele und der Karten-Anwendung wird die Technologie bisher nicht genutzt.

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Firefly soll laut Herstellerangaben sowohl Musik und Filme als auch Produkte und QR-Codes erkennen, die Erfolgsquote ist mit 75 Prozent aber noch ausbaufähig. Moniert wird von den meisten Testern die geringe Geschwindigkeit der Funktion und die fehlende Korrektheit der Ergebnisse.

Ein weiterer Kritikpunkt ist für viele Nutzer die Akkulaufzeit. Laut den technischen Spezifikationen soll das Gerät bis zu 22 Stunden im Telefonie-Modus durchhalten. Die Werte werden allerdings nur erreicht, wenn man einen großen Teil der Funktionen deaktiviert – dies jedenfalls hat der Test von Engadget ergeben. Waren Dynamic Perspective und Firefly aktiviert, musste das Gerät dort zweimal am Tag an die Stromversorgung.

Zu guter Letzt hat Amazons Smartphone einen Marktnachteil: Das Fire Phone wird in den USA nur in Verbindung mit einem AT&T-Vertrag angeboten, Kunden anderer Anbieter müssen das Gerät zum vollen Preis erwerben. Dafür bekommen Kunden ein vergleichbares Samsung Galaxy S5 ohne diese Nachteile – mit deutlich höherer Displayauflösung und besserem Akku.

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Aktuell müssen sich deutsche Kunden keine Gedanken darüber machen, ob sich der Kauf für sie lohnen könnte: Das Smartphone wird vorerst nicht auf den deutschen Markt kommen. Wenn sich Amazon beim Fire Phone ähnlich viel Zeit lässt wie seinerzeit beim Kindle Fire-Tablet, wird es noch bis zum kommenden Jahr dauern, bis es offiziell angeboten wird.

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