NokiaX: Nokias brandgefährlicher Wechsel auf Android-Handys

KommentarNokiaX: Nokias brandgefährlicher Wechsel auf Android-Handys

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Nokia XL: Gewohntes Kacheldesign

von Thomas Kuhn

Ausgerechnet auf der wichtigsten Mobilfunkmesse stellt Nokia statt neuer Windows-Smartphones Geräte mit Android vor. Eine Entscheidung mit höchster Brisanz.

Es war im Frühjahr vor drei Jahren, da schockte Nokia-Chef Stephen Elop seine Mitarbeiter mit einer dramatischen E-Mail: Nokia sei wie eine brennende Ölplattform, ein radikaler strategischer Schwenk unvermeidlich, um das Unternehmen zu retten. Kurz darauf wurde klar, was dieser Schwenk bedeutet: Nokia gab das eigene Smartphone-Betriebssystem Symbian auf und wechselte auf Microsofts WindowsPhone-Plattform. 

Heute tragen rund neun von zehn Windows-Handys das Nokia-Logo. Die Handysparte selbst wurde von Microsoft übernommen. Klare Verhältnisse also, möchte man meinen - und reibt sich verwundert die Augen angesichts der Messeneuheiten, die die neue Microsoft-Tochter ausgerechnet auf der wichtigsten Mobilfunkmesse der Welt präsentiert. Denn statt der nächsten WindowsPhone-Sensation, einem neuen Lumia-Superphone, das es beispielsweise mit dem kommenden Samsung-Topmodell GalaxyS5 aufnehmen könnte, präsentiert Stephen Elop - ein Android-Handy. 

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Brennt die Nokia-Plattform schon wieder? Ist das schon der Abschied von WindowsPhone, und das kurz nachdem man bei Microsoft untergeschlüpft ist?

Das ist es ganz sicher nicht. Am Messevortag erst hatte Microsoft neue Erweiterungen für WindowsPhone angekündigt, und auf der MWC-Pressekonferenz selbst gibt Elop bekannt, dass Blackberrys Messenger-Software der WhatsApp-Konkurrent BBM in Zukunft auch für WindowsPhone-Handys von Nokia verfügbar sein wird.

Die aktuellen Trends auf dem Mobile World Congress

  • Günstige Smartphones

    Auch in Schwellen- und Entwicklungsländern nutzen immer mehr Menschen Computer-Telefone, dort sind aber vor allem günstige Geräte gefragt. Das befeuert den Aufstieg vor allem chinesischer Hersteller, die in großen Stückzahlen billige Smartphones mit dem Google-System Android absetzen können.

  • Tragbare Mini-Computer

    Zur neuen Geräteklasse der sogenannten „Wearables“ gehören zum Beispiel Computer-Uhren oder Datenbrillen wie Google Glass. Der Markt steht noch ganz am Anfang, aber die Wachstumsaussichten gelten als enorm. Die Marktforschungsfirma Canalys rechnet für dieses Jahr mit dem Absatz von acht Millionen „smarten Armbändern“ fürs Handgelenk. Ein Problem sind bisher die Batterielaufzeiten und die Anbindung an Smartphones.

  • Internet der Dinge

    Inzwischen werden auch immer mehr Alltagsgegenstände miteinander verbunden - Haustechnik, Zahnbürsten, Autos. Der Netzausrüster Ericsson geht von 50 Milliarden vernetzten Geräten zum Jahr 2020 aus. Das stellt ganz neue Ansprüche an die Netze. Die Industrie setzt vor allem auf den superschnellen LTE-Funk, um die Datenlawine umzuschlagen.

  • Fitness-Technik

    Pioniere wie FitBit oder Jawbone machten mit ihren Fitness-Armbändern den Anfang, inzwischen schwimmen auch Platzhirsche wie Samsung, Sony oder LG auf der Sport-Welle mit. Es geht darum, die Aktivität der Nutzer zu messen und sie zu mehr Bewegung sowie einem gesünderen Lebenswandel zu motivieren. Dabei sammeln sich auch eine Menge von Daten an, zum Beispiel über die Schlafqualität.

Und dennoch ist der Launch der neuen Geräteserie NokiaX ein höchst brisanter Schritt. Denn mit den neuen Modellen belegt ausgerechnet die Microsoft-Tochter, dass das Geschäftsmodell der Mutter - zumindest in Wachstumsmärkten - nicht konkurrenzfähig ist. Denn gerade da geht es darum, Smartphones zu absoluten Tiefstpreisen gegen die wachsende Konkurrenz aus China in die Märkte zu drücken. Hier, wo ein paar Dollar mehr oder weniger über Top oder Flop in Millionenstückzahlen entscheiden, sind die für WindowsPhones fälligen Lizenzen schlicht zu teuer, um gegen Angreifer wie ZTE oder Huawei zu bestehen.

Also muss die lizenzkostenfreie Open-Source-Variante von Android auch bei Nokia als Smartphone-Plattform herhalten, wenn auch versteckt unter Nokias eigener Programmoberfläche und eng verzahnt mit den Cloud-Diensten der neuen Mutter Microsoft. Ob E-Mail-Dienst Hotmail, oder Cloud-Speicher OneDrive, dort wo bei Android-Handys sonst die Apps von G-Mail bis Google Drive warten, hat Nokia die Microsoft-Anwendungen verknüpft, oder seine eigenen Dienste wie die Nokia-Here-Karten statt Google Maps.

Das muss kein Nachteil sein. In absehbarer Zeit, so lässt Elop im Gespräch durchblicken, dürfte auch eine Anbindung an die mobilen Apps von Microsoft Office folgen. Zehn Gigabyte Online-Speicher und eine Skype-Flatrate sind bereits ab Werk an Bord.

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Trotzdem können alle übergestülpte WindowsPhone-Optik und alle Microsoft-Dienste nicht darüber hinweg täuschen, dass Nokia und Microsoft ein explosives Preisproblem bei den Lizenzen haben. Warum sonst würde die Mutter - die ja den Verkauf des eigenen Smartphone-Windows angesichts des schrumpfenden PC-Marktes als Wachstumsgeschäft dringend benötigt - auf die Lizenzerlöse aus dem Handyverkauf der Tochter verzichten, wenn die in den Wachstumsmärkten auf den Erzkonkurrenzen Google setzt?

Elop mühte sich in Barcelona nach Kräften, auch das hohe Lied auf WindowsPhone zu singen. Doch dass er statt eines neuen Lumia ein Android-Phone präsentiert, zeigt ziemlich entlarvend, wo für sein Unternehmen gegenwärtig der Fokus liegt, und wo die Wachstumserwartungen. Nämlich NICHT in Microsofts WindowsPhone-Welt. Und das ist brandgefährlich.

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