Tauchsieder: Heimatlos im Heimathafen

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Die Reiselust ist da; aber kann man seinem mobilen Zuhause überhaupt noch entkommen?

Kolumne von Dieter Schnaas

Das Smartphone verändert nicht nur die Reise-Welt, sondern zerstört sie auch. Ein Nachruf auf den "Zauber des Aufbruchs".

Warum mein Herz an Reisetagen noch immer höher schlägt als üblich - es ist mir ein Rätsel. Ich war in meinem Leben sehr oft und sehr viel unterwegs, in allen Kontinenten, privat und beruflich, im Zelt, im Hostel und im Luxusresort, mit Jutetaschen, Rucksäcken, Hartschalenkoffern, per Anhalter, mit Fahrrad und Chauffeur. Ich bin mal neun Monate durch die Nationalparks von Neuseeland und Australien gewandert, mal ein Jahr lang kreuz und quer durch Südostasien und China gestreift, als es in Hanoi noch keine Mopeds gab, in Myanmar 45-Kyat-Scheine und auf Sulawesi nur faden, farbigen Reis.

Ich weiß was von der Regenzeit im Südsudan zu erzählen und vom Tauchen in Belize, von Geysiren in Yellowstone und vom Menüplan der Transsibirischen, ich habe am Fuß des Mount Everest Darjeeling getrunken und in Haridwar Kumbh Mela gefeiert, habe in La Paz der Höhe wegen schlecht geschlafen und auf den Bahamas eine Woche mein Gehirn an der Rezeption eines All-Inclusive-Tempels abgegeben - aus rein beruflichen Gründen, versteht sich. 

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Aber ganz gleich, an welchem Ende der Welt ich mich auch immer gerade befand, wie kurz oder lang die vor mir liegende Strecke war, wie komfortabel (sehr selten) oder auch überhaupt nicht (allermeistens) ich unterwegs war - das so genannte "Reisefieber" war stets mein treuester Gefährte. Und ist es bis heute geblieben, Gott weiß warum, denn Reisen heute, das heißt meistens: Europa, überraschungsarm, vor allem aber jederzeit W-Lan-verbunden. 

Die Jugend von heute weiß ja gar nicht mehr was das heißt: ins einigermaßen Ungewisse aufbrechen. Weiß nicht, wie sich das anfühlt: das Definitive des Auf-und-Davon-Seins..., die Leere des unvernetzten In-der-Fremde-Gefühls..., die bange Euphorie des Auf-Sich-Zukommen-Lassens... Die ganz und gar nicht euphorische Bangigkeit in einem laotischen Nachtbus, der von der Strecke gekommen ist...

Ich hingegen kann es heute durchaus als einen Mangel empfinden, ja: als ein Ungenügen mir selbst gegenüber, mit Passbook einzuchecken, Lonely-Planet-Apps zu folgen und mir dank Tripadvisor-Empfehlungen Überraschungen bei der Ankunft zu ersparen. 

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Smartphone-Sucht macht einsam Quelle: Getty Images


Und doch muss ich sagen: So öde das Reisen heute auch geworden ist, ein bisschen Nervosität ist geblieben, ein klein wenig Reisefieber... Ob bei der Einfahrt des Zuges in Kopenhagen, beim Beladen des Mietautos für die Fahrt über die Peloponnes oder beim Einchecken für einen Flug nach Palermo - ohne ein zehnprozentiges Plus in Sachen Pulsfrequenz geht's auch heute nicht. Wie kann das sein? Was ist das, was in mir klopft, rast und bebt?  

Erste Anmutung: Der Aufbruch ins - wenn nicht Ungewisse, so doch immer noch: leicht Veränderte. Vielleicht muss man sich an dieser Stelle einmal klar machen, dass das Unterwegs-Sein ein anthropologischer Ausnahmezustand ist, das heißt: Reisen liegt nicht in der Natur des Menschen. Unsere Urahnen zum Beispiel zog es im Steinzeitalter nicht etwa hinaus in die weite Welt, sondern hinein in die Höhle. Sie suchten nicht die Gefahr des Jagens und Sammelns und waren schon gar nicht wild auf einen Zeitvertreib voller Überraschungen und Abenteuer. 


Stattdessen waren sie froh, wenn sie im täglichen Überlebenskampf was Essbares erlegt hatten und abends ihren Adrenalin-Spiegel herunterfahren konnten, im Schutz des Lagerfeuers und im Kreis der Vertrauten. Selbst von Odysseus, dem antiken Prototyp des modernen Backpackers, ist bekannt, dass er sich mit List und Täuschung dagegen wehrte, Heim und Herd in Ithaka zu verlassen.

Wie oft wird es ihn gereut haben, dennoch aufgebrochen zu sein! Erst verdonnerten ihn die Götter dazu, zehn Jahre vor Troja zu kampieren; anschließend irrte er zehn weitere durch die Ägäis, bevor er Penelope wieder an sein Herz drücken konnte. Ein Christoph Kolumbus oder James Cook jedenfalls steckte nicht in ihm.  

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