Gerhard Schulze : Der Pionier, der Besorgte und der Hausmeister

Gerhard Schulze : Der Pionier, der Besorgte und der Hausmeister

von Christopher Schwarz

Der Bamberger Soziologe über unseren seltsamen Umgang mit Krisen, die Sünden der Klimadebatte und das Leben im Daueralarm.

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Gerhard Schulze

WirtschaftsWoche: Herr Professor Schulze, gerade hatten wir die Banken- und Finanzkrise, da kommt schon die Dioxin-Eier-Krise, und über allem schwebt die Klima- und Energiekrise, von der Bildungskrise ganz zu schweigen. Wie halten wir Krisengeplagte das eigentlich aus?

Schulze: Erstaunlich gut. Wir reden zwar viel von Krisen, mehr denn je, aber wir leben immer länger. Selbst in Deutschland, wo wir eine hohe Lebenserwartung haben, nimmt sie Jahr für Jahr um drei Monate zu. Das zeigt, dass wir als Krisenmanager ziemlich erfolgreich sind.

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Handelt es sich um reale oder um eingebildete Krisen?

Teils, teils. Durch die Expansion unserer technischen Möglichkeiten entstehen natürlich auch mehr Risiken. Aber der aktuelle Krisendiskurs ist vor allem ein Kulturphänomen, weniger eine Folge echter Bedrohungen. Ein nigerianischer Journalist hat dieses Paradox einmal sehr schön bestätigt: Mit den Ergebnissen der internationalen Glücksforschung konfrontiert, nach denen kein Volk so glücklich sei wie das der Nigerianer und die Deutschen zu den unglücklichsten gehörten, rief er aus: Ihr glücklichen Deutschen, deswegen habt ihr weniger Probleme als wir.

Die Deutschen reagieren angeblich besonders sensibel auf Krisenphänomene.

Womöglich ist das so, jedenfalls rennt kein Volk der Welt so oft zum Arzt wie wir Deutschen.

Gleichen wir einem Volk von Hypochondern, das ständig über seine Körperfunktionen wacht?

Hypochondrie ist ein graduelles Phänomen. Sie stellt zwar eine emotionale Belastung dar, kann aber auch das Leben verlängern. Gerade die Art, wie wir mit unserem Körper umgehen, sagt viel aus über unser Krisenbewusstsein. Auch der Körper ist ja ein krisenfähiges System – deshalb die vielen Ernährungs-, Gesundheits- und Fitnessratgeber. Wir trimmen uns, essen bewusst und haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns was gönnen. Wir investieren sehr viel in unser Gesundheitssystem, das natürlich auch in der Krise ist – und neigen überhaupt dazu, die Welt als Körper zu betrachten, der von einer Krise bedroht ist.

Ist das ein Zeichen von kluger Vorsicht oder von Alarmismus?

Ich spreche lieber von einem Alarmdilemma. Wenn man sein gesamtes Leben nur noch im Daueralarm, im Vorbeugen, in der Sorge verbringt, dann lohnt sich dieses Leben nicht mehr – man kann schließlich nicht alle Risiken kontrollieren. Allerdings ist das Risiko des Nichternstnehmens eines Alarms grundsätzlich größer als das des Fehlalarms: Der richtet nicht so viel Schaden an, während das Beschwichtigen tödliche Konsequenzen haben kann. Deshalb liegen unsere Sympathien eher beim Warner als beim Beschwichtiger.

Auch weil es im eigenen Interesse rationaler ist, auf den Warner zu hören?

Ja, das ist ein evolutionsgeschichtliches Erbe. Wenn wir nicht schon in unserer Frühgeschichte die Vorsicht kultiviert hätten, dann wäre es uns so gegangen wie dem Moa-Vogel in Neuseeland, der keine Fluchtinstinkte kannte – und deswegen, kaum trat der Mensch auf, in kürzester Zeit ausgerottet war.

Wenn unser Krisenbewusstsein eine anthropologische Mitgift ist seit den Zeiten des Neandertalers – warum hat es dann in den vergangenen Jahrhunderten so zugenommen?

Weil es direkt einer Kernidee der Moderne entspringt: intensiv über das eigene Tun nachzudenken, etwa in der Wissenschaft. Sie wurde erst dadurch zur modernen Wissenschaft, dass sie anfing, sich ständig selbst zu beaufsichtigen. Nun agierte sie auf zwei Ebenen gleichzeitig: der operativen Ebene des Forschens und der Metaebene der methodischen Selbstkontrolle. Die Moderne hat dies verallgemeinert und auf die Spitze getrieben, spätestens seit dem 18. Jahrhundert. Heute ist ihr Denken auf breiter Front angekommen: in der Politik, in der Wirtschaft, in der Technik, auch in der alltäglichen Lebensführung – mit der Folge, dass sich nicht nur der Wunsch nach Verbesserung, sondern auch die Haltung der Sorge ausprägt.

Beide gehören zusammen?

Durchaus. Nehmen wir etwa die Wirtschaft. Da gibt es viele Formen besorgter Wirtschaftsbeobachtung auf der Metaebene, die Auskunft geben über den Konjunkturverlauf: etwa den ifo-Geschäftsklimaindex oder das Konjunkturbarometer. Was aber, wenn die Paradigmen, also die Deutungsmuster, die dahinter stehen, nichts taugen? Zum Beispiel die Vorstellung vom Homo oeconomicus, der – wie uns Crash- und Boomphänomene zeigen – oft alles andere als rational handelt? Wenn wir in dieser Art über Ökonomie nachdenken, befinden wir uns automatisch auf einer zweiten Metaebene.

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