Gesundheit: Wie Handys zu virtuellen Krankenpflegern werden

Gesundheit: Wie Handys zu virtuellen Krankenpflegern werden

von Andreas Menn

Handys, Medizingeräte und funkende Sensoren verschmelzen zu virtuellen Krankenpflegern. Die Technik analysiert Blutwerte, coacht chronisch Kranke und überwacht sogar Arterien von Herzkranken.

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Eine Mutter mit ihrem drei Monate alten Baby. In Deutschland gab es 2009 insgesamt 72 500 Kinderwunschbehandlungen.

Früher als in Berlin kommen Babys nirgendwo mit Mobilfunk in Kontakt. Dort kommunizieren sie schon vor ihrer Geburt mit dem Kinderarzt – zumindest indirekt. Mediziner und Entwickler des deutschen Medizintechnik-Startups Kardiola überwachen seit einigen Monaten die Gesundheit von Schwangeren und Ungeborenen via Handy. Ein Gerät namens Fetaphon erfasst mit speziellen Sensoren auf dem Bauch der Mutter den Herzschlag des Nachwuchses bei Risikoschwangerschaften. Via Mobilfunknetz gelangen die Daten an den Arzt. Das belastet weder Mutter noch Kind – und erspart beiden einen wochenlangen Klinikaufenthalt vor der Entbindung. Bewährt sich die Technik, könnte das Baby-Handy zum Standardinstrument bei Risikoschwangerschaften werden. Ähnliche Versuche haben auch amerikanische Wissenschaftler gestartet.

Nicht nur Schwangeren erleichtert diese Verschmelzung von Medizintechnik und Mobilfunk das Leben. Auch chronisch Kranken, Rentnern oder Menschen, die besser auf ihre Gesundheit achten wollen, erspart die Technik den Weg zum Arzt, weil er die Daten via Internet auf den Tisch bekommt: So misst das Handy mithilfe spezieller Zusatzgeräte Blutwerte, Blutdruck und Puls. In nicht allzu ferner Zukunft soll es sogar Arterien überwachen, Herzschrittmacher kontrollieren und vor epileptischen Anfällen warnen. 

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19 Prozent Wachstum

Möglich wird all das durch den ungebremsten Boom bei Smartphones: Jedes zweite in Deutschland verkaufte Mobiltelefon verfügt über eine Internet-Verbindung. Und dank neuartiger Sensoren, innovativer Software und Online-Serverfarmen lassen sich technische Anwendungen auf das Telefon bringen, die lange nur Arztpraxen vorbehalten waren. Das könnte bald auch die Gesundheitskosten senken. Allein die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschlingt in Deutschland jährlich rund 37 Milliarden Euro. Ein Blick in die USA offenbart das Sparpotenzial: Dort ließen sich jährlich bis zu 627 000 Krankenhausbesuche und Kosten von 6,4 Milliarden Dollar vermeiden, würden Herzkranke mit Drahtlossensoren überwacht. Das haben Forscher des New England Healthcare Institute in Cambridge, Massachusetts, berechnet.

Im Silicon Valley, einem zuverlässigen Seismometer für neue Techniktrends, ist die Begeisterung für die neue Technik längst zu spüren: Im vergangenen Jahr sammelten Startups der Szene laut dem amerikanischen Online-Portal Mobile-Health-News weltweit Risikokapital in der Rekordsumme von 223 Millionen Dollar ein (WirtschaftsWoche 12/2011). Doch das Feld ist keine Spielwiese für Startups mehr. Selbst die größten Spieler der Medizinwirtschaft wie Siemens, Philips und Sanofi Aventis investieren in die mobilen Diagnoseverfahren. Ihnen ist klar: Die Verknüpfung aus Medizintechnik und Mobilkommunikation – bei Experten unter dem Schlagwort Mobile Health bekannt – wird die Medizin verändern. Die Deutsche Telekom widmet der Gesundheit sogar einen ganzen Geschäftsbereich – und hofft bis 2015 auf Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe. "Analysten gehen mittelfristig von 19 Prozent Marktwachstum aus", sagt Bereichsleiter Axel Wehmeier. "Vor allem, weil innovative und kostengünstigere Methoden zur Behandlung chronischer Krankheiten gebraucht werden."

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