Google Nest: Ein fast berauschendes Gefühl von Kontrolle

Google Nest: Ein fast berauschendes Gefühl von Kontrolle

, aktualisiert 05. Juli 2017, 11:09 Uhr
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Rundum-Überwachung in den eigenen vier Wänden. (Foto: pr)

von Johannes StegerQuelle:Handelsblatt Online

Normalerweise lehnt der Autor die Videoüberwachung kategorisch ab – für einen Selbsttest begab er sich dann aber doch unter die allsehenden Augen des Smart-Home-Anbieters Nest. Die Geschichte einer Verwandlung.

DüsseldorfZuerst ein Geständnis: Es gibt wenige Bücher, die mich so nachhaltig geprägt haben wie George Orwells „1984“: Ich las es vor vielen Jahren im Rahmen des Englischunterrichts. Manch einer geriet ja über das Schicksal von Goethes Werther in emotionale Zustände, bei mir war es das von Winston Smith, dem Hauptprotagonisten von Orwells Dystopie.

Das hat weitreichende Folgen: Wann immer ich von Videoüberwachung höre, manifestiert sich tief in mir das Wort „Televisor“ – also die Dinger, mit denen das diktatorische Regime in Orwells Roman seine Untertanen ausspioniert. Was mich dazu bewegt hat, freudestrahlend die Hand zu heben, als der Kollege einen Kandidaten suchte, um die Geräte der Marke Nest zu testen? Das ist mir bis heute nicht ganz klar. Trauma-Bewältigung? Arbeitseifer? Neugier?

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Was auch immer mich angetrieben hat: Da sitze ich nun mit einem Stapel von Kartons, die eher aussehen, als käme in ihnen das neue iPhone und nicht eine smarte Sicherheitslösung für das eigene Zuhause. Enthalten sind ein Rauchmelder, eine Überwachungskamera für den Innenbereich sowie eine für außen.

Auch die Geräte sehen nicht aus wie unfreundliche Hilfsmittel eines allsehenden Großen Bruders, sondern viel eher wie durchdesignte Gadgets eines überteuerten Inneneinrichters. Billig sind die Produkte auch wahrlich nicht: Den Rauchmelder gibt es ab knapp 120 Euro, die Kamera für den Innenraum ab knapp 170 Euro.

Die Installation ist denkbar einfach: Ich lade mir die Nest-App runter und speise die Geräte ein. Das funktioniert über das WLAN. In der App erscheinen nun all meine kleinen Werkzeuge, die ich zur Überwachung meines Zuhauses brauche. Ich bemerke ein fast euphorisierendes Gefühl von Kontrolle. Das verdrängt dann auch irgendwann die Unsicherheit, in der Nähe der Kamera leiser sprechen zu müssen oder nicht nur im Handtuch bekleidet nach dem Handy zu suchen.

Der häusliche Frieden ist erst einmal gestört

Über die App werden alle Geräte miteinander verbunden. Der häusliche Frieden ist zu Beginn des Tests allerdings erst einmal gestört: Der andere Mensch in meiner Wohnung findet die Überwachung nämlich gar nicht so witzig. Ein paar Argumentationsschleifen später einigen wir uns darauf, dass die Kamera im Arbeitszimmer stehen darf. Das Gerät für außen bleibt sowieso im Karton. Dass ich manchmal sonntags Wäsche wasche, reicht als Zumutung für die Nachbarn.

Die Kamera überwacht nun einen erstaunlich großen Ausschnitt des Zimmers – am Anfang erschrecke ich mich, wenn ich mich selbst darauf erkenne. Über die App bekomme ich nämlich immer praktische Mitschnitte geliefert, wenn sich etwas tut. Sobald ich die Wohnung verlasse, stelle ich in den entsprechenden Modus um und die Kamera passt auf.

Das führt manchmal zu der absurden Situation, dass ich mich erschrecke, wenn sie meldet: „Die Kamera Arbeitszimmer hat Aktivitäten erkannt“. Dann ist meist die Katze unterwegs zu ihrem Aussichtspunkt.

Mitunter erscheint auch die Warnmeldung: „Die Kamera Arbeitszimmer hat eine Person erkannt“. Manchmal bin das ich, manchmal ist das auch der andere Mensch, der ein Ladekabel für irgendein elektronisches Gerät sucht. Die Meldungen landen bequem als Push-Mitteilungen auf meinem Handy. So bin ich immer im Bilde, was da so in den heimischen vier Wänden vor sich geht. Ich bemerke ein fast berauschendes Gefühl von Kontrolle.


Manchmal beschleicht mich ein ungutes Gefühl

Auch der Rauchmelder versieht seinen Dienst: Des Nachts signalisiert er durch einen beruhigenden grünen Lichtkranz, dass alles in Ordnung ist. Ein Gast kommt ihm mit seiner Zigarette allerdings eines Abends etwas zu nah. Das folgende ohrenbetäubende Geräusch lässt mich daran zweifeln, ob ich weiter sonntags Wäsche waschen sollte.

Praktisch allerdings: Die Geräte sind miteinander vernetzt. Geht der Rauchmelder los, schaltet sich automatisch die Kamera ein und warnt: „Notfall. Rauch. Überprüfe die Lage. Sei vorsichtig dabei.“

Die Überwachung ist gut gegen die wohl verbreitetste Neurose der Neuzeit. Auf halben Weg zum Auto oder der U-Bahn diese nagenden Gedanken: Habe ich den Herd ausgeschaltet? War die Kerze im Flur eigentlich noch an? Jetzt kein Problem mehr, der große Bruder passt ja auf mich auf.

Trotz aller Sicherheits- und Kontrolleuphorie: Manchmal beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Als ich eines Nachts auf dem Sofa im Arbeitszimmer einschlafe, kann ich meinen Schlafrhythmus am folgenden Tag im Detail nachverfolgen, was mich erstens peinlich berührt und zweites erschreckt: Kann das jetzt noch wer anders sehen? Bekomme ich morgen bei Google Anzeigen zu Bachblütentees für einen besseren Schlaf angezeigt?

Denn Nest gehört seit 2014 zum Technologiekonzern aus dem Silicon Valley. Nest versprach zur Markteiführung in Deutschland Anfang 2017 volle Sicherheit: Man verschlüssele alle Informationen, Updates würden automatisch eingespielt werden.

An die Vollkontrolle kann man sich gewöhnen

Nest-Mitgründer Matt Rogers warb damit, dass die Nutzer die Kontrolle über ihre persönlichen Informationen behalten würden. „Wir sind wie ein Gast in Ihrem Zuhause – und so benehmen wir uns auch“, sagte er. Selbst Mutterkonzern Alphabet oder Schwesterfirma Google hätten keine besonderen Rechte. Na gut.

Ich muss zugeben: Als ich die Stecker an meinen Geräten ziehe, überkommt mich schon ein wenig Bedauern. Auf einem Wochenend-Trip zücke ich ein paar Mal das Handy, nur um es enttäuscht wieder weg zu legen. Wie schnell man sich doch an die Vollkontrolle gewöhnen kann. Der andere Mensch in unserer Wohnung monierte übrigens unlängst, dass der Google Rauchmelder ja viel besser ausgesehen habe als das Ding, das unser Vermieter installiert hat.

Trotzdem: Wie viel Privatheit man wirklich auf das Handy gesendet bekommen will, muss jeder selbst entscheiden. Nach zwei Wochen ohne die Geräte lehne ich übrigens Videoüberwachung wieder kategorisch ab.

Quelle:  Handelsblatt Online
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