1 Billion: Wo sich Altmaier bei der Energiewende verrechnet

1 Billion: Wo sich Altmaier bei der Energiewende verrechnet

von Benjamin Reuter

Experten streiten um die Kosten der Energiewende. Jetzt will eine Studie grüner Verbände nachweisen: Erneuerbare sparen sogar Geld.

Kostenstreit, nächste Runde. Es gab kaum einen Energie-Experten, der in den vergangenen Wochen nichts zu Peter Altmaiers Abschätzung zu den Kosten der Energiewende gesagt hat. In einem Interview mit der FAZ hatte der Umweltminister am 19. Februar behauptet, die Energiewende koste bis Ende der dreißiger Jahre bis zu einer Billion Euro. Wie genau auf diese Zahl kam, hat er bis heute nicht erklärt.

Eine Anfrage der Grünen Bundestagsfraktion an Altmaiers Ministerium ergab aber, dass „die Aussage nicht auf einer konkreten Berechnung beruht, sondern eine mögliche Größenordnung angibt.“ Soweit, so gut.

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In der Folge bekam Altmaier für seine Abschätzung viel Kritik. Jürgen Trittin, Spitzenmann der Grünen, bezifferte die Kosten auf rund 600 Milliarden Euro. Manuel Frondel, Ökonom am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen glaubt dagegen, dass „derzeit niemand seriös die Kosten der Energiewende bis auf die letzte Milliarde beziffern kann“.

Nun versucht eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) und der Energiegenossenschaft Greenpeace Energy etwas mehr Klarheit in die Kostendebatte zu bringen. Dass eine Studie (hier als PDF) von grünen Interessengruppen Altmaier Applaus zollt, war nicht zu erwarten. Entsprechend fällt auch das Ergebnis der Rechnung aus. Ihr Fazit:

„Dass der Ausbau der Erneuerbaren im Strombereich nicht 677 Milliarden Euro mehr kostet, sondern netto gegenüber einem Konventionelle-Energien-Szenario vielmehr 159 Mrd. Euro einspart.“

Altmaier hatte zu den Kosten für die Erneuerbaren von 677 Milliarden Euro noch rund 300 Milliarden für Netzausbau, Speicher und Kraftwerksreserve veranschlagt. Zu diesen Kosten äußert sich das FÖS nicht. Hier ein Überblick über die einzelnen Posten von Altmaier und den FÖS-Expertinnen:

Die Hauptkritikpunkte der beiden FÖS-Autorinnen Lena Reuster und Swantje Küchler an Altmaiers Rechnung sind dabei folgende.

1. Vorwurf: Altmaier rechnet bei den Neuanlagen zu hoch. Für die zwischen 2013 und 2022 gebauten Anlagen setze er pro Jahr Kosten von 1,8 Milliarden Milliarden Euro an, was dem Vergütungssatz vor allem von Solar- und Windanlagen von 2012 entspreche. Er ignoriere dabei aber, dass die Vergütungssätze dauernd sinken und die Fotovoltaik schon in einigen Jahren aus der EEG-Vergütung herausfalle. (Stichwort Umlagestopp bei 52 Gigawatt)

2. Vorwurf: Altmaier rechnet bei bestehenden Anlagen zu hoch. Die Autorinnen gehen von Kosten bis 2022 von 160 Milliarden statt 250 Milliarden aus. Altmaier rechnet hier wohl allerdings eher mit Ausgaben bis 2033 – dann läuft die Förderung heute gebauter Anlagen aus. Und hier kommen Energie-Experten wie Georg Erdmann von der TU-Berlin auf ähnliche Werte wie Altmaier.

3. Vorwurf: Altmaier rechnet Kosten für konventionelle Kraftwerke nicht ein. Die Autorinnen sagen hier, dass durch den Ausbau der Erneuerbaren Neubauten von Kohlekraftwerken und Nachrüstungen bei Kernkraftwerken von rund 70 Milliarden Euro vermieden werden. Hier ist aber eine grundlegende Frage, wie man beide Energiesysteme – also Erneuerbare und Konventionelle – vergleicht. Je nach dem, ob man über die Strompreise an der Börse oder tatsächliche Kosten für Bau und Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas rechnet, kommt man hier auf andere Beträge. In der Regel rechnen Energiewende-Kritiker eher mit dem Börsenstrompreis und Energiewende-Befürworter eher mit absoluten Preisen.

4. Vorwurf: Altmaier ignoriert die externen Kosten für Umwelt- und Klimaschäden, falls die Energiewende verlangsamt wird. Diese Kosten setzen die Autorinnen mit mehr als 360 Milliarden Euro an. Über diesen Punkt der externen Kosten wird schon lange zwischen Grünen, Liberalen und Konservativen gestritten. Er beeinflusst die Rechnung erheblich.

Die Autorinnen bringen noch eine Reihe weiterer Kritikpunkte an Altmaier. So ignoriere er Kostenreduktion durch Energieeffizienz; jahrzehntelange Subventionen für Atom, Kohle, Öl und Gas; die Schaffung von Arbeitsplätzen durch Erneuerbare und die langfristig günstigeren Preise von Sonne und Wind im Gegensatz zu den fossilen Energieträgern.

Die Frage am Ende bleibt, ob Altmaier demnächst mit einer eigenen detaillierten Rechnung nachlegt. Wie kommt er auf seine Billion? Damit würde er zwar den Kostenstreit nicht beenden, aber er würde ihn endlich auf eine solidere Basis stellen.

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