Ägypten: Politische Unruhen gefährden Zugvögel

Ägypten: Politische Unruhen gefährden Zugvögel

Politische Instabilität bringt soziale Unruhen mit teils verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt. Das zeigt der maßlose Fang von Zugvögeln in Ägypten.

Von Dr. Bradnee Chambers. Der Autor leitet als Exekutivsekretär das Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten der Vereinten Nationen in Bonn. 

Seit den Pharaonen wurden Vogelfangnetze entlang der Nordküste von Ägypten aufgestellt. Seit Jahrhunderten blieben die Fangmethoden unverändert: Handgewebte Netze wurden in Bäumen aufgehängt, Leimruten angebracht und Köder ausgelegt, um andere Vögel anzulocken. Mit Pfeil und Bogen bewaffnete Jäger begaben sich auf die Lauer, um genügend Wachteln oder Turteltauben für den Eigenbedarf zu fangen und damit ihre Familien zu ernähren. Das Handwerk wurde über Generationen weitergegeben und die Kriterien für eine nachhaltige Jagd erfüllt. Diese Praxis hat die Populationen der Zugvögel trotz der Verluste während des Vogelzugs zwischen Afrika und Eurasien nicht beeinträchtigt.

Anzeige

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht einer Vogelschutzgesellschaft zeigt jedoch, wie das Ausmaß des Vogelfangs in Ägypten ganz andere Dimension angenommen hat. Andrew Grieve, Vorsitzender der Ornithological Society of the Middle East, schätzt, daß jeden Herbst mehr als 60 Millionen Vögel in den Netzen gefangen werden. Ungezählte Arten, vor allem Singvögel wie Würger, Grasmücke, Nachtigall, Zilpzalp und Mönchsgrasmücke und gelegentlich sogar ein Falke verfangen sich in den Netzen.

Zwar sind die meisten dieser Arten sehr zahlreich, jedoch bereits vielen anderen Bedrohungen wie der Zerstörung ihres Lebensraums und Vergiftung durch Pestizide ausgesetzt. Es wird nicht lange dauern, bis das Wirken ägyptischer Fallensteller Auswirkungen auf die Vögelpopulationen und ihre langfristige Überlebenschancen hat.

Radikale FangmethodenÄgypten liegt an einem wichtigen Knotenpunkt von Flugrouten vieler Vogelarten, die zwischen Mitteleuropa und Afrika wandern. Mit dem Mittelmeer im Norden und der Sahara im Süden bieten der fruchtbare Küstenstreifen und das Niltal wichtige Rastplätze für viele Arten auf dem Weg zu ihren Brutstätten in gemäßigteren Klimazonen im Norden oder den Winterquartieren im zentralen und südlichen Afrika.

Die Fangmethoden haben sich radikal geändert. Die Jäger nutzen Geländewagen mit Allradantrieb anstelle des Kamels. Sie haben Gewehre anstatt Speere, und sie wollen den Bedarf angesichts der Nachfrage auf lokalen Märkten und Restaurants für exotische kulinarische Köstlichkeiten decken, anstatt ihren Bedarf an Essen auf dem eigenen Tisch. Manchmal verfangen sich Greifvögel in den Netzen, die dort Singvögel erspäht haben. Diese Greifvögel, von denen viele stark gefährdet sind, stellen so etwas wie ein Bonus dar, da sie sehr hohe Preise erzielen können - bis zu mehreren tausend US-Dollar für einen Falken.

Anstelle von vier oder fünf Netzen in vereinzelten Bäumen hat sich die Ägyptische Mittelmeerküste von der libyschen Grenze bis nach Gaza in eine 700 Kilometer lange undurchdringliche Barriere aus Nylonnetzen verwandelt, die einen Bruchteil des Preises von traditionell handgewebten Netzen kosten. Anstatt Lockvögel einzusetzen, sind einige High-Tech-Jäger nun mit I-Pods mit Aufnahmen von Vogelstimmen ausgestattet, um vorbeiziehende Vogelschwärme ins Verderben zu locken.

Internationale Abkommen werden ignoriertÄgypten ist jedoch Vertragsstaat des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (Bonner Konvention, CMS) und des Abkommens zur Erhaltung der afrikanisch-eurasischen wandernden Wasservögel (AEWA) - und ist somit internationale Verpflichtungen zum Schutz und nachhaltigen Management von Wildtieren eingegangen, die Ägyptens Hoheitsgebiet und Gewässer durchqueren.

Mit 119 Vertragsstaaten weltweit berücksichtigt die Bonner Konvention als einziges globales Übereinkommen zum Schutz wandernder Tierarten und ihrer Lebensräume ganze Zugwege. Im Fall von Vögeln sind das sind "Flugrouten". Bei korrektem Management gewährleisten die Flugrouten den Schutz der Arten in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet und nicht nur in den wichtigen Brut-, Rastplätzen und den Winterquartieren. Um AEWA und ein weiteres CMS-Regionalabkommen über Greifvögel zu ergänzen, hat man sich auf die Ausarbeitung eines konkreten Aktionsplans für die Erhaltung von Landvögeln in der Region konzentriert. Jagd, illegale Tötung und Handel wurden dabei als diejenigen Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren ermittelt, die auf den Prüfstand gestellt und strenger reguliert werden müssen.

Trotz der Abkommen ist der Vogelmord heute Realität. Lars Lachmann vom Naturschutzbund NABU sagte in einem Interview, 2011 sei die Lage komplett aus den Fugen geraten. Einerseits, weil chinesische Fangnetze sehr billig zu haben waren, andererseits wegen des arabischen Frühlings und der geschwächten Ordnungsmacht.

Es gibt weitere Beispiele für die politische Instabilität, die auf den Sturz langjähriger totalitärer Regime folgt - mit verheerenden Folgen für die Tierwelt. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion durchstreiften eine Million Saiga-Antilopen die Steppen Zentralasiens. Innerhalb von zwei Jahrzehnten ist ihre Zahl auf 50.000 eingebrochen, da die neuen Behörden in den unabhängigen Staaten ihre Autorität zu etablieren sowie ein Netz mit Nationalpark-Rangern aufzubauen suchten, um bedrohte Tiere zu schützen. Ja, die Menschen leiden, und sie kämpfen. Es ist ein entscheidender Moment in ihrer Geschichte, aber die Tierwelt zu vernachlässigen oder gar zu zerstören,  gefährdet die künftige nachhaltige Entwicklung und das Wohlergehen des Landes. Laßt uns zusammenarbeiten, um dieses gemeinsame Naturerbe der Menschheit zu bewahren!

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%