Armstrong-Affäre: Der Spitzensport muss nachhaltiger werden

Armstrong-Affäre: Der Spitzensport muss nachhaltiger werden

Kolumne Extremlauf: Die Affäre um den Radprofi Lance Armstrong zeigt, dass der Spitzensport nachhaltiger werden muss. Drei Vorschläge, wie das gehen könnte.

Von Jürgen Mennel. Der Extremsportler und Vizeweltmeister im Lauf über 100 Kilometer schreibt regelmäßig für WiWo Green. Seine ersten beiden Kolumnen finden Sie hier und hier.

Aktuell kocht durch ein Interview in den USA die Radsportaffäre um Lance Armstrong wieder hoch. Sie offenbart eine ganze neue Dimension von Dopingskandal: finanziellen Manipulationen, Betrug, Lügen, Irreführungen, Nötigungen und vieles mehr. Sicher, bekannt war das schon lange – aber nun hat es Lance Armstrong, der vermeintlich erfolgreichste Radfahrer aller Zeiten, auch in aller Öffentlichkeit zugegeben.

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Was folgt daraus?

Bis vor einigen wenigen Jahren lösten die Schlüsselworte Tour de France, Lance Armstrong gegen Jan Ulrich, Bergetappendramatik in den Alpen hohe Begeisterung aus und faszinierten Millionen von Zuschauern vor den Bildschirmen in der ganzen Welt.

Entsprechend üppig flossen die Sponsorengelder. Und die brachten das Hochleistungssportnetzwerk aus Athleten, Trainern, Funktionären, teamverantwortlichen Unternehmen, Medien und Sportmedizinern immer schriller und spektakulärer in Bewegung. Der dadurch ausgelöste Hype, die Begeisterung und der Spannungsreichtum ist jetzt – quasi im Gesamtendklassement – Entsetzen, Ratlosigkeit und Katzenjammer gewichen.

Faszination schaffen nur noch die verschiedenen DopingtechnikenAber nicht nur im Radsport gibt es Probleme. Es stellt sich vielmehr die Frage: Wie geht es mit dem Hochleistungssport, also auch der Leichtathletik und anderen Wettkampfarten, künftig weiter?

Ich als Hochleistungssportler kenne die Faszination des Hochleistungssports. Auch ich begeistere mich für die physischen und psychischen Grenzerfahrungen, die Spannung der stundenlangen Duelle mit Konkurrenten, das intensive Auskosten von emotionalen Höhen und Tiefen und tiefgründigen Erlebniswelten.

Aber der Hochleistungssport mit seinen Netzwerken aus Athleten, Sponsoren, Veranstaltern, Trainern und Sportmedizinern hat sich mehr und mehr in die Eindimensionalität des The-Winner-takes-it-all-Prinzips hineinmanövriert. Es zählt zu oft nur noch der Sieg – das rein sportliche, nackte, substanzlose reine Resultat.

Das erkennt man auch daran, dass beim alles entscheidenden Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen und verschiedenen Weltmeisterschaften eine einzige Goldmedaille mehr zählt als 100 Silbermedaillen.

Diese Strukturen und Leitlinien provozieren und nötigen die Sportler geradezu, mit unerlaubten Hilfsmitteln wie Doping oder übermäßiger technischer Unterstützung ihre Resultate künstlich zu verbessern. So sind viele der Spitzenleistung von Hochleistungssportlern zu einem unverhältnismäßig hohen Anteil der Sportmedizin, der technischen Weiterentwicklung und fragwürdigen unnatürlichen Trainingsmethoden zu „verdanken“. Bestaunenswert ist an so einer Art Sport nur noch die Skrupellosigkeit und Dreistigkeit, die damit einhergehen.

Wie der Spitzensport nachhaltig wirdDie Folge: Der Athlet ist nicht mehr Subjekt, das weitgehend selbständig seinen Unterstützungsbedarf managt. Sondern er wird mehr und mehr in die Rolle des Objektes, des Befehlsempfängers seitens Trainer, Mediziner, Techniker, Sponsoren usw. gedrängt. Und das alles wegen der angestrebten Erstplatzierung.

Meiner Ansicht nach, muss die aktuelle Empörung und die Rat- und Orientierungslosigkeit der Lance-Armstrong-Affäre Anlass zum konkreten Handeln sein.

Deshalb an dieser Stelle drei Vorschläge, wie der Spitzensport nachhaltiger werden kann:

1. Gesundheit und Motivation

Ein positiver Impuls, den Hochleistungssportler im hohen Maße zum Vorteil verschiedenster Bevölkerungsgruppen weitergeben können, ist Ihre Fähigkeit, sich selbst zu motivieren.

Gerade in der Bewältigung ihres harten Trainingpensums sind Spitzensportler Experten im Aufbau einer permanenten Motivationsbereitschaft, in der Entwicklung von Überwindungsstrategien gegenüber Bequemlichkeit und Trägheit sowie im Aufbau einer hohen Konzentrationsfähigkeit. Von diesen Fähigkeiten können viele Menschen, die zum Beispiel mit Zivilisationskrankheiten wie Depressionen, Burn-Out, Übergewicht und Herz-Kreislauferkrankungen zu kämpfen haben, lernen. Spitzensportler könnten Sie dabei in Theorie und Praxis effektiv und problemlos unterstützen.

2. Mitwirken bei Heilprozessen

Spitzensportler bilden bei ihrem jahrelangen intensiven Training zum Teil extrem leistungsstarken Organsysteme – uunter anderem das Herz-Kreislaufsystem, das Hebelsystem Muskulatur – Knochen – aus. Bei einer richtigen Analyse können sie Orientierung und Anhaltspunkte für eine verbesserte Therapieunterstützung von verschiedensten Krankheiten der Allgemeinbevölkerung liefern.

An diesem therapeutischen Wissenstransfer können und sollten Spitzensportler sich kompetent und sinnstiftend aktiv beteiligen. In diesem Zusammenhang ist man oft erstaunt, wie schnell Spitzensportler nach schweren Verletzungen und Erkrankungen wieder an ihre alte Topleistungsfähigkeit anknüpfen können. Diese Heil- und Regenerationsprozesse sollten vor allem für den Reha-Bereich genutzt werden.

3. Ökologisches Engagement von Spitzensportlern

Ausdauersportler wie Läufer, Radfahrer, Triathleten sind aufgrund ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit geradezu prädestiniert zum Beispiel Wegstrecken zur Arbeitsstätte CO2-frei zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu absolvieren. Ich habe darüber in meiner letzten Kolumne geschrieben. Durch ihre aktive Vorbildfunktion können Spitzensportler zahlreiche Mitarbeiter, Bekannte, Fans motivieren, ihren jeweiligen Arbeitsweg CO2-frei oder in Kombination S-Bahn und Fahrrad zumindest ab und an zu bestreiten.

Eine CO2-freie Mobilitätsallianz von Spitzensportlern könnte hier eine Sogwirkung auslösen, zumal es zugleich für die Ausdauersportler ja schon eine effektive zeitsparende erste Trainingseinheit darstellt.

Zudem könnten Spitzensportler auch in ihren jeweiligen Unternehmen die Funktion eines finanziell geförderten Mobilitäts- und Gesundheitsbeauftragten annehmen. Sie könnten dann auch strukturelle Verbesserungen zum Vorteil aller Beteiligten einleiten: zum Beispiel die Einrichtung von Dusch- und Umkleidemöglichkeiten in Firmen und der Gestaltung von unkomplizierten Anreizsystemen.

In diesem Zusammenhang liegt es nahe, zu einer aktiveren Bewegungskultur in Alltagssituationen für Kinder und Jugendliche aufzurufen. Wie jeder weiß, werden selbst kleine Entfernungen wie der Schulweg nicht mehr selbständig zurückgelegt, sondern zunehmend vom Automobil übernommen. Dies ist mit oft unterschätzten negativen ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Folgen für unsere Kinder verbunden.

Spitzensportler können dabei helfen, diesem negativen Trend entgegenzuwirken. Mit einer verbesserten Bewegungskultur für unsere Kleinsten, kommen auch mehr sportliche Nachwuchstalente zum Vorschein. Damit schließt sich der Kreis.

Fans, Bürger und Sponsoren wollen Athleten, die sich engagierenDies sind nur einige Beispiele dafür, wie sich Spitzensport-Netzwerke problemlos mit überschaubarem Aufwand, aber hocheffektiv, nachhaltig engagieren können.

Was aber haben sie davon, außer einem guten Gefühl? Ich bin überzeugt, dass es mittlerweile in der Bevölkerung einen hohen Prozentsatz gibt, der auch Spitzensportler mit einem 6. oder 7. Platz würdigt. Nämlich dann, wenn er oder sie sich ergänzend zu seiner sportlichen Leistung für nachhaltige Themen einsetzt. Für viele Fans und Bürger ist das symphatischer als ein Top-Athlet, der mit seinem klassischen Hochleistungsnetzwerk nur eindimensional auf Platzierung schaut.

Zudem ist eine Verknüpfung von selbstbestimmtem Leistungssport mit nachhaltigem Engagement für kreative Sponsoren eine Alternative zur fragwürdigen Förderung eines eindimensionalen sportlichen Erstplatzierten. Der Fall Lance Armstrong muss jetzt eine Wende einleiten. Eine Wende hin zu einer sinnbildenden Kombination von Leistungssport und nachhaltigem Engagement.

Ich versuche dabei mit gutem Beispiel voranzugehen: Meine aktuellen Aktivitäten an der Schnittstelle Hochleistungssport und Nachhaltigkeit können Sie hier abrufen.

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