10 Millionen Solardächer: Wie drei Hamburger den Strommarkt aufmischen

10 Millionen Solardächer: Wie drei Hamburger den Strommarkt aufmischen

von Benjamin Reuter

Das Startup DZ-4 will einen Hit aus den USA nach Deutschland bringen: Solaranlagen für lau. Der Markt ist riesig.

Der Stadtteil Winterhude in Hamburg gehört eher zu den schicken Ecken der Elbmetropole. Große Altbauwohnungen gibt es hier, teure Boutiquen. Was man eher nicht in dem Hinterhof im Mühlenkamp vermuten würde: ein kleines Startup. Und noch dazu eines, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Energiemarkt in Deutschland umzukrempeln.

Ein paar Treppen geht es in ein Souterrain hinunter, wo Tobias Schütt in seiner Bürogemeinschaft begrüßt. Zusammen mit seinen Mitstreitern Florian Berghausen und Arne Horn führt er von hier aus sein Startup DZ-4. Alle drei haben Jahre in der Solarindustrie auf der ganzen Welt gearbeitet, nun wollen sie in Deutschland eine kleine Revolution starten.

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Nach Revolution sieht es aber ersteinmal gar nicht aus: Im Besprechungsraum des Büros steht ein Kicker. Vor der Terrasse des Büros liegen ein paar Kajaks vor einem der zahlreichen Kanäle der Gegend. "Ich kann von hier mit Boot nach Hause fahren", scherzt Schütt. Das Büro von DZ-4 würde auch zu einer hippen Werbeagentur passen.

Was sich nach Spaß anhört, ist aber eher eine Maßnahme, um quasi spielerisch zum Erfolg zu kommen. Denn an dem Kicker tischbolzen nicht nur Schütt und seine Kollegen, sondern hier stehen auch regelmäßig Vertreter der großen deutschen Stromkonzerne auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen für ihre gebeutelte Branche.

Was sie anlockt ist Schütts Plan: Er will auf einfache Weise die Dächer von Deutschlands rund acht bis zehn Millionen Ein- und Zweifamilienhäusern mit Solarpanelen ausstatten. Und zwar indem er den Häuslebesitzern die Solaranlage auf das Dach baut und sie dann den Strom abkaufen. Weitere Kosten oder Aufwand sich einen Handwerker und die beste Technik zu suchen, gibt es nicht.

Unabhängig dank SolarStrom aus der eigenen Solaranlage zu nutzen, war nie so einfach. Außerdem ist die Energie vom Dach für die Verbraucher auf lange Sicht billiger als aus der Steckdose. Schütt denkt sogar noch weiter. Er will mit seinem Projekt eines der größten Probleme der Energiewende lösen: Denn wie geht der Ausbau der Solarkraft weiter, wenn es irgendwann keine feste Einspeisevergütung mehr geben wird?

Derzeit bekommen Hausbesitzer, die sich eine Solaranlage aufs Dach schrauben, noch für zwanzig Jahre etwas mehr als zehn Cent für jede Kilowattstunde, die sie ins öffentliche Stromnetz einspeisen.

Aber Schütt ist sich sicher: "Mit dieser Regelung ist es in ein paar Jahren vorbei." Bis dahin will er sein Geschäftsmodell soweit vorangetrieben haben, dass Solaranlagen auch ohne Förderung attraktiv sind.

Vorerst sei aber noch viel zu tun, sagt der Startup-Gründer, bietet Kaffee an und setzt sich auf die schwarze Ledercoach im Besprechungszimmer, um die Geschichte von DZ-4 zu erzählen.

Die Idee hat Schütt aus den USA mitgebracht, wo er einige Jahre in der Solarbranche arbeitete. Damals kam auch das Unternehmen Solarcity mit einem Leasing-Modell für Solaranlagen auf den Markt. Die Strategie auch hier: Das Unternehmen baut die Anlage aufs Dach und die Hausbesitzer kaufen den Strom ab.

Mit diesem einfachen System hat Solarcity seit 2008 mehrere hunderttausend Kunden gewonnen - von Eigenheimbesitzern über Unternehmen bis zu Wohnkomplexen für Soldaten. Bis 2018 will Solarcity, das unter anderem vom Chef des US-Elektrowagenbauers Tesla, Elon Musk, mitgegründet wurde, eine Millionen Kunden haben.

Für machen Börsenanalysten ist die Aktie des Unternehmens der Geheimtipp für das Jahr 2014. Denn mittlerweile ist Solarcity einer der größten Solarfinanzierer und Projektierer der USA.

Kapitalintensives GeschäftsmodellAuch in Deutschland wartet ein riesiger Markt. Würden alle Eigenheime mit Solarpanelen gepflastert, würde das einen Jahresumsatz von mehr als zehn Milliarden Euro bringen, hat Schütt errechnet. In diesen Markt drängen inzwischen auch Ökostromanbieter wie Lichtblick, die Vermieter für Solaranlagen begeistern wollen.

Gerade ist die erste Anlage, die DZ-4 auf das Dach eines Hauses in der Nähe von Hamburg geschraubt hat, ein Jahr alt geworden. Insgesamt zählt das Startup erst eine zweistellige Anzahl an Kunden. Schütt will sein Geschäft langsam skalieren.

Je nachdem wo die Kunden von DZ-4 in Deutschland wohnen und wie viel sie für ihren Strom aus der Steckdose zahlen, liegt das Angebot des Startups ein paar Euro unter oder über dem Strompreis eines lokalen Ökostromversorgers. So zahlt eine Familie in Hamburg, die 4000 Kilowattstunden Strom im Jahr verbraucht und Strom vom eigenen Dach bezieht, laut einer Beispielrechnung von DZ-4 110 Euro monatlich für ihre Versorgung. Das beinhaltet auch die Kosten der Solaranlage und den Strom, der zusätzlich aus dem Netz kommt. Mit diesem Modell würde die Familie rund ein Drittel ihrer Elektrizität selbst erzeugen.

Die 110 Euro liegen etwas über dem Preis, den die Familie aktuell für Ökostrom in Hamburg zahlen würde. Steigen die Strompreise aber künftig weiter, spart die Familie schon nach einem Jahr Geld. Schütt nimmt an, dass die Strompreise jährlich um fünf Prozent in die Höhe gehen. Der Preis für den selbst produzierten Solarstrom ist dagegen zehn Jahre lang garantiert. Danach können die Kunden die Solaranlage kaufen oder weiter mieten.

Noch ist Autarkie teuerDZ-4 bietet seinen Kunden aber auch ein Paket mit einem Stromspeicher für den Keller an. "Das ist aber bei den aktuellen Preisen für die Batterien, eher noch etwas für Enthusiasten", sagt Schütt.

Wählt die Familie einen Akku für den Keller, könnte sie zwar mehr als 60 Prozent des Stroms von ihrem Dach selbst verbrauchen. Rechnen würde sich diese Option allerdings erst in vier oder fünf Jahren. Denn die Grundgebühr für Solaranlage plus Akku beträgt zwischen 130 bis 140 Euro im Monat. Um wirklich attraktiv für die Stromkunden zu werden, müssen die Preise für die Kellerakkus noch um 30 bis 50 Prozent sinken, rechnet Schütt vor.

Aber ob mit Speicher oder ohne, DZ-4 finanziert alle Kosten vor: die Solaranlage, den Einbau und die Wartung. Für das Startup rentiert sich diese Investition erst nach einigen Jahren. 

Das Modell, das die Hamburger aus den USA importiert haben, ist also nicht ohne Tücken. Deshalb will es Tobias Schütt auch langsam angehen lassen. Um tausende Kunden in kurzer Zeit aufzunehmen, fehlt es schlicht an Kapital. Außerdem müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen entwickelt, die Handwerker geworben und ein Serviceteam aufgebaut werden. 2015 allerdings soll dann eine vierstellige Kundenzahl akquiriert sein.

Dass die Kunden von DZ-4 mit dem Angebot nicht in jedem Fall sofort Geld sparen, könnte für viele aber auch eine Hürde sein. Und ob die Strompreise wirklich so stark steigen, wie Schütt annimmt, ist auch nicht ausgemacht. Solarcity in den USA war dagegen von Anfang an billiger als der Strom aus der Steckdose, auch wegen üppiger Steuererleichterungen für Grünstromproduzenten in den USA. Zwar wachsen die Kundenzahlen mit dieser Strategie rapide, doch auch die Schulden des Unternehmens sind enorm und müssen immer wieder gegenfinanziert werden. Schütts Strategie kommt dagegen eher konservativ daher.

Hat DZ-4 mit seinem Konzept Erfolg in Deutschland hätten die Hamburger viel für die Weiterentwicklung der Energiewende getan. "Bisher waren Solaranlage für viele Leute eine Kapitalanlage", sagt Schütt. Sie speisten ihren Strom ein und der Rest der Verbraucher bezahlte die Anlage über die EEG-Umlage ab - mit meist guten Renditen für die Anlagenbesitzer. Das ändert sich mit Schütts Geschäftsmodell. Und nicht zum Schlechten. Denn jetzt ist die Energiewende um einen Antreiber reicher.

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