3M: „Nachhaltigkeit steckt bei uns in den Genen“

3M: „Nachhaltigkeit steckt bei uns in den Genen“

Interview: Patrick Deconinck, Westeuropa-Chef des US-Technikriesen 3M, über Wachstumsstrategien, neue Technologien und Nachhaltigkeit.

Das US-Unternehmen 3M gilt als einer der international innovativsten Technikkonzerne weltweit. Auf der Basis von 46 Technologieplattformen stellt das Unternehmen mehr als 50 000 verschiedene Produkte her. Dabei kann 3M auf einen Fundus von über 25 000 Patenten zurückgreifen. Weltweit setzte der Konzern im vergangenen Jahr mit rund 88 000 Beschäftigten knapp 30 Milliarden Dollar (rund 23 Milliarden Euro) um.

Unser Autor Ulrich Groothuis hat mit mit Patrick Deconinck, dem Westeuropa-Chef des US-Technikriesen 3M, über Wachstumsstrategien, neue Technologien und Nachhaltigkeit gesprochen.

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Herr Deconinck, 3M bezeichnet sich selbst als „Die Erfinder“ Was bedeutet das für Ihre Europa-Strategie?

Deconinck: Ich glaube, dies beschreibt sehr gut den Kern und den Anspruch unseres Unternehmens. Es ist in der Tat auch die Grundlage für unsere Wachstumsstrategie in Europa. Natürlich sehen wir größere Wachstumschancen im Osten, denn dort wächst die Wirtschaft schneller. Hier treffen wir auf einen hungrigen Markt mit zum Teil größeren Wachstumsraten als in westeuropäischen Ländern. Dabei setzen wir uns in Ost und West immer das gleiche Ziel: Wir wollen mit unseren Produkten und Lösungen die Wettbewerbsfähigkeit unserer Kunden im eigenen Markt erhöhen - das ist unser Geschäft.

Haben Sie eine Art Geschwindigkeitsmesser für das Innovationstempo in Ihrem Unternehmen?

Deconinck: Wir messen das Tempo unserer Innovation mit dem sogenannten „New Product Vitality Index“. Dabei wird der Anteil der Produkte, die in den vergangenen vier Jahren eingeführt wurden, am Gesamtumsatz gemessen.

...was heißt das  konkret?

Deconinck: Derzeit beträgt der Anteil dieser Produkte 32 Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes von knapp 30 Milliarden Euro oder rund 23 Milliarden Euro. Etwa ein Drittel unseres Umsatzes stammt also von Produkten, die jünger als vier Jahre sind. Unser Ziel ist es, diesen Anteil in den nächsten fünf Jahren auf 40 Prozent zu steigern. Bei der Hälfte dieser 32 Prozent ersetzen wir uns praktisch selbst, in dem wir die auf dem Markt befindlichen Produkte verbessern. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Die andere Hälfte steht für völlig neue Produkte.

Als Innovationstreiber müssen Sie doch Auflagen und Regulierungen besonders treffen? Was ärgert Sie am meisten?

Deconinck: Ein Großteil der Länder gehört zur EU. Hier sind die Vorschriften mehr oder weniger gleich.  Den größten Engpass, den wir für Innovation sehen, ist  die Langsamkeit, mit der die Regierungen Innovation annehmen. Viele sind zu konservativ. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Wir haben ein neues Produkt entwickelt, das FCKW in Kühlflüssigkeiten ersetzen kann. Aber zur Vermarktung müssen erst bestehende Vorschriften geändert werden. Dieser Prozess dauert.  Und das, obwohl das Produkt sehr umweltverträglich ist. Das größte Problem - nicht nur für 3M, sondern auch für andere Unternehmen -  bleibt das Schneckentempo mit denen Innovationen angenommen werden – das muss schneller geschehen!

Wie grün ist 3M? Wie geht Ihr Unternehmen mit dem Begriff Nachhaltigkeit um? Eine lästiges Modewort oder eher eine Herausforderung?

Deconinck: Erst einmal: Nachhaltiges Wirtschaften ist für uns nichts Neues. Es steckt bei uns praktisch in den Genen. Das fing  schon vor fast 40 Jahren an. Wir führten damals ein Programm namens Pollution Prevention Pays  ein – kurz 3P genannt. Es war eine Herausforderung, aber sie half uns, den von uns produzierten Abfall drastisch zu reduzieren, ebenso wie auch den CO2-Ausstoß und die Lösungsmittelemissionen.

Können Sie Zahlen nennen?

Deconinck: Zwischen 1990 und 2012 haben wir – im Verhältnis zum Umsatz - unseren Abfall um 67 Prozent und unsere Lösungsmittelemissionen um 95 Prozent reduziert. Der Energieverbrauch ist von 2000 bis 2012 um 49 Prozent gesunken. Die Treibhausgasemissionen konnten von 1990 bis 2011 um 72 Przent reduziert werden. Das sind beachtliche Zahlen, und für die  Zukunft setzen wir uns weiter ambitionierte Ziele.

Welche?

Deconinck: Wir haben uns schon 2010 vorgenommen, dass wir bis 2015 unseren Lösungsmittelausstoß um weitere 15 Prozent, unseren Abfall um zehn Prozent  senken wollen. Unseren Energieverbrauch – das war unsere Vorgabe schon 2005 – wollen wir um weitere 25 Prozent senken. Wir nehmen das sehr ernst. Wir konnten durch das 3P-Programm seit 1975 1,7 Milliarden Dollar sparen  - das sind knapp 1,3 Milliarden Euro. Gleichzeitig konnten wir der Umwelt Gutes tun und 1,7 Millionen Tonnen Schadstoffe vermeiden.

Das haben sich viele Unternehmen auch auf die Fahnen geschrieben. Damit lässt sich bestens werben. Wo ist denn 3M wirklich präsent? Was hat der Kunde davon?

Deconinck: Schauen Sie, unser Unternehmen baut auf 46 unterschiedlichen Technologieplattformen auf und stellt mehr als 50 000 verschiedene Produkte her. Da gibt es aus Kundensicht unter unseren Technologien mehrere, die wirklich umweltschonend sind, wie zum Beispiel  leichtgewichtige Werkstoffe oder Produkte, durch die sich Gewichtseinsparungen bei anderen Materialien und Produkten erzielen lassen. Das ist besonders relevant für den Transportbereich, also Luftfahrt, Schiene und Straße. Immer wichtiger wird das Thema Energiesparen.  Schon vor einigen Jahren haben wir Sonnenschutzfolien für Fenster auf den Markt gebracht. Diese Folie trägt dazu bei, die Kosten für die Klimatisierung der Räume wesentlich zu reduzieren. In letzter Zeit haben wir sehr viele neue Produkte für die Energieerzeugung eingeführt – vor allem effizientere Solarmodule für Solarenergie oder Erosionsschutzbeschichtungen, die auf die Rotorblätter von Windanlagen aufgebracht werden. Immerhin bewegen die sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 300 km/h. Das führt natürlich zu einer starken Erosion. Durch unsere Lösungen wird diese Erosion drastisch reduziert und die Haltbarkeit der Rotorblätter deutlich verlängert. Rechnen sie das auf  die mehr als 20 000 Windkraftanlagen in Deutschland hoch, könnten dadurch schätzungsweise bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden

Das Thema „Smart Cities“ dürfte Ihnen nicht fremd sein...

Deconinck: Natürlich nicht, das ist auch bei 3M ein großes Thema. Gerade der Bereich Energieübertragung und  -verteilung dürfte in den nächsten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen. Günstige Energie muss immer und überall verfügbar sein.  Aber die unregelmäßige Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien ist zu einem zentralen Problem geworden.  Das bestätigt auch eine von uns in Auftrag gegebene Umfrage bei 2500 Stadtbewohnern in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Schweden. Alle befürchteten, die Preise könnten steigen und Versorgung zusammenbrechen.

3M hat ein Rezept dagegen?

Deconinck: Nicht nur ein Rezept. Wir haben ein Leiterseil auf Keramikbasis entwickelt, das doppelt so viel Energie wie ein normales Stahlseil übertragen kann.  Und noch ein Vorteil: Der Neubau  der hässlichen Hochspannungsmasten in der Landschaft ließe  sich so zum Teil vermeiden. Darüber hinaus bieten wir für die bereits bestehende Stromkabelinfrastruktur eine völlig neue Mess-Sensorik an, die in Echtzeit den Strom und die Spannung in den Ortsnetzstationen übermitteln kann. Sie ist wesentlich kostengünstiger als die komplette Erneuerung der Stationen.

War 3M auf die plötzliche Energiewende in Deutschland vorbereitet?

Deconinck: Ja und nein. Die Kurzfristigkeit war sicher überraschend. Aber wir versuchen, so proaktiv wie möglich zu sein. 3M hat eine Vielzahl an existierenden Technologien für die Energiewende.

Und wie grün sind Sie, Herr Deconinck?

Mein Haar ist grau, aber mein Herz ist grün.“(lacht!) Ich glaube wirklich, dass Nachhaltigkeit der Weg in die Zukunft ist. Es ist Zeit, dass wir nach all den Umweltbelastungen der Vergangenheit etwas für die Erde tun, damit auch unsere Kinder und Enkelkinder noch etwas davon haben.

 

Vom Außendienstmitarbeiter zum EuropachefPatrick Deconinck, 59, wuchs in dem kleinen belgischen Städtchen Avelgem in der Nähe von Brüssel auf. Nach dem Abitur studierte er an der renommierten Universität Leuven Angewandte Wissenschaften.  Seine 3M-Laufbahn begann er 1976 in der Brüsseler Europa-Zentrale im Außendienst für industrielle Klebstoffe und Klebebänder. Nach verschiedenen Stationen mit wachsender Verantwortung in Belgien, Deutschland und Europa rief 2001 Amerika. Deconinck wechselte ins 3M-Hauptquartier nach St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota. Im Laufe der Zeit übernahm er Führungspositionen in unterschiedlichen Sparten des Multi-Technologiekonzerns. Im September 2011 wurde Deconinck dann von Inge Thulin, CEO des Konzerns, zum Senior Vice President Western Europe berufen.

 

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