Beim lokalen Lieferanten kaufen: Weg vom anonymen Weltmarkt

Beim lokalen Lieferanten kaufen: Weg vom anonymen Weltmarkt

von Michael D’heur

Symrise macht mit Vanille Milliardenumsätze. Statt die Zutaten am Weltmarkt zu kaufen, setzt das Unternehmen auf direkte Kontakte.

Dass mehrere Branchengrößen zusammenarbeiten, ist selten. Trotzdem kommt es vor. Nike, Puma und Adidas arbeiten zusammen, C&A und H&M ebenfalls. Im Programm „Zero Discharge of Hazardous Chemicals (ZDHC)“ versuchen die Unternehmen, bis 2020 gefährliche Chemikalien aus ihren Produkten zu verbannen.

Wer nachhaltige Produkte herstellen will, der muss vor allem auf die Zusammenarbeit mit Lieferanten schauen. Die Auswahl der richtigen Partner, deren Integration in die eigene Wertschöpfung und das Management von Versorgungsrisiken sind wichtige Faktoren für eine flexible und zugleich nachhaltige Wertschöpfung. Das bedeutet, Produkte und Lieferkette in allen Aspekten so zu gestalten, dass ökonomischer, ökologischer und gesellschaftlicher Mehrwert entsteht.

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Die ZDHC-Teilnehmer greifen auf die gleiche Lieferantenbasis zurück. Was liegt näher, als gemeinsame Standards zu implementieren? Denn die Verantwortung für die Wertschöpfung endet heute nicht mehr an den Grenzen eines Unternehmens. Produzenten und Lieferanten sind in komplexen Wertschöpfungsnetzwerken miteinander verbunden.

Während Unternehmen in der Vergangenheit aufgrund hoher Wertschöpfungstiefe noch starke Kontrolle über ihre eigenen Prozesse hatten, ist das heute nicht mehr der Fall. Selbst mittelständische Unternehmen managen heute globale Wertschöpfungsketten. Daher liegt es im Interesse der Unternehmen, Verantwortung für die unternehmensübergreifende Wertschöpfung zu übernehmen und dafür auch mit anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Sicherer Zugang zu RohstoffenAuch die Sicherung der Rohstoffbasis kann dazu movieren, nachhaltige Geschäftspraktiken einzuführen und weiterzuentwickeln. Ein gutes Beispiel bietet hier der börsennotierte Aromenhersteller Symrise mit seinem Vanillegeschäft. Das Unternehmen mit mehr als 8000 Mitarbeitern und 2,1 Milliarden Euro Umsatz ist ein bedeutender Lieferant der Nahrungsmittelindustrie.

Rund 80 Prozent der weltweit verarbeiteten Vanille stammen aus Madagaskar. Hier wächst sie mitten im Urwald, Plantagenanbau ist nicht möglich. Tausende Kleinbauern bearbeiten kleinste Parzellen inmitten des madagassischen Regenwaldes. Um ein Kilo Vanilleschoten zu produzieren, bestäuben sie 500 Blüten von Hand.

Nun ist der madegassische Vanillemarkt höchst intransparent. Das heißt, die Unternehmen der Duft- und Geschmackstoffindustrie haben keinen Zugang zu den Bauern, denn diese verkaufen ihre Vanille an Zwischenhändler. Über Weiterverarbeiter und Exporteure findet die Vanille erst ihren Weg zu Aromenherstellern, die daraus Vanilleextrakte und -aromen für den Weltmarkt herstellen und an die Lebensmittelindustrie liefern. In diesem System ist es unmöglich, das Produkt bis zum Bauern zurückzuverfolgen, oder gar Einfluss auf soziale sowie ökologische Faktoren zu nehmen und Maßnahmen zur Qualitätssteigerung zu implementieren.

Shared Value durch direkte HandelsbeziehungenSymrise hat seine Lieferkette komplett umgebaut und setzt auf direkte Handelsbeziehungen mit den einzelnen Erzeugern. Das Projekt erforderte jahrelange Pionierarbeit, doch mittlerweile ist es erfolgreich. Im Jahr 2012 arbeitete das Unternehmen erst mit 1.000 Bauern direkt zusammen. Bis Ende 2015 sollen es schon 8.000 sein.

Mehrere hundert Angestellte von Symrise betreuen dieses Projekt vor Ort. Dieser Ansatz ermöglicht die Einflussnahme auf Faktoren wie Anbaumethoden, Fruchtauswahl und Erntezeitpunkt. Die Vorteile sind hohe Ausbeuten, sichere Versorgung, beste Qualität und größtmögliche Rückverfolgbarkeit. Symrise unterstützt lokale sozioökonomische Strukturen und leistet einen Beitrag zur Wertschöpfung vor Ort – bei gleichzeitiger Steigerung des Wohlergehens der Erzeuger.

Mit an Bord sind Experten von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die wertvolle Hinweise und Hilfe liefern. Sie bringen ihr Know-how in die Zusammenarbeit ein, und ergänzen das umfangreiche Wissen über das Vanillegeschäft. Erst diese Erkenntnisse erlauben es dem Unternehmen, wirksame Nachhaltigkeitsstrategien in den jeweiligen Märkten zu entwickeln und zu verstärken. Symrise kauft heute seine Rohstoffe von den Bauern vor Ort und ist so direkt in die lokale Wirtschaft integriert.

Für Symrise heißt das, es kann seine Position als zuverlässiger Lieferant hochwertiger Vanillearomen ausbauen und entkoppelt seine Zulieferstruktur zugleich vom volatilen und oft schwer vorhersehbaren Rohstoffmarkt. Die Folge sind – neben stabilen und höheren Erträgen für die Erzeuger – verlässliche Preise für Kunden in der Lebensmittelindustrie, konstante Qualität für die Verbraucher sowie stabile Margen für Symrise selber.

Entscheidend bei dem Modell ist die lückenlose Kontrolle der Lieferkette. Sie erlaubt es, den Weg jeder einzelnen Vanilleschote vom Strauch bis zum Endprodukt nachzuverfolgen. Am anderen Ende der Lieferkette profitieren Verbraucher von Vanilleprodukten, die nicht nur hochwertig, sondern auch nachgewiesen nachhaltigen Ursprungs sind.

Mehrwert durch DirektbeschaffungWenn ein Global Player wie Symrise erkennt, welchen Wert nachhaltige Beschaffungspraktiken auf das eigene Geschäft haben, werden auch die erforderlichen Managementressourcen mobilisiert und erheblicher Transformationsaufwand in Kauf genommen. Dabei muss das Rad nicht neu erfunden werden.

Transformationswillige können auf wirksame Tools zurückgreifen. Um Nachhaltigkeitsaspekte in das Lieferantenmanagement zu integrieren, nutzen Unternehmen zum Beispiel die SEDEX-Datenbank, die weltweit Daten von rund 27.000 Produktionsstandorten beinhaltet. Dabei werden internationale Standards und Empfehlungen zu Menschenrechten, Arbeitnehmerschutz, Umweltschutz und Gesundheitsschutz berücksichtigt.

Ein Einkaufverantwortlicher, der im eigenen Unternehmen nachhaltige Beschaffungspraktiken etablieren will, stellt sich zu Beginn folgende Fragen:

  • Kann ich für meine Lieferanten die Hand ins Feuer legen? Habe ich auch Transparenz über die Lieferanten meiner Lieferanten?
  • Steht mein Unternehmen unter (verschärfter) Beobachtung durch Politik, NGOs, Verbraucherverbände oder private Initiativen? Wenn ja, sind deren Anliegen berechtigt?
  • Welche Partner kann ich nutzen, um neue Formen der Wertschöpfung zu entwickeln?

Das Innovationspotenzial, das Kundengruppen, Interessenverbände und NGOs zu einem solchen Umbau der Beschaffungsstrukturen beisteuern, kann in einem offenen Dialog gehoben werden. Lieferanten verfügen in der Regel über detaillierte Expertise und Kreativität. Die vom Unternehmen dabei seinen Lieferanten gestellten Anforderungen können für diese Ansporn sein, völlig neue und zum Teil radikale Lösungsansätze zu präsentieren, um die ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen von Produkten zu verbessern.

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Der Autor ist Experte für Sustainable Value Chain Management. Als Geschäftsführer von shared.value.chain, einer Beratungsfirma mit Sitz München, unterstützt er Unternehmen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit im Kerngeschäft. Von ihm erschien kürzlich das Fachbuch „CSR und Value Chain Management“.  Alle Kolumnen von Michael D’heur finden Sie unter diesem Link.

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