"Bio am Limit": Kein Schwein zum kleinen Preis

"Bio am Limit": Kein Schwein zum kleinen Preis

Bild vergrößern

Bio-Schweine haben das glücklichere Leben - das allerdings hat seinen Preis.

von Caspar Schlenk, Jonas Gerding

Biodiscounter wollen mit niedrigen Preisen die Masse erreichen. Aber gerade das erhöht den Druck auf die Landwirte. Mithalten können da vor allem große Betriebe.

Schweine sind anspruchsvoll. Eine 30 Zentimeter hohe Schicht Stroh hat Andreas Baumann deshalb in ihren Ställen ausgestreut. Der Landwirt hat ihnen Bereiche geschaffen, in denen sie friedlich fressen und andere, in denen sie sich zum Ausruhen zurückziehen können. Beim Ökozentrum Werratal können sie frei entscheiden, ob sie sich drinnen aufhalten oder durch eine Luke nach draußen spazieren - egal ob es regnet oder die Sonne scheint.

Bild vergrößern

Alle Grafiken: Victor Treushchenko-Bernhardt. (Zum Vergrößern jeweils klicken.)

In einem Stall leben 45 Tiere auf deutlich über 100 Quadratmetern. Ein konventioneller Landwirt dürfte fast dreimal so viele von ihnen zusammenpferchen auf der gleichen Fläche einer jener Mastbuchten. So werden die Ställe selbst von engagierten Biolandwirten wie Baumann bezeichnet, die trotz ihrer ökologischen Maßstäbe nicht umhin kommen über das Abferkeln, stärkere Fleischausprägungen und Deckungsbeitragsgrößen fachzusimpeln. "Eine ganz arttypische Haltung wird man nie erreichen können", bedauert Baumann. Aber er gibt sein Bestes, dass das Leben seiner Schweine möglichst viel mit dem in Freiheit gemein hat.

Anzeige
Bild vergrößern

Auch die Kanzlerin kommt um einen Besuch an der Fleischtheke nicht herum.

Es bräuchte viel mehr Landwirte wie Baumann in Deutschland. Weniger als ein Prozent der Schweine, die in Deutschland auf die Teller kommen, durften diese biologischen Standards erleben. So gering ist der Anteil bei fast keiner anderen Fleischsorte, die in den Kühltheken ausliegt. Am mangelnden Appetit der Konsumenten kann es nicht liegen. Die Nachfrage ist so groß wie nie zuvor.

Es liegt beispielsweise an den hohen Summen, die jemand auftreiben muss, der Schweine halten will. Ein Risiko, denn Landwirte bekommen die geschlachteten Tiere nur zu stark schwankenden Preisen verkauft. Mal sind die Preise für das Tierfutter hoch, mal niedrig. Zu manchen Zeiten werden viele, zu anderen wenige Tiere zum Schlachter gebracht. Da greifen die Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage. "Wir kommen aus einer Phase, in der wir schon einmal einen Preisschock hinnehmen mussten", erinnert sich Baumann. Heute wird er seine Schweine wieder gut los. Aber wie sieht das in Zukunft aus?

Gelegenheit macht Bio

Waren es früher oft überzeugte Ökos, die auf die Herkunft und nicht den Preis von Biofleisch geachtet haben, greifen heute auch Gelegenheitskäufer zu, die ihren Gästen kein Fondue aus konventioneller Massentierhaltung auftischen wollen. Selbst Discounter wie Aldi und Lidl wollen daran mitverdienen - und drängen die Landwirte in eine Pattsituation: Die Supermärkte, die Bio überhaupt erst zur breiten Massen gebracht haben, setzen die Branche mit Billigpreisen gehörig unter Druck.

Baumanns Betrieb liegt in einer malerischen Gegend in Thüringen. Die Region ist dünn besiedelt, Hügel sind mit Wäldern überzogen und Flüsse ziehen sich durch die Täler, in denen sich die weiten Felder der Landwirte erstrecken. Oft sind dies die Flächen der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Nach der Wende hat auch Baumann mit Kollegen eine jener riesigen Strukturen aus DDR-Zeiten übernommen - und bewirtschaftet heute ein so großes Areal, wie es kaum ein Biolandwirt in Deutschland besitzt: 1650 Hektar, die Fläche von 2311 Fußballfeldern und damit fast halb so groß wie Berlin-Mitte.

Bild vergrößern

Süß: ein Ferkel bei seinem ersten Arztbesuch. Die medizinische Betreuung von Bio-Tieren ist komplizierter und macht einen Teil des höheren Preises aus.

Schwierig für Besucher: Der 37-Jährigen hat keinen festen Arbeitsplatz mehr - irgendwo fällt immer Arbeit an. Früh morgens schaut er im Büro vorbei, ist dann aber meist unterwegs. 1500 Schweine, 1100 Rinder - das sind Dimensionen großer konventioneller Betriebe. Baumann hält sich jedoch nicht nur an die Bioauflagen der Europäischen Union, sondern folgt den strengeren Richtlinien des Anbauverbands Naturland.

„Wir gehen davon aus, dass der Kostendruck steigen wird“

Hormone und Antibiotika sind tabu. Auch das Futter ist größtenteils biologisch, teilweise auf den eigenen Feldern angebaut, neben denen die Kühe in den Sommermonaten grasen. Ihre Milch verarbeitet das Ökozentrum in der hauseigenen Molkerei zu Käse. Viele der Produkte kommen ins Sortiment der Lebensmittelkette Tegut. Die Braugerste gibt der Bionade ihren herben Geschmack. "Ein Betriebszweig läuft immer", argumentiert Baumann für die Vielseitigkeit seines Großbetriebs.

Er sieht darin einen Schutz - vor schwankenden Futtermittelpreisen und Nachfragen. Vor zwei Jahren, als die Preise für Schweinefleisch im Keller waren, halfen ihm die vertragliche Zusicherungen des langjährigen Hauptabnehmers in Fulda über die Runden.

"Wir gehen aber davon aus, dass der Kostendruck steigen wird", sagt Baumann. "Bio ist aus der Nische herausgerückt und so ändern sich diese Beziehungen". Seine Abnehmer bringt der verschärfte Wettbewerb in die komfortable Situation, nun mit mehr Anbietern zu verhandeln. „Da tauchen dann plötzlich Billiganbieter auf, die mit frisch umgestellten Tieren handeln, die nicht die Produktionskosten veranschlagen wie bei uns Alteingesessenen“, ärgert sich Baumann. Soll heißen: Landwirte kaufen billigere, konventionell aufgezogene Ferkel, stellen während der Mast auf Biostandards um und können so die Preise drücken. Einmalig ist dies gesetzlich erlaubt.

Bild vergrößern

Schweinefleisch ist in Deutschland beliebt - nicht nur in den Supermärkten. Hier ein Blick in die werkseigene VW-Fleischerei, aus der jährlich mehr als zwei Millionen Currywürste kommen.

Vor allem die Platzhirsche des Einzelhandels spielen ihre Verhandlungsmacht voll aus. Das gilt für biologische wie konventionelle erzeugte Produkte gleichermaßen. Drei Jahre lang haben die Experten des Bundeskartellamts hunderte Händler und Hersteller interviewt, Verhandlungsprotokolle analysiert und im Herbst 2014 einen besorgniserregenden Befund veröffentlicht: Die Wettbewerbsbedingungen verschlechtern sich. 85 Prozent des Marktes teilen sich Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz Gruppe mit den Marken Lidl und Kaufland auf. Die Lebensmitteleinzelhändler drohen, noch mächtiger zu werden und sind geschickt darin, dies auszunutzen. Die mögliche Aufteilung von Kaisers Tengelmann wird dies noch verstärken.

Die hohe Discountquote würde auch die deutsche Landwirtschaft prägen, ärgert sich Gerhard Wehde. Er ist der Sprecher des größten deutschen Anbauverbands für Ökoerzeuger: Bioland, dessen Siegel auch auf vielen Produkten prangt. "Deutschland ist leider ein Billigland", bedauert er. "Das läuft Bio konträr entgegen, weil Bio immer ein Qualitätsprodukt ist, das man grundsätzlich nicht verramschen will."

An billige Preise gewöhnt

So passt es Wehde gar nicht, dass die Verbraucher, seit jeher an billige Preise gewöhnt, diese rücksichtslos einfordern würden. Lange glaubten viele, dass die Käufer von Bio-Lebensmitteln eine etwas sonderbare Spezies seien - von ihren Überzeugungen geleitet und nicht von niedrigen Preisen.

Forschungsarbeiten am Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Institut der Technischen Universität Gießen bezweifeln das. "Bio Lebensmittel sind ganz normale Güter geworden, die weniger nachgefragt werden, wenn der Preis steigt" sagt Roland Hermann, Professor für Marktlehre, der die Forschungsarbeiten betreut hat. Umgekehrt steigt die Nachfrage, wenn der Preis sinkt.

Reihe zur Bio-Landwirtschaft In der Größe liegt die Zukunft

Deutschland, eine Bio-Nation? Noch ist der ökologische Landbau eine große Nische. Doch einige Landwirte zeigen bereits, wie Bio den Markt übernehmen könnte - wir stellen sie in unserer Reihe "Bio am Limit" vor.

Dämmert es nun für die konventionelle Landwirtschaft? Bio-Betriebe sind auf dem Vormarsch. Quelle: dpa

Hermann will nicht sagen, dass es sie nicht länger gibt, jene Gewissenskäufer, die sich nicht um Preise scheren. Aber wachsende Zahl der Gelegenheitskäufer hat sie massiv an Bedeutung verlieren lassen. Dazu haben auch die Discounter beigetragen, die mit günstigen Bioprodukten neue Käufergruppen erschlossen haben. Greifen die Verbraucher eifrig zu billigen Produkten, eröffnet das den Landwirten neue Absatzmärkte, setzt sie aber gleichzeitig preislich unter Druck, sagt Hermann: "Das führt zu so etwas wie einem Preisdilemma."

*** Dieser Text ist der zweite Teil der Reihe "Bio am Limit" und entstand im Rahmen des Journalisten-Stipendiums Nachhaltige Wirtschaft. Alle Informationen zum Stipendium erhalten Sie unter diesem Link.***

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%