"Bio am Limit": Mehr Land für biologische Landwirtschaft

"Bio am Limit": Mehr Land für biologische Landwirtschaft

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Ewig weite Felder? Sicher nicht. Der Bio-Landwirtschaft fehlt es an Raum.

Die Politik macht es angehenden Bio-Bauern nicht leicht. Deshalb stagniert der Flächenzuwachs - den wir aber dringend bräuchten.

Auf ihre Hausbanken konnten die Brandenburger Landwirte 2010 nicht zählen: Zehn Millionen Euro würde man ihnen sicherlich nicht vorstrecken, hieß es. Dabei ging es ihnen nicht einmal um eine riskante Investition: Die Bio-Bauern wollten lediglich das Land kaufen, das sie bereits bestellten.

Damals, 21 Jahre nach der Wende, sollten Flächen aus dem ehemaligen DDR-Vermögen privatisiert werden. 2500 Hektar davon hatten bislang 13 Landwirte nach Biostandards bestellt. Nun suchte der Staat zahlungskräftige Käufer.

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Genau das waren die Bauern nicht. Als sie sich bei ihm gemeldet hätten, sei die Situation aussichtslos gewesen, erinnert sich Uwe Greff. Der Anlagespezialist der GLS Gemeinschaftsbank setzte sich mit den Landwirten zusammen und schlug einen anderen Weg als den klassischen Kredit vor: „Die Idee war, dass wir das Land für die Landwirte kaufen und es dauerhaft an sie verpachten.“ Die Bauern sagten bereitwillig zu.

Da die Bank nicht selbst zum Bio-Landwirtschafts-Großgrundbesitzer werden wollte, gründete Greff die BioBoden Gesellschaft und machte sich auf die Suche nach zahlungswilligen Vertretern der Branche und Privatanlegern. 600 Menschen stemmten schließlich den Kauf des ehemaligen DDR-Vermögens. „In manchen Fällen hat das dabei geholfen, dass die Betriebe überhaupt weitergeführt werden können“, sagt er.

Landidyll mit schönem Logo: Die Bio-Boden-Genossenschaft sollte für die Landwirte eine Chance sein. (Foto: Bio Boden)

Landidyll mit schönem Logo: Die Bio-Boden-Genossenschaft sollte für die Landwirte eine Chance sein. (Foto: Bio Boden)

Der Versuch endete so erfolgreich, dass die BioBoden Gesellschaft weiter wachsen will. Mittlerweile allerdings in der Rechtsform einer Genossenschaft. Denn Greffs Initiative bleibt hochaktuell: Nach Jahrzehnten des Wachstums stagniert die Fläche in Deutschland, die biologisch bewirtschaftet wird. Land ist ein rares Gut.

Pachtpreise steigen, Bio stagniert

Wer über ländliches Gebiet fliegt, sieht den Flickenteppich aus Feldern, Wäldern, Seen, Gewerbezentren, Wohngebieten und Straßen selbst - die Konkurrenz um kostbare Flächen fragmentiert das Land. Und sie lässt die Pachtpreise stetig steigen, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen: Zwischen 2010 und 2013 hat sich der Preis für einen Hektar Land um fast 20 Prozent erhöht.

Das hindert Landwirte daran, mehr Flächen biologisch zu bewirtschaften. Dabei wäre das dringend nötig: Ein beträchtlicher Anteil der Bioprodukte in deutschen Regalen wird importiert - insbesondere, weil die einheimischen Landwirte mit der Nachfrage nicht mithalten können. Jeder zweite Bioapfel beispielsweise kommt aus dem Ausland.

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Bio-Importe 2014. (Grafiken: Victor Treushchenko-Bernhardt, zum Vergrößern klicken)

Keineswegs ist es allein die unsichtbare Hand des Marktes, die hier gestaltet. Kein Wirtschaftszweig ist so durchreglementiert und durch Geldspritzen gesteuert wie die Landwirtschaft: Sie würde zusammenbrechen, wenn die Betriebe nicht 40 Prozent ihres Einkommens durch EU-Subventionen decken oder Förderung von den Ländern erhalten würden. Die Politik hat die Zukunft der Biobranche also auch in der Hand - aber agiert manchmal so ungeschickt, dass der angerichtete Schaden überwiegt.

So passiert, als die rot-grüne Regierung begann, Strom aus nachhaltigen Quellen zu fördern. Und tatsächlich ermunterte das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit großzügigen Finanzzuschüssen Landwirte dazu, Geld für den Bau von Biogasanlagen aufzunehmen. Banken griffen ihnen dabei gerne unter die Arme, waren die Fördergelder doch für 20 Jahre garantiert.

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In Nordwest-Deutschland ist die Preissituation bereits extrem angespannt. (Zum Vergrößern klicken.)

In etwa 9000 dieser Anlagen gären heute Mais und Abfälle, um sauberes Gas zu erzeugen. Ein profitables Geschäft mit Pflanzen, die allerdings auf den ohnehin umkämpften Böden wachsen. „Mancherorts sind die Pachtpreise so hoch, dass sich die Landwirte sie schlicht nicht leisten können“, beobachtet Greff. Wenn sich das Verbrennen von Lebensmitteln eher rechnet als der Verkauf, dann läuft etwas falsch.

Zwar hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel für Neueinsteiger die Förderungen gekappt. „Das beruhigt die Situation etwas“, sagte Greff. „Aber bereits bestehende Anlagen laufen ja weiter und sind auf eine permanente Einspeisung von Rohstoffen angewiesen.“

Versiegelung sorgt für weniger Natur

Biogas ist ohnehin nicht der einzige Preistreiber, warnt Greff. „Wir haben das Problem, dass die Landwirtschaft insgesamt zu viel Fläche verliert.“ Zwischen 70 und 80 Hektar seien dies täglich, etwa die Größe von ebenso vielen Fußballfeldern, die für Siedlungen und Gewerbegebiete drauf gehen. Insbesondere Städte breiten sich immer weiter aus.

Auch der sogenannte Gülletourismus treibt in Bundesländern wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen die Pachtpreise nach oben, sagt Greff: „In Regionen mit intensiver Tierhaltung werden Flächen manchmal nur aus dem Grund gepachtet, um dort die Gülle auszubringen.“

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Der Hof Mahlitzsch im Sächsischen Nossen ist einer der Bio-Boden-Höfe. (Foto: Bio Boden)

Die hohen Landpreise müssen konventionelle und biologische Betriebe gleichermaßen zahlen. „Öko-Landwirte sind dabei allerdings schlechter positioniert“, erklärt Greff. „Denn im Gegensatz zu ihnen können die konventionellen gleich loslegen.“ Der Grund: Verpachtet wird meist über einen Zeitraum von fünf Jahren. Öko-Landwirte dürfen ihre Produkte aber erst zwei Jahre nach der Umstellung der Ernte als Bio verkaufen – erst dann lassen sich auch die Mehrkosten decken.

Dabei sind diese Umsteller extrem wichtig, wenn der Bioanteil erhöht werden soll. Das zumindest formulieren viele deutsche Agrarpolitiker immer wieder als Ziel. In der Realität tritt schon mal das Gegenteil ein, weil für manche Landwirte der konventionelle Landbau einfacher und lukrativer zu sein scheint. Unter anderem sei es ein Problem, wenn Biolandwirte in den Ruhestand gehen.

"Bio am Limit" Riesen-Höfe retten die grüne Landwirtschaft

Biolandwirte hatten einst den Nachteil, geringere Erträge zu erzielen als ihre konventionellen Gegenspieler. Das ist immer noch so. Aber dank Größe, High-Tech und cleverer Vermarktung holen sie auf.

Blick ins Innere des Westhofs - oder zumindest einen kleinen Teil davon. (Alle Fotos: Schlenk/Gerding)

„Da gibt es sogar das Risiko, dass Biobetriebe verkauft und wieder konventionell bewirtschaftet werden“, so Greff. „Gleichzeitig können sich junge, engagierte Bio-Landwirte den Einstieg nicht leisten.“ Zum Beispiel, weil sie – wie die Brandenburger Landwirte 2010 - nicht das nötige Startkapital für die Pacht oder auch Maschinen und Tiere aufbringen können.

Management-Hilfe für Bio-Höfe

In solchen Fällen will BioBoden nicht nur Geldgeber und Vermittler sein, sondern auch Mentor. In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise hat die Genossenschaft drei ehemalige Biohöfe gekauft. Bevor die Betriebe jedoch an Landwirte übergeben werden, steigen Greff und seine Kollegen erst einmal selbst ins Management ein, stellen erfahrene Betriebsleiter ein oder Landwirte, die helfen, die Betriebe so geschickt zu positionieren, dass sie auch profitabel arbeiten.

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Enger als in freier Natur, aber weit weg von Massentierhaltung: eine Kuhweide vom Bio-Hof Mahlitzsch. (Foto: Bio Boden)

„Wenn unterm Strich bei einem Betrieb ein Ertrag heraus springt, ist es grundsätzlich auch denkbar, dass Ausschüttungen oder Dividenden an die Genossenschafts-Mitglieder ausgezahlt werden“, sagt Greff. Noch ist das allerdings Zukunftsmusik. Und nichts, worauf die mittlerweile 2500 Genossen bestehen. „Unsere Erfahrung ist, dass solche Überlegungen nach hinten treten, wenn es Menschen wichtig ist, sich für etwas zu engagieren wie den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft.“

Teil dieser Genossenschaft zu werden ist mit mindestens 1000 Euro zwar günstig, allerdings eine langfristige Angelegenheit: Die Kündigungsfrist dauert mindestens fünf Jahre. Langfristigkeit und somit auch Nachhaltigkeit ist den Beteiligten wichtig.

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Auf dem Hof Mahlitzsch gäbe es ohne die Unterstützung der Kooperative heute keine Bio-Landwirtschaft. (Foto: Bio Boden)

Etwas, was man sich auch von der Politik wünschen würde. Abgaben für den Einsatz von Pestiziden und Stickstoff, sowie eine strenge Begrenzung des Einsatzes von Düngemitteln würde die konventionelle Landwirtschaft unattraktiver machen, die Bio-Bauern stärken. Auch wenn sie Unterstützung von vielen Verbänden bekommen – auf Bundesebene konnte Bündnis 90/ Die Grünen bislang noch keine Mehrheit für die Bio-Landwirtschaft schmieden.

Studie über Lebensmittelpreise Landwirte schieben Folgekosten auf die Allgemeinheit

Antibiotika und Dünger: Die Folgekosten der Landwirtschaft kosten die Gesellschaft einiges, wie Wissenschaftler aus Augsburg nun herausgefunden haben.

Auch tierische Erzeugnisse aus biologischer Haltung müssten aufgrund von Folgekosten im Preis steigen. Quelle: dpa

Die sei aber dringend nötig, warnt Professor Ulrich Hamm: „Im konventionellen Landbau werden Steuerzahlern Kosten aufgebrummt durch die Reinhaltung von Grundwasser und den Verlust an Biodiversität”, beklagt der Agrarexperte der Universität Kassel.

„Man müsste von der konventionellen Landwirtschaft die Kosten verlangen, die sie auch verursacht.“ Soll heißen: Die Preise für konventionelle Produkte müssten steigen – was den Abstand zu denen von Bioprodukten sinken lassen würde. Kunden würden dann vermehrt Bio kaufen. Initiativen wie BioBoden helfen also nicht nur den Bio-Bauern – sie entlasten auch den Steuerzahler.

Reihe zur Bio-Landwirtschaft In der Größe liegt die Zukunft

Deutschland, eine Bio-Nation? Noch ist der ökologische Landbau eine große Nische. Doch einige Landwirte zeigen bereits, wie Bio den Markt übernehmen könnte - wir stellen sie in unserer Reihe "Bio am Limit" vor.

Dämmert es nun für die konventionelle Landwirtschaft? Bio-Betriebe sind auf dem Vormarsch. Quelle: dpa

*** Dieser Text ist der dritte und letzte Teil der Reihe "Bio am Limit" und entstand im Rahmen des Journalisten-Stipendiums Nachhaltige Wirtschaft. Alle Informationen zum Stipendium erhalten Sie unter diesem Link.***

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