Care Energy: Deutschlands umstrittenster Öko-Unternehmer im Interview

Care Energy: Deutschlands umstrittenster Öko-Unternehmer im Interview

von Benjamin Reuter

Grünstrom für unter 20 Cent, geht das? Unternehmer Martin Kristek behauptet ja – Kritiker fürchten die nächste große Pleite.

Wer Martin Kristek, Deutschlands derzeit umstrittensten Öko-Unternehmer treffen will, der muss vom Hamburger Hauptbahnhof ein paar Minuten in Richtung Südosten laufen. Es geht vorbei an einer Essenausgabe für Obdachlose, wo Kristek nach eigener Aussage den Winter über Gulasch ausgegeben hat, hinunter in die Spaldingstraße zu einem Geschäft von Care Energy – dem wohl derzeit günstigsten Grünstromanbieter im Land.

Im Laden stehen einige Solarpanele, Mitarbeiter warten auf Kunden, Kristek hat einen Aschenbecher vor sich und viel zu erzählen. Auch der Pressesprecher und der Marketingleiter von Care Energy sitzen daneben. Das Interview mit Martin Kristek wird mehr als zwei Stunden dauern.

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Die Aufregung um Care Energy – offiziell heißt das Unternehmen mk-group Holding, dem insgesamt sechs Firmen angehören – begann Mitte Mai mit einem Bericht im Handelsblatt. Die Bundesnetzagentur warf dem Hamburger Energieversorger vor, sich um die EEG-Umlage zu drücken und sich nicht offiziell als Stromversorger gemeldet zu haben. Am selben Abend kritisierte ein Analyst in einem Bericht im ZDF-Magazin Frontal 21, dass das Geschäftsmodell von Care Energy die Kunden im Insolvenzfall von der Stromversorgung ausschließe.

In den Tagen darauf folgten weitere Medienberichte. Unter anderem darüber, dass drei der vier großen Netzbetreiber Care Energy wegen ausbleibender Gebührenzahlungen auf mehrere Millionen Euro verklagen.

Hunderttausende Kunden ohne Strom?Anfang der dieser Woche eskalierte der Streit dann. Die Bundesnetzagentur verdonnerte den Energieversorger zu einer Strafzahlung von 42007 Euro. Care Energy reichte umgehend Widerspruch ein und beauftragte ein „Team aus Fachanwälten und ein internationales Beratungshaus“, die „Urheber und Verbreiter von Fehlinformationen“ auf einen zweistelligen Millionenbetrag wegen Geschäftsschädigung zu verklagen.

Wegen dieser Streitigkeiten fragen sich viele Experten und Energieunternehmer mittlerweile: Droht nach den Pleiten der Stromanbieter Teldafax und Flexstrom mit Care Energy der nächste große Skandal am deutschen Energiemarkt?

Immerhin haben die Hamburger nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 270.000 Kunden, die 2012 für einen Umsatz von circa 100 Millionen Euro sorgten.

Egal mit wem man in der Energiebranche derzeit spricht – es gibt kaum einen, der das Geschäftsmodell von Care Energy für tragfähig hält – weder finanziell noch juristisch. Namentlich genannt werden wollen die Kritiker aber nicht. Wenn alles mit Rechten Dingen zugehe, könne niemand so günstig Strom anbieten, sagen sie. Und Strom aus Erneuerbaren Quellen schon gar nicht.

Jetzt kann man natürlich fragen: Ist das nur Neid auf einen Newcomer, der die Branche mit konkurrenzlos billigem Strom und einem neuen Geschäftsmodell aufmischt?

Komplott der großen Energieversorger?Genau das ist Kristeks Interpretation der Kritik. Mindestens einen der großen Energieversorger hat er dabei im Verdacht, gezielt falsche Informationen zu streuen. Zum Beispiel die, dass Care-Energy-Kunden bei einer Pleite des Unternehmens aus der Grundversorgung fallen. Märchen, nennt er das.

Die juristischen Einzelheiten der aktuell laufenden Verfahren sind komplex und nicht einmal für Energieexperten vollständig zu durchschauen. Bei vielen Kunden kommt Care-Energy dennoch gut weg – jedenfalls wenn man den Kommentaren auf der Facebook-Seite des Unternehmens glaubt. Manche der Schreiber halten Kristek für eine Art Robin Hood, der Strom endlich wieder bezahlbar macht.

Denn Care Energy liefert für nicht einmal 20 Cent pro Kilowattstunde Ökostrom an seine Kunden. Anbieter von Grünstrom, die länger am Markt sind, verlangen mindestens 25 Prozent mehr.

Wie er es schafft, Strom so günstig anzubieten und trotzdem noch gutes Geld zu verdienen, erklärt Martin Kristek im Interview. Ob die Gerichte seine Argumentation teilen, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen.

Herr Kristek: Manche halten Sie für den Robin Hood unter den Stromanbietern. Andere kritisieren, Ihre Geschäftsstrategie sei unseriös. Wo sehen Sie sich selbst?

Martin Kristek: Erst einmal ist es wichtig, dass wir kein Stromanbieter sind, sondern ein Energiedienstleister. Und ich bin auch kein Robin Hood, der anderen etwas wegnimmt, sondern ich versuche für meine Kunden das Bestmögliche beim Preis herauszuholen.

Manche Ihrer Konkurrenten meinen aber, dass das kein tragfähiges Geschäftsmodell ergibt.

Kristek: Mich wundert es nicht, dass die Geschwindigkeit mit der wir wachsen für den Markt beängstigend ist. Und ganz zu Recht. Die Konkurrenz sieht: Die Kunden wollen günstige Energie. Und die bekommen sie bei uns.

Die Kilowattstunde Ökostrom für 19,9 Cent anzubieten – wie geht das? Wo kaufen sie den Billigstrom ein?

Kristek: Wir kaufen den Strom direkt bei den Ökoenergieerzeugern für 3,8 Cent die Kilowattstunde ein. Manchmal ist es auch etwas mehr, manchmal weniger. Die Richtschnur ist hier der Börsenpreis.

Warum sollte das ein Windanlagenbetreiber oder Solaranlagenbesitzer machen, wenn er über die gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung viel mehr bekommt – nämlich bis zu 14 Cent?

Kristek: Ganz einfach, weil ich den Betreibern die Einspeisevergütung plus eine Managementprämie garantiere. Das nennt man dann Direktvermarktung. Deshalb ist es für ihn attraktiv, nicht ins Netz einzuspeisen, sondern seinen Strom an uns zu verkaufen.

Ist das nicht ein Widerspruch? Sie sagen, Sie bezahlen dem Betreiber mehr als die EEG-Vergütung, aber wie können Sie dann für 3,8 Cent einkaufen? Wer bezahlt die Differenz von bis zu zehn Cent?

Kristek: Die Netzbetreiber.

Und die geben die Kosten in Form der EEG-Umlage dann an alle anderen Stromkunden in Deutschland weiter.

Kristek: Natürlich.

Das mag für Sie und den Anlagenbetreiber schön sein. Aber alle anderen Stromkunden in Deutschland sind doch die Dummen, weil sie Ihren günstigen Strom finanzieren.

Kristek: Wir verhalten uns an dieser Stelle gesetzeskonform im Sinne des EEG und wie jeder andere Ökoenergieversorger auch. Das Gesetz ist von der Politik so gemacht, wenn es sich ändert, haben wir nichts dagegen, so lang erneuerbare Energien intelligenter gefördert werden als jetzt.

Kritiker ihres Geschäftsmodells bemängeln auch, Sie würden Ihren Strom nur so günstig anbieten können, weil Sie zu wenig EEG-Umlage abgeben. Sie beziehen sich dabei auf das Grünstromprivileg und bezahlen weit weniger als die üblichen 5,3 Cent. Wie kommen Sie denn auf den Betrag?

Kristek: Wir halten uns an die Vorgaben, die für das Grünstromprivileg gelten. Das haben wir uns auch von einem Wirtschaftsprüfer bescheinigen lassen.

Also Sie bieten zu jeder Zeit mindestens 50 Prozent Erneuerbare Energie an, die Sie direkt von den Produzenten einkaufen. Mit dabei sind zwanzig Prozent Wind- und Sonnenstrom?

Kristek: Mehr noch: Wir haben einen Energiemix aus Wasserkraft, Biogas- und Sonnen- und Windkraftwerken. Um die benötigten Mengen Ökostrom liefern zu können, haben wir uns rund 70 Megawatt Leistung in den unterschiedlichen Kraftwerksformen über Kontrakte gesichert.

Aber selbst wenn Sie das Grünstromprivileg nutzen, würden Sie nur zwei Cent Rabatt pro Kilowattstunde bekommen. Also müssten Sie immer noch mehr als drei Cent Umlage zahlen. Sie kalkulieren gegenüber Ihren Kunden aber mit zwei Cent. Wie funktioniert das?

Kristek: Wir betreiben mittlerweile auch eigene Solaranlagen, die sind auch nicht EEG-pflichtig. Das berechne ich mit ein und komme mit dem Grünstromprivileg auf zwei Cent EEG-Umlage in unserer Kalkulation. Je mehr Photovoltaik wir ans Netz bringen, desto besser ist dies für die Umwelt und natürlich für unsere Kostenstruktur.

Das sehen aber die Übertragungsnetzbetreiber anders. Immerhin haben drei der vier Netzunternehmen gegen Sie Klage eingereicht.

Kristek: Drei der vier, das ist wichtig! TransnetBW ist mit den zwei Cent zufrieden. Eigentlich könnte ich mich stur stellen, dann müssten wir gar keine EEG-Umlage zahlen.

Warum das?

Kristek: Weil es keine gesetzliche Grundlage für die EEG-Umlage gibt. Oder sehen Sie im Erneuerbaren-Energien-Gesetz eine festgesetzte Umlagenhöhe?

Natürlich nicht, weil sie jedes Jahr angepasst wird.

Kristek: Eben. Die EEG-Umlage ist eine privatrechtliche Umlage. Dafür ist dann auch ein privatrechtlicher Vertrag notwendig. Und den haben nicht alle Übertragungsnetzbetreiber mit uns geschlossen.

Und da wundern Sie sich, dass Kritiker Ihnen vorwerfen, die EEG-Umlage absichtlich zu umgehen?

Kristek: Wir sehen das eben innovativ. Es ist doch mein Job, meinen Kunden günstige Energie zu liefern. Ich denke, ich mache meinen Job ganz gut. Aber es wäre auch nicht fair, wenn ich gar keine EEG-Umlage bezahle. Deshalb auch die zwei Cent.

Verdienen Sie denn überhaupt etwas, wenn Sie Strom für 19,90 Cent verkaufen?

Kristek: Wir verkaufen keinen Strom, wir liefern Nutzenergie aus Ökostrom und anderen Energieträgern. Grundsätzlich hat Care-Energy natürlich mehr Einnahmequellen als die reine Nutzenergieversorgung. Wir sind ein Energiedienstleister mit breitem Portfolio, nicht Stromlieferant. Wir haben unsere Kalkulation für den Bezug für Ökostrom veröffentlicht. Dies ist eine defensive Kalkulation, wenn sie eintritt, verdienen wir an der Lieferung von Nutzenergie, die nach Kilowattstunden abgerechnet wird, nur sehr wenig.

Verdienen Sie wenigsten an der monatlichen Grundgebühr von 6,99 Euro etwas? Sie zahlen doch ihren Außendienstmitarbeitern schon 100 Euro pro Abschluss.

Kristek: Der Vollständigkeit halber: Bei Gewerbekunden beträgt die Grundgebühr 7,99€ pro Monat. Die rund 100 Euro sind eine Vorschussprovision auf zwölf Monate. Geht uns der Kunde vorher verloren, dann sinkt die Provision entsprechend. Aber unsere Storno-Quote liegt bei unter einem Prozent. Die Kunden sind also zufrieden mit unserer Leistung und bleiben allem medialen Trommelfeuer zum Trotz bei uns. Deshalb verdienen wir auf lange Sicht auch Geld an der Grundgebühr mit jedem einzelnen Kunden. Diese Arbeitsweise ist marktüblich, wir rechnen mit einer im Marktvergleich kurzen Amortisationszeit.

Und wo liegen die kurzfristigen Einnahmequellen?

Kristek: Vor allem bei energieeffizienten Elektrogeräten wie Fernsehern, Waschmaschinen und ähnlichem, die wir in unserem Online-Shop verkaufen. Hinzu kommen die Photovoltaikanlagen, die wir unseren Kunden auch zum Kauf anbieten.

Mit ein paar Waschmaschinen wollen Sie schwarze Zahlen schreiben?

Kristek: Wir schreiben mit allen Produkten schwarze Zahlen, es gibt bei uns kein Preisdumping. Alle unsere Preise liegen über unseren Einstandspreisen. Wir finanzieren alle Investitionen aus dem Cash-Flow und haben kein Fremdkapital in der Firmengruppe. Im Bereich der energieeffizienten Geräte haben wir sofort eine Marge, in anderen Bereichen wirtschaften wir perspektivisch, aber als Hamburger Kaufleute hanseatisch konservativ. Jedem, der sich mit diesen Themen ernsthaft auseinandersetzt, ist dies klar. Deshalb wehren wir uns auch juristisch gegen Leute, die Gerüchte über unsere Liquidität streuen.

Wie viele Kunden kaufen denn ihre Elektrogeräte?

Kristek: Wichtiger ist eigentlich der Umsatz, mit 50000 Taschenrechnerkunden kommen Sie nicht weit. Wir haben gleich bei der Eröffnung unseres Onlineshops im Dezember 2012 100.000 Euro mit unserem Shop umgesetzt. Seitdem sind die Umsätze rapide gestiegen.

Und warum sollte ich bei Ihnen eine Waschmaschine kaufen?

Kristek: Weil es nicht teurer ist als bei den bekannten Märkten mit den einprägsamen Reklamen. Zudem liefern wir das Gerät und schließen es bei Bedarf auch noch an. Und: Wir schenken den Leuten noch Strom dazu. Das finden die Kunden super.

Was bedeutet schenken?

Kristek: Jedes energieeffiziente Gerät hat einen Normverbrauch. Dieser gibt an, wie viel Energie das Gerät in einem Durchschnittshaushalt pro Jahr verbraucht. Kauft der Kunde ein energieeffizientes Gerät bei uns und registriert es auf der Homepage, so schreiben wir ihm jedes Jahr den Normverbrauch dieses Geräts auf seiner Abrechnung gut. Deshalb sagte ich vorhin, dass wir mit Energieeffizienz Geld verdienen und nicht damit, dass wir Strom an die Kunden liefern. Ich bin mal ganz unbescheiden und nenne das eine Revolution auf dem Energiemarkt. Die traditionellen Anbieter wollen doch immer nur mehr Strom verkaufen, ich nicht.

Und wie funktioniert das Geschäft mit Ihren Solaranlagen?

Kristek: Wir bieten den Kunden Photovoltaikmodule für 499 Euro an. Die werden von einem Installateur fachgerecht eingebaut. Diese PV-Module sollen den Eigenbedarf des Kunden decken, wir planen keine Netzeinspeisung. Dadurch entfallen Anmeldung und aufwendige Umbauarbeiten. Alternativ stellen wir dem Kunden ein Photovoltaikmodul kostenlos zur Verfügung und garantieren ihm für die Verwendung seinen Energiepreis dauerhaft. Kauft der Kunde ein weiteres Modul dazu, sinkt der Energiepreis pro Kilowattstunde für seinen gesamten Verbrauch. Je mehr Module sie also als Kunde aufstellen, je günstiger wird der Strom. Ich kann mir wiederum die Anlagen auf die EEG-Umlage anrechnen und für den vor Ort produzierten Strom entfallen Stromsteuer und Netznutzungsgebühren. Insgesamt ist das ein Beitrag zum Erfolg der Energiewende.

Das würden viele herkömmliche Ökostromanbieter anders sehen.

Kristek: Warum denn? Wenn jeder unserer Kunden eine solche Anlage auf dem Dach oder auf dem Balkon hat, sparen sie sich ein riesiges Solarfeld auf dem Land und die Netze, die Sie brauchen, um die Energie abzutransportieren. Alle reden doch von dezentraler Energieversorgung – wir treiben sie voran. Durch mehr dezentrale Versorgung würden auch die Investitionen in den Netzausbau bezahlbar bleiben, da auf zahlreiche umweltfeindliche Projekte verzichtet werden könnte.

Die Kritik aus der Branche lässt Sie also völlig kalt?

Kristek: Sie ist einfach unberechtigt. Denn eins ist klar: Wir sind ein innovatives Unternehmen und kein Skandalladen. Das werden die Kollegen irgendwann verstehen.

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