Care Energy: Stürzt der Ökostrom-Discounter Kunden ins Vertragschaos?

Care Energy: Stürzt der Ökostrom-Discounter Kunden ins Vertragschaos?

von Benjamin Reuter

Care Energy will die Gebührenzahlungen für seine rund 300.000 Kunden neu ordnen. Das sorgt für Ärger.

Es ist ein Sturm mit Ankündigung. Der Hamburger Ökostrom-Discounter Care Energy hat vergangene Woche an rund 1000 Verteilnetzbetreiber in Deutschland einen Brief versandt, in dem er ankündigte, seine Kunden nun direkt als Vertragspartner mit den Betreibern zusammenzubringen - ein Novum in Deutschland.

Gestern hat Care Energy diesen Brief öffentlich gemacht, nachdem er verschiedenen Medien zugespielt worden war. Aber der Vorstoß des Unternehmens, das seit Wochen in der Kritik steht (WiWo Green berichtete), könnte kalkuliert gewesen sein - aber dazu gleich.

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Hier ersteinmal, worum es bei dem komplizierten Sachverhalt geht:

Im Schreiben von Care Energy an die Verteilnetzbetreiber heißt es wörtlich: "Wir haben uns entschieden, unsere derzeit rund 300.000 Kunden von der "Netznutzung durch den Lieferanten" auf "Netznutzung durch den Letztverbraucher" umzustellen, damit zukünftig für die Kunden klar geregelt und ersichtlich ist, welche Rechte und Pflichten, aber auch Kosten aus dem Grunde der Netznutzung mit den Verteilnetzbetrieben entstehen und bestehen."

Im Klartext bedeutet das: Die Care-Energy-Kunden würden einen Teil der Zahlungen, die sie derzeit an Care Energy zahlen, direkt an die Verteilnetzbetreiber oder die jeweiligen Stadtwerke überweisen. Die Verteilnetzbetreiber würden den Care-Energy-Kunden den fälligen Betrag in einer Rechnung zustellen. Wie das genau funktionieren könnte, weiß derzeit keiner genau.

Chaos bei der AbrechnungDas Handelsblatt warnt in seiner heutigen Ausgabe deshalb vor Chaos und zitiert aus einem Schreiben der Bundesnetzagentur: "Die Kunden der Netzbetreiber seien dazu verpflichtet, die Rechnungen in demselben Format entgegenzunehmen, in denen sie auch die Stromanbieter erhalten. In der Regel handele es sich dabei um das elektronische Rechnungsformat EDIFACT INVOIC. Damit nicht genug: Um die Rechnung zu bezahlen, müssten die Kunden ebenfalls die Profi-Software nutzen."

In anderen Worten: Haushaltskunden werden kaum in der Lage sein, mit den Netzbetreibern direkt abzurechnen. Care Energy verweist im Gegenzug auf die Pflicht der Verteilnetzbetreiber, den Kunden eine "verständliche" Rechnung in Papierform zu stellen.

Auch darüber, welche Abgaben genau von den Kunden zu entrichten wären, wird spekuliert. In einem internen Schreiben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) an seine Mitglieder, heißt es: Nach den Plänen von Care Energy würden die Haushalte selbst "Schuldner der Netzentgelte sowie aller Abgaben und Umlagen". Das würde laut BDEW unter anderem die KWK-Umlage, Offshore-Haftungsumlage, Konzessionsabgabe und Paragraph-19-Umlage betreffen. Zusammen mit der EEG-Umlage machen diese Abgaben einen Großteil des Strompreises aus.

Die EEG-Umlage - der größte Kostenblock bei den Umlagen - wäre demnach nicht Gegenstand der Zahlung an die Netzbetreiber. Das ist auch die Auffassung von Care Energy. Der Ökostrom-Discounter geht wiederum davon aus, dass von den Kunden ersteinmal nur die Netznutzungsentgelte an die Verteilnetzbetrieber abzuführen wären.

Kalkulierte Provokation?Nach einem Anruf bei Care Energy in Hamburg stellt sich nun aber heraus, dass die ganze Aufregung und die Einschätzungen der Bundesnetzagentur umsonst gewesen sein könnte. Denn Care Energy will es seinen Kunden "freistellen", ob sie weiter wie gehabt die Gebühren an Care Energy zahlen oder die Zahlung direkt an den Verteilnetzbetreiber leisten (siehe dazu Nachtrag unter dem Text).

Dass sonderlich viele Kunden sich die Mühe machen, eine weitere Rechnung im Monat zu begleichen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Sprich, für die Kunden von Care Energy ändert wohl sich ersteinmal überhaupt nichts. Warum also die ganze Aufregung?

Care Energy begründet seinen Vorstoß damit, "mehr Transparenz" auf dem Energiemarkt schaffen zu wollen. Wenn Kunden mit den Verteilnetzbetreibern abrechnen würden, wüssten sie besser, wie sich der Strompreis wirklich aufteile.

Dahinter könnte auf der Seite von Care Energy aber noch ein weiteres Motiv stehen: Seit Wochen lässt Care Energy von seinen Anwälten Unterlassungserklärungen an Kritiker schicken und will gegen "verbotene Absprachen" auf dem Energiemarkt vorgehen.

Der aktuelle Vorstoß könnte also ein Signal an die Energie-Branche sein, dass Care Energy weiter unbequem bleibt. Denn die Hamburger streiten derzeit mit drei von vier großen Übertragungsnetzbetreibern vor Gericht über ausstehende Zahlungen. Auch die Bundesnetzagentur prüft derzeit ein Bußgeldverfahren, das vor Gericht enden könnte.

Und auch die aktuelle Aufforderung an die Netzbetreiber, Verträge für die Care-Energy-Kunden auszuarbeiten, könnte durchaus noch juristischen Ärger nach sich ziehen. Denn der BDEW rät den Verteilnetzbetreibern für jeden Kunden eine Vollmacht von Care Energy anzufordern.

Derzeit sieht so aus, also würde Care Energy gegen die gesamte deutsche Energiebranche zu Felde ziehen wollen - der aktuelle Vorstoß wäre demnach nur ein weiteres Kapitel. Wie die Kunden von Care Energy auf die neuerlichen Querelen reagieren, bleibt abzuwarten.

Nachtrag von 15:30 Uhr: Care Energy hat jetzt in einer Mitteilung klar gestellt, "dass das Unternehmen für jeden seiner Kunden einen Netznutzungsvertrag mit dem zuständigen Verteilnetzbetreiber abschließen wird." Laut Care Energy ändere sich für Kunden damit an der Zahlungsweise nichts. Zusätzlich zur Rechnung von Care Energy erhalte jeder Kunde aber eine weitere Rechnung des Netzbetreibers zur Kenntnis. Falls explizit gewünscht, könnten die Kunden Netznutzungsgebühren auch direkt an den Netzbetreiber überweisen.

Nachtrag 16:30 Uhr: Die Bundesnetzagentur geht in einer Einschätzung, die WiWo Green vorliegt, davon aus, dass die aktuellen Geschäftsbedingungen von Care Energy keine "hinreichende Bevollmächtigung" enthält, einen Netznutzungsvertrag im Namen der Kunden abzuschließen. Demnach müsste Care Energy von jedem Kunden eine extra Bevollmächtigung einholen und sie bei dem zuständigen Netzbetreiber vorlegen.

An dieser Stelle werden wir in den kommenden Tagen über die weiteren Entwicklungen berichten.

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