Michelangelos Carrara-Marmor: Heiß begehrt - und eine Umweltsünde

Carrara-Marmor: Heiß begehrt - und eine Umweltsünde?

Michelangelos „David“ ist aus ihm geschaffen, aber auch manche moderne Moschee: Marmor aus dem italienischen Carrara wird seit über 2000 Jahren für bedeutende Kunstwerke verwendet. Jetzt steht die Branche unter Reformdruck.

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Der weiße Carrara-Marmor ist wohl eines der bekanntesten Nischenprodukte. Die Branche muss sich aber dringend modernisieren, ansonsten steht ihr viel Gegenwind bevor.

Seit Jahrhunderten fasziniert der weiße Marmor aus dem italienischen Carrara vor allem Künstler und Mächtige. Julius Cäsar bevorzugte ihn, Renaissance-Genie Michelangelo schuf seinen „David“ aus ihm, die Säulen-Kolonnaden am Petersplatz erstrahlen in dem Marmor aus der Toskana. Ebenso moderne Bauwerke wie das Opernhaus in Oslo oder die Scheich-Said-Moschee in Abu Dhabi. „Unser Marmor ist Stein gewordenes Licht“, sagen die Einwohner stolz über ihren berühmten Marmor.

„Carrara-Marmor hat Anhänger in aller Welt“, findet Erich Lucchetti, der Präsident des Arbeitgeberverbandes Confindustria in der Provinz Carrara und selbst Marmorunternehmer. „Wir sind gut darin, unsere Produkte zu verkaufen - sogar gegen die Konkurrenz des chinesischen und indischen Marmors.“ Selbst während der Rezession nach der globalen Finanzkrise 2008 habe der Sektor nicht gelitten.

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Fast eine Million Tonnen Marmor wurden allein 2016 in Blöcken aus den etwa 80 Steinbrüchen in Carrara gezogen, darunter 150 000 Tonnen der Topqualität „statuario“. Der Industriezweig beschäftigt nach Zahlen von Confindustria mehr als 4400 Menschen.

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Doch eines der erfolgreichsten italienischen Nischengeschäfte gerät unter Druck, sich zu erneuern - und sauberer zu werden. Hinter diesem Ruf steht vor allem der Bürgermeister von Carrara, der vor seiner überraschenden Wahl im Juni als Umweltaktivist und ehrenamtlicher Mitarbeiter einer katholischen Kirchengemeinde von sich reden gemacht hatte

„Wir müssen eine Menge regeln“, sagt Francesco De Pasquale, der für die populistische Fünf-Sterne-Bewegung angetreten war und einer mehr als 60 Jahre andauernden Tradition linker Rathauschefs ein Ende setzte. Seine Vorgänger waren in der Stadt mit wenig mehr als 60 000 Einwohnern als zu weich im Umgang mit den Steinbruchbetreibern angesehen worden.

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„Unser großes Problem sind jetzt die Millionen Tonnen an Schutt“, die als Abraum aus den Steinbrüchen illegal gelagert würden, sagt De Pasquale am Telefon. Und warnt, dass die Schuttberge das Risiko von Lawinen und Erdrutschen erhöhten. So habe Marmorschutt, der die Abhänge heruntergerutscht sei, 2003 eine Überschwemmung verschlimmert. Damals sei ein Mensch ums Leben gekommen. Die Steinbrüche liegen oben in den Bergen.

Für eine weitere Überschwemmung 2014 wurde der Abbau von Marmor nicht direkt verantwortlich gemacht. Doch das Ereignis nährte die Angst der Einwohner vor Naturkatastrophen. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, sagt De Pasquale.

Zudem gebe es das Problem der Marmorstaubpartikel, die durch poröses Berggestein gelangten und örtliche Quellen verunreinigten, meint Giuseppe Sansoni, ein Aktivist und pensionierter Umweltinspekteur. Der Stadtrat müsse dafür sorgen, dass die Steinbrüche sauber seien und Boden sowie Staub nicht einfach irgendwo liegenblieben. „Unglücklicherweise gibt es aber so etwas wie saubere Steinbrüche nicht, das war schon immer so.“

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