Cleantech: "Deutschland ist Vorreiter bei sauberer Technik"

Cleantech: "Deutschland ist Vorreiter bei sauberer Technik"

von Jan Willmroth

Trotz des Niedergangs der Solarindustrie: Grüne Technologien boomen in Deutschland, sagt Cleantech-Investor Hansjörg Sage.

Der deutsche Modulhersteller Solarworld hat die erste Hürde geschafft: Mit einem harten Sanierungsplan inklusive Schuldenschnitt und frischem Geld aus Katar soll der einstige Star der deutschen Solarbranche gerettet werden. Das Ringen um die Zukunft des Unternehmens ist der jüngste Höhepunkt in der Pleitewelle der Branche. Gewachsen mit Subventionen, niedergegangen durch deren Kürzung und die harte ausländische Konkurrenz.

Doch abseits der Sonnenenergie ist Deutschland zum führenden Standort für saubere Technologien in Europa geworden. Das sagt der Investmentexperte Hansjörg Sage, Deutschlandchef der Investmentsgesellschaft Gimv, die nach Beteiligungen an innovativen Unternehmen der Green Economy sucht. Dabei kommt zum Beispiel eine Partnerschaft wie die mit Govecs heraus, einem Münchner Elektroroller-Hersteller. Gimv ist an der Börse in Brüssel notiert und verwaltet derzeit 1,8 Milliarden Euro. Das Unternehmen ist an 75 Gesellschaften beteiligt.

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Im Interview erzählt Sage, in welchen Bereichen Deutschland seine Nachbarn abhängt - und warum das Staatsgeld für die Solarbranche doch nicht verloren ist.

Herr Sage, gerade konnte Deutschlands einstiges Vorzeige-Solarunternehmen Solarworld seinen Untergang noch einmal abwenden. Muss sich die deutsche Cleantech-Branche nach dem Solardebakel der letzten Jahre neu erfinden?

Hansjörg Sage: Ich glaube, es gab vor einigen Jahren den großen Trend zur Photovoltaik, im Zuge dessen viele Startups entstanden sind. Schon vor drei bis vier Jahren sprach ich mit Investoren darüber – bereits damals war die Frage, wie viele von den vielen jungen Unternehmen überhaupt langfristig erfolgreich bleiben können. Diese PV-Welle hat viele Innovationen von Startups in anderen Branchen überdeckt, die sich in den vergangenen zehn Jahren sehr gut entwickelt haben. Nur standen die nicht so im Rampenlicht.

Der eigentliche Cleantech-Boom findet also im Verborgenen statt?

Sage: Es gibt viele klassische Mittelständler, die ihre Geschäftsfelder erweitert haben und nicht in erster Linie als Cleantech-Unternehmen wahrgenommen werden. Andere haben als Startups neue Geschäftsfelder erschlossen, sich aber nicht so sehr in die Medien gedrängt. Nehmen Sie ein Unternehmen wie PE International, das Nachhaltigkeitssoftware entwickelt, um die Umweltauswirkungen von Produkten von Anfang an einschätzen zu können. Da arbeiten viele sehr erfolgreich an Detaillösungen, die in der Öffentlichkeit nicht so sehr wahrgenommen werden.

Dazu passt, dass Sie „großes Potenzial“ bei deutschen Mittelständlern in der Cleantech-Branche sehen – deshalb hat Gimv auch 2008 eine Zweigstelle in Deutschland eröffnet. Welche Bereiche sind denn besonders stark?

Sage: Ich sehe vier bis fünf Bereiche, die momentan sehr stark sind.  Auf der einen Seite ist es der Maschinenbau, in dem es viele starke Cleantech-Entwicklungen gibt. Im Energiebereich gibt es einen großen Bedarf, die Netze zu erneuern und zukunftsfähig zu machen – genauso auch bei der Energieerzeugung. Deutsche Unternehmen sind sehr innovativ bei der Entwicklung neuer Fertigungsverfahren und beim Einsatz neuer Materialien. Im Mobilitätsbereich denke ich an die großen Fortschritte bei der Treibstoffeffizienz und Chancen bei der Elektromobilität.

Also können wir die Photovoltaik aus Deutschland vergessen, weil wir in anderen Bereichen Weltspitze sind?

Sage: Man darf nicht vergessen, welchen Beitrag Deutschland mit seinen Anschubinvestitionen in der Solarbranche geleistet hat. In vielen Weltregionen kann die Fotovoltaik heute mit fossilen Energieträgern mithalten – das wäre ohne die deutschen Subventionen nicht so schnell passiert. Außerdem hat der PV-Boom auch sehr viel Aufmerksamkeit auf Deutschland gelenkt: Es gibt jetzt ein größeres Bewusstsein für das Thema Cleantech, mehr Unternehmen, die sich darum kümmern, und in der weltweiten Wahrnehmung hat Deutschland einen exzellenten Ruf.

Wo stehen wir im Vergleich zu den europäischen Nachbarstaaten?

Sage: Es gibt einige andere Länder, die sich intensiv mit Cleantech beschäftigen. Ich sehe vor allem die Niederlande, Großbritannien, Skandinavien und Frankreich vorn. Aus meiner Erfahrung würde ich aber sagen, dass wir in Deutschland schon auf einem anderen Niveau sind – auch weil so viele internationale Unternehmen hier ansässig sind.

Der Blick in die USA zeigt aber mal wieder, dass man dort viel schneller auf Trends reagiert. Eine Geschichte wie die von Tesla wäre hier schwer möglich.

Sage: Die Amerikaner sind vor allem deutlich besser darin, einen gewissen Wirbel um ihre Unternehmen zu generieren – siehe Tesla. Viele Startups dort nehmen gleich zu Beginn sehr viel Kapital auf, von dem sie viel für Werbung, Marketing und Kommunikation verbrauchen. Das schafft viel schneller ein Bewusstsein für diese Unternehmen. Ob die dann besser sind, sei dahingestellt. In Deutschland haben wir – ganz stereotyp – eher den stillen Ingenieur, der an seiner Entwicklung arbeitet und nicht an einem Hype.

Der Ingenieur kann doch vielleicht nicht anders, weil den Europäern das Geld nicht so locker sitzt.

Sage: In Kontinentaleuropa herrscht eher das Bewusstsein vor, ein Unternehmen aufzubauen, das viel Substanz hat und langfristig erfolgreich ist. In den USA geht es oft darum, junge Märkte schnell zu erobern. Hier schauen Beteiligungsunternehmen eher, dass alle Investments mehr oder weniger erfolgreich sind – in den USA sind viele auf das eine große Ding aus, mit dem man dann mehrere gescheiterte Beteiligungen querfinanzieren kann.

Täte eine höhere Risikobereitschaft  deutschen Investoren gut?

Sage: Das hängt davon ab, in welcher Phase man investiert. Wenn man in sehr junge Unternehmen investiert, braucht man eine hohe Risikobereitschaft. Je etablierter ein Unternehmen ist, desto weniger muss dieses maximale Risikobewusstsein vorhanden sein. Bei Startups sind die Amerikaner sicher viel risikofreudiger als wir, dort gibt es auch viel mehr Geld in diesem Bereich. Bei erfahrenen Unternehmen im Mittelstand gibt es in Europa aber mindestens so viele Finanzierungsmöglichkeiten wie in den USA.

Gehen wir mal davon aus, es stimmt, was Sie sagen, und der Cleantech-Bereich in Deutschland wird weiterhin viel Geld anziehen.  Wofür wird Deutschland in den kommenden Jahren bekannt sein?

Sage: Ich verspreche mir weiterhin viel von der Automobilindustrie, in der deutsche Unternehmen daran arbeiten, den Verbrauch von Treibstoffen effizienter zu machen und in der das Know-How für Mobilitätskonzepte der Zukunft vorhanden ist. Ansonsten denke ich an die Komponenten, die für Energieerzeugung und -verteilung wichtig sind, etwa neue Turbinen. Es werden weiterhin viele Detailbereiche sein, die man eben nicht so direkt wahrnimmt, wie PV-Module auf den Dächern.

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