Crowdfunding in Deutschland: "Eine echte Alternative zu Banken"

Crowdfunding in Deutschland: "Eine echte Alternative zu Banken"

von Nora Marie Zaremba

Viele kleine grüne Projekte würde es ohne Crowdfunding nicht geben, erklärt Anna Theil von Startnext im Gespräch.

Vor mehr als zehn Jahren ist Crowdfunding von Musikern in den USA erfunden worden. Die Idee, sich Projekte durch den Schwarm im Internet finanzieren zu lassen, sichert besonders Künstlern das Überleben. In Deutschland ist Crowdfunding erst seit 2010 ein Thema, dafür aber ein beliebtes.

Auf der größten deutschen Plattform Startnext können Unterstützer derzeit aus 400 Projekten auswählen, darunter hauptsächlich kreative und nachhaltige Projekte. Wir sprechen mit Anna Theil, die bei Startnext für Kommunikation zuständig ist, über den deutschen Markt, gelungene Projekte und falsche Erwartungen.

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In Deutschland ging es mit Crowdfunding erst 2010 richtig los. Warum hat es so lange gedauert, bis sich Idee hierzulande durchgesetzt hat?

Anna Theil: Auch in den USA ist das Thema Crowdfunding erst 2009 Fahrt aufgenommen, so dass es aus meiner Sicht nicht lange gedauert hat, bis das Thema in Deutschland angekommen ist.

Ein Unterschied zwischen Deutschland und den USA ist sicherlich, dass wir einen anderen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund haben. In Deutschland ist die private Förderung von neuen Ideen und Unternehmen noch ein junges Thema, da viele Projekte zum Beispiel im Kultur- oder Kreativbereich über öffentliche Förderung finanziert werden, die wiederum in den USA kaum ausgeprägt ist. Die Crowdfunding-Plattformen leisten hierzulande erstmal Pionierarbeit im Bereich der privaten Finanzierung.

Mit Blick auf die letzten vier Jahre: Passen Deutschland und Crowdfunding zusammen?

Klar. Die vielen Erfolgsgeschichten und das große Wachstum zeigen, welche Potenziale im Crowdfunding in Deutschland stecken. Deutschland ist in Europa der drittgrößte Crowdfunding-Markt, nach Großbritannien und Frankreich. Einer Studie der Cambridge Universität zufolge wurden im letzten Jahr hierzulande 140 Millionen Euro über Crowdfunding finanziert. Darin enthalten sind alle Varianten des Crowdfundings, also beispielsweise auch Crowdinvesting und Crowdlending. Und immerhin liegt die Erfolgsquote der Projekte im deutschen Raum bei 60 Prozent, in den USA ist sie deutlich geringer.

Sind Banken als Kapitalgeber einer Idee hierzulande schon überflüssig geworden?

Nein, das war auch nie unsere Intention. Wir beginnen nun auch, mit Banken zusammenzuarbeiten, wie zum Beispiel mit der Bremer Aufbau-Bank, um Crowdfunding mit Darlehen zu verbinden. Für viele Gründer oder Kreative ist Crowdfunding zum Start ihrer Idee inzwischen aber wirklich eine Alternative zu Banken geworden und es wird immer beliebter.

Wer sich in den Start-up Szenen deutscher Großstädte umhört, muss fast glauben, dass kaum ein junges Unternehmen noch ohne Crowdfunding auskommt. Warum ist das Tool so beliebt?

Das Besondere ist sicherlich, dass es beim Crowdfunding keine Gatekeeper gibt und es recht unbürokratisch ist. Beim Crowdfunding hat jeder die Chance, seine Idee vorzustellen und zu finanzieren. Das Tool ist aber auch beliebt, weil es eben nicht nur um die Finanzierung geht, sondern vor allem auch darum seine Idee bekannt zu machen und Feedback von seiner Zielgruppe zu bekommen.

Ist Crowdfunding auch so erfolgreich geworden, weil soziale Netzwerke so beliebt sind?

Ohne das Internet und auch die sozialen Netzwerke wäre Crowdfunding wohl kaum so groß geworden. Erst dadurch ist es ja überhaupt möglich, Ideen schnell und kostengünstig mit vielen Menschen zu teilen und sie so auch direkt zu finanzieren. Auch können sich hier Projektinitiatoren direkt mit ihren Unterstützern vernetzen.

Wann funktioniert denn eine Idee besonders gut?

Wer die Leute begeistern will, sollte in der Lage sein, seine Idee auf den Punkt zu bringen und eine gute Geschichte zu erzählen. Die Idee sollte so gut verständlich sein, dass die Menschen sie einfach weiter erzählen können. Schwieriger wird es beim Crowdfunding für ein Projekt, das sehr komplex oder schwer zu visualisieren ist.

Aktuell würde ich sagen, dass zum Beispiel auf Startnext Ideen sehr gut funktionieren, die in der Gesellschaft etwas verändern wollen, zum Beispiel mit einer Bienenbox für Städter, einem Supermarkt ohne Verpackungen oder einer Möbelbau-Werkstatt für Flüchtlinge.

Oft ist zu hören, dass selbst eine gelungene Kampagne die Idee nicht voll finanzieren kann. Auch unterschätzen viele Initiatoren die Kosten, die hinter Crowdfunding stecken.

Viele Projekte oder Startups finanzieren sich nicht nur über Crowdfunding, sondern kombinieren es mit einem Kredit oder bei Filmen zum Beispiel mit öffentlicher Förderung. Die Kosten für die Gebühren der Plattform und die Produktion oder den Versand der Dankeschöns muss ich natürlich in mein Fundingziel einkalkulieren.

Ich finde, dass man das Ergebnis einer Crowdfunding-Kampagne auch nicht immer nur in Zahlen messen kann. Aus vielen Erfahrungen von Startern wissen wir, dass neben dem erreichten Fundingziel noch viele andere Effekte entstehen, die nicht immer messbar sind, wie zum Beispiel viel Berichterstattung in der Presse, neue Teammitglieder oder andere wichtige Kontakte, die das eigene Projekt weiterbringen.

Mit dem Projekttrailer und einer guten Beschreibung des Projekts alleine ist es aber nicht getan?

Die Menschen, die sich für das Projekt interessieren könnten, müssen natürlich erstmal von der Idee erfahren. Dafür ist es wichtig, die Idee zu kommunizieren, Unterstützer zu begeistern und eine Community aufzubauen. Die Projektinitiatoren teilen ihre Idee in ihrem persönlichen Netzwerken, bei Facebook oder Twitter, auf Veranstaltungen oder über die Presse.

Crowdfunding wurde von Künstlern entwickelt. Man kann fast sagen, es war ihre Waffe gegen den Kommerz. Auf den großen internationalen Plattformen wie Indiegogo oder Kickstarter werben heute auch Entwickler aus der Konsum- und Spielebranche. Was hat das noch mit der ursprünglichen Idee von Crowdfunding zu tun?

Die Idee von Crowdfunding kann natürlich in vielen unterschiedlichen Bereichen gut funktionieren und zukünftig werden sicherlich noch mehr etablierte Unternehmen damit experimentieren. Auf Startnext hat beispielsweise die Süddeutsche Zeitung mit der „Langstrecke“ einen Markttest für ein neues Magazin gemacht und die Leser direkt eingebunden. Ich finde solche Experimente spannend und letztendlich entscheidet immer die Crowd freiwillig, ob sie ein Projekt unterstützt oder nicht.

Wie verhält Startnext sich, wenn mal ein ethisch fragwürdiges Projekt dabei ist?

Wir halten die Kriterien so niedrig wie möglich. Vor der Freischaltung eines Projekts prüfen wir, ob es moralische oder rechtliche Verstöße gibt und im Zweifelsfall würden wir das Projekt im Team diskutieren oder auch unsere Community einbinden. Solche Fälle haben wir aber recht selten.

Sie sind von Anfang an dabei. Was überrascht Sie immer wieder?

Mich überrascht eigentlich immer wieder, wie gut Projekte in Nischen funktionieren: Sei es ein Dokumentarfilm über den Gründer von Borussia Dortmund, ein veganes Burger-Restaurant in Köln, ein Barde mit Mittelaltermusik oder ein Kalender einer 102-Jährigen. In der analogen Welt ist es so nicht einfach dafür einen Markt zu finden, im Internet finden sich die Unterstützer dafür umso schneller.

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