Cyborg: Amerikaner lässt sich Computer-Chip einpflanzen

Cyborg: Amerikaner lässt sich Computer-Chip einpflanzen

von Matthias Streit

Die Mensch-Maschine ist kein Science-Fiction mehr: Tim Cannon trägt einen Computerchip im Arm, der bestimmte Körperfunktionen kontrolliert.

Wenn es um Körperkontrolle geht, stellt Tim Cannon alle Selbstoptimierer in den Schatten. Während letztere ihren Puls messen und Schritte zählen, um aus ihrem Körper das Letzte rauszuholen, geht der Amerikaner einen Schritt weiter: Vor wenigen Wochen hat er sich einen Computerchip in seinen Unterarm implantiert. Cannon ist somit einer der ersten Cyborgs der Welt – eine Mensch-Maschine.

Auf den ersten Blick sieht es eher so aus, als wäre bei einer Operation etwas gehörig schief gegangen. Groß wie eine Zigarettenschachtel zeichnet sich der Chip deutlich neben einer langen vernähten Wunde ab. Doch dieser Klotz soll tatsächlich die Körpertemperatur Cannons messen.

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Per Bluetooth meldet der sogenannte „Circadia 1.0“ dann in Echtzeit an Smartphone oder Tablet, ob sich die Temperatur abgesenkt hat oder ob sich eventuell ein Fieber anbahnt. Obwohl das eingepflanzte Gerät bislang nur die Körpertemperatur kontrollieren kann, hält Cannon es für den ersten Schritt zu einem gesünderen Leben. Den menschlichen Körper hält er nämlich für fundamental fehlerhaft. Mängel, die er mit Hilfe der Computertechnologie beheben will. Gewissermaßen verrät das schon der Name des Geräts: Der leitet sich vom englischen „circadian rhythm“ ab, was so viel heißt wie „Biorhythmus“.

So wirklich Bio ist das Circadia jedoch nicht, schließlich steckt im Inneren hochsensible Computertechnik und ein Akku. Status-LEDs unter der Haut leuchten auf, wenn sich der Akkustand dem Ende neigt. Dann lässt er sich drahtlos mit einer Spule wieder aufladen.

Doch insbesondere dieses Bauteil macht den Cyborg-Chip auch gefährlich. Sollte die Batterie einmal durchbrennen, würden hochgiftigen Stoffe direkt in den Blutkreislauf gelangen und Cannon wohl töten. Der Amerikaner lässt sich davon jedoch nicht beunruhigen. Schließlich hätten umfassende Test vorher gezeigt, dass die Technik robust ist, sich die Batterie nicht einmal gefährlich erhitze.

Mediziner forschen an Mensch-Maschine-SymbioseMit Chips wie dem Circadia sollen Menschen künftig besser auf ihre Körpersignale reagieren. Dabei helfen sollen auch das Internet und das vernetzte Heim. „Wenn ich etwa einen stressigen Tag hatte, kann das Circadia erfassen und meinem Haus sagen. Das dimmt dann automatisch das Licht oder lässt ein heißes Bad ein“, sagt Cannon über seine Zukunftsvisionen im Online-Magazin Motherboard.

Eine eher romantische Sichtweise, deren medizinischer Durchbruch noch aussteht. Denn solang die Technik noch nicht offiziell anerkannt ist, darf kein Arzt den Sensor verpflanzen. Cannon musste deshalb auf sogenannte Body-Modification-Artists zurückgreifen, also Menschen, die neben Piercings stechen auch Implantate unter die Haut setzen – und zwar ohne Narkose.

Ganz abwegig sind die Vorstellungen des Amerikaners indes nicht. Auch Mediziner forschen immer mehr mit der Mensch-Maschine-Symbiose. So etwa an der Uni Tübingen. Dort haben Wissenschaftler um Professor Eberhart Zrenner einen Chip entwickelt, mit dem ein blinder Mann erstmals Buchstaben und das Ziffernblatt einer Uhr erkennen konnte. Zudem gibt es mit sogenannten „Cochleaimplantaten“ bereits ein Hight-Tech-Hörgerät, das bei Schwerhörigen Tonsignale über zerstörte Hörnerven direkt ins Gehirn leitet, statt – wie bei traditionellen Hörgeräten – nur die Schallwellen zu verstärken.

"Bisher nur etwas für Freaks"Dass Technik unter die Haut geht, scheint vielen Menschen aber noch immer ein Graus. „Ich weiß, dass die Mehrheit der Menschen noch nicht dafür bereit ist“, sagte Cannon in einem Gespräch mit der ZEIT. „Das wird erst der Fall sein, wenn irgendein Anzugträger die Implantate verkauft und wenn das Einsetzen nicht mehr mit Schmerzen verbunden sein wird. Fürs Erste wird es etwas für die BodyMod-Szene und die Freaks bleiben, und ich finde das auch gut so. Die sind offener und mutiger als andere.

Zumindest für die möchten er und seine Kollegen von der Pittsbhurger Firma Grindhouse Wetware schon einmal vorsorgen. Der Circadia soll in Produktion gehen und schon bald marktreif sein. Wann genau das sein wird, lassen die Entwickler noch offen. Zunächst muss der Selbstversuch Cannons ausgewertet werden. Doch was die Körperoptimierung kostet, lässt sich jetzt schon grob sagen: 500 Dollar, also knapp 370 Euro, soll das Gerät kosten. Knapp 200 Dollar (150 Euro) müssen dann noch für den „Einbau“ berappt werden.

Wie das Ganze aussieht und was Cannon sonst dazu sagt, sehen Sie in diesem Video:

Folgen Sie Matthias Streit auf Twitter: @MatthStr

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