Dem Klimawandel trotzen: Forscher züchten Superbohne für heiße Nächte

Dem Klimawandel trotzen: Forscher züchten Superbohne für heiße Nächte

von Jonas Gerding

400 Millionen Menschen weltweit ernährt der Bohnenanbau. Das soll auch in Zeiten des Klimawandels so bleiben.

Ende des Jahres fliegen die führenden Politiker der Welt zum Klimagipfel nach Paris. Zum 21. Mal verhandeln sie darüber, was unternommen werden muss, um die Erderwärmung zu begrenzen. Einige Agrarwissenschaftler denken da längst schon einen Schritt weiter.

Bremsen ließe sich der Klimawandel zwar etwas, aber ihn zu verhindern, daran glauben die Experten der global operierenden Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR) nicht. Im Gegenteil: Dessen Folgen seien schon heute in vielen Regionen der Welt sichtbar. Deshalb haben sie sich für einen pragmatischen Ansatz entschieden und entwickeln verbessertes Saatgut, unter anderem für Bohnen, die den Temperaturextremen der Zukunft trotzen können - damit der Klimawandel nicht in einer Klimakatastrophe endet.

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Hoffnungsträger für MillionenLandwirte ernten Bohnen insbesondere in Lateinamerika und Ostafrika – in Gegenden also, die besonders unter dem Klimawandel leiden werden. Weil Bohnen nicht nur günstig, sondern auch reich an Proteinen sind, werden sie oft auch als "Fleisch der Armen" bezeichnet. Rund 400 Millionen Menschen sind weltweit auf den Anbau von Bohnen angewiesen.

Steve Beebe, einer der beteiligten Forscher des CGIAR setzt daher hohe Erwartungen in das verbesserte Saatgut: "Diese Entdeckung könnte ein großer Segen für die Bohnenproduktion sein, weil wir im Jahr 2050 vor einer entsetzlichen Situation stehen könnten", sagt er. Die Erderwärmung könnte bis dahin die geeigneten Flächen für den Anbau von herkömmlichen Bohnen halbiert haben, fürchtet der Forscher. Die verfügbaren Bohnen seien schlicht nicht an die kommenden klimatischen Bedingungen angepasst.

Noch sprechen die Forscher viel im Konjunktiv. Was in ihren Laboren und Gewächshäusern funktioniert, muss sich erst auf den Feldern in den Entwicklungsländern beweisen. Andere Institutionen und Firmen haben mit verbessertem Saatgut bereits Erfahrungen vor Ort gemacht.

Mali liegt im Norden Afrikas. In dem extrem trockenen Land hat der Anbau von Hirse eine lange Tradition. Doch zunehmende Dürre, weniger Regen und Entwaldung haben vielen Landwirten fruchtbaren Boden genommen, beobachtete auch die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA).

Sie haben ein Saatgut entwickelt, das besser mit den veränderten Bedingungen umgehen soll und einen weiteren Vorteil bietet: "Die Farmer sind wirklich interessiert daran, weil sie die neuen Pflanzen zweimal im Jahr säen können", sagte Abocar Toure, der das Programm in Mali durchgeführt hat, der Nachrichtenagentur Reuters. Das alte Saatgut hingegen hätte nur einmal im Jahr geerntet werden können.

Genpflanzen gegen den HungerHirse ist eigentlich auch in Tansania im Osten Afrikas weit verbreitet. Doch die sich veränderndenen Klimabedingungen stellen den Anbau vor Herausforderungen. Anstelle der Nutzpflanze würde sich der Anbau verbesserter Maissorten anbieten. Genau das plant das Programm Water Efficient Maize for Africa (WEMA).

Verbesserte Nutzpflanzen lassen sich auf natürlichem Wege züchten (wie die Bohnen der CGIAR-Forscher). Bei der Entwicklung der optimierten Maissaat für Tansania kam jedoch auch die umstrittene Biotechnologie zum Einsatz. Für das Projekt haben die Organisatoren das Unternehmen Monsanto mit ins Boot geholt. Kein Konzern wird international schärfer für die Anwendung von Gentechnik kritisiert. Microsoft-Gründer Bill Gates, ein Befürworter der Technologie, liefert mit der Bill & Melinda Gates Stiftung finanzielle Unterstützung.

Profite für Konzerne oder ehrliche Hilfe?Im März demonstrierten Aktivisten in  London genau gegen diesen Ansatz. #Freetheseeds ("befreit das Saatgut") lautete die Forderung, mit der sie ihre Kritik auch im Internet verbreiteten. "Wir werden dazu gebracht zu glauben, dass das große Agrargeschäft der einzige Weg ist, die Menschen zu ernähren", klagt Ian Flitzpatrick von der Organisation Global Justice Now, die sich einer fairen Entwicklungshilfe verschrieben hat.

Flitzpatrick glaubt nicht an Einheitsmethoden, die sich in vielen Ländern gleichermaßen durchsetzen ließen, schreibt er in einer Studie für die Organisation. Multinationale Konzerne, unterstützt von Regierungen, würden lediglich ihre Kontrolle über Saatgut, Land, Märkte und Arbeiter in Afrika ausbauen wollen, so der Vorwurf.

Die kategorische Ablehnung der Aktivisten mag überzogen wirken, doch einen wichtigen Punkt sprechen sie an: die Abhängigkeit zwischen Saatgutherstellern und Landwirten, insbesondere in Entwicklungsländern. Solange die Kleinbauern Saatgut immer wieder aufs Neue kaufen müssen, können sie einen Teil der ohnehin geringen Einnahmen nicht für sich behalten oder verschulden sich sogar.

Die Natur bleibt unberechenbar

Verschenken Entwicklungsorganisationen das Saatgut wiederum, ist nicht absehbar, wie daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entstehen soll. Insbesondere bei genmanipulierten Pflanzen ist diese Abhängigkeit ein Problem, weil sie meist nur in Kombination mit entsprechendem Pfanzenschutzmitteln eingesetzt werden können.

Die Entwickler der hitzebeständigen Bohnen scheinen sich des Problems bewusst zu sein. Sie möchten es daher den Landwirten ermöglichen, das Saatgut auch in kleinen Mengen zu erwerben. Vor allem würden danach keine Folgekosten entstehen, denn die geernteten Bohnen könnten in Zukunft erneut ausgesät werden.

Wie groß das Potenzial tatsächlich ist, wird sich zeigen: Lokale Ökosysteme sind schwer kalkulierbar und halten nicht selten Überraschungen bereit.

Das Kenya Agriculture & Livestock Research Institute beispielsweise hatte eine neue Sorte Hirse ausgesäht, musste dann aber erleben, wie sie der Blutschnabelweber zur neuen Lieblingsspeise auserkor. In Scharen machten sich die Vögel über die Pflanzen her und fraßen sie von den Feldern. In den Laboren und Gewächshäusern der Forscher fehlten die Vögel.

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Photo by cookbookman17 / CC BY 2.0

Photo by CIAT / CC BY-SA 2.0

Photo by Skanska Matupplevelser / CC BY-ND 2.0

Photo by Derek Keats / CC BY 2.0

 

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