Deutscher Wärmemarkt: Kampf mit harten Bandagen

Deutscher Wärmemarkt: Kampf mit harten Bandagen

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Mancherorts verbieten Kommunen bereits Gas- und Ölkessel in Neubauten. (dpa)

von Ralph Diermann

Eine Auftragsstudie zeigt, wie sehr um die künftige Wärmeversorgung gestritten wird. Ein Trend könnte der fossilen Heizungsindustrie zu schaffen machen.

Auf den ersten Blick könnten das Institut für Wärme und Öltechnik – eine Einrichtung der deutschen Mineralölwirtschaft – und der Deutsche Energieholz- und Pellet-Verband gegensätzlicher kaum sein: Die einen trommeln für einen fossilen, die anderen für einen erneuerbaren Brennstoff. Doch die beiden Verbände haben einen gemeinsamen Konkurrenten: die Fernwärme. Denn wer sich die Wärme ins Haus liefern lässt, braucht weder Heizöl noch Holzpellets.

Öl- und Holzlobbyisten haben nun gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH), dem Zentralverband Sanitär, Heizung Klima (ZVSHK) und weiteren Verbänden eine Studie vorgestellt. Darin wird untersucht, auf welchem Wege sich der Energiebedarf im Gebäudesektor bis 2050 am besten reduzieren lässt – durch einen Ausbau der Nah- und Fernwärme oder durch eine dezentrale Versorgung, also einer Erneuerung der Heizkessel in den Gebäuden.

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Durchgeführt wurde die Untersuchung von zwei renommierten Einrichtungen, dem Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden (ITG) und dem Forschungscenter Betriebliche Immobilienwirtschaft der TU Darmstadt.

Zweifel an der Aussagekraft der Ergebnisse

Das wenig überraschende Ergebnis der Auftragsstudie: Die dezentralen Systeme sind gegenüber der Nah- und Fernwärme ökonomisch deutlich im Vorteil. Ausgangspunkt der Betrachtung ist das Ziel der Bundesregierung, den Primärenergieverbrauch im Gebäudesektor bis 2050 um achtzig Prozent zu reduzieren. Mit einer Erneuerung aller dezentralen Heizungen wäre dieses Ziel 250 Milliarden Euro günstiger zu erreichen als mit einem Ausbau der Nah- und Fernwärme.

Allein, die Aussagekraft dieser Zahl ist gleich Null. Denn die Autoren der Studie legen ihrer Rechnung zugrunde, dass jedes Gebäude in Deutschland an Wärmenetze angeschlossen wird. Eine absurde Annahme – es gibt niemanden, der sich dafür einsetzt. Denn es steht außer Frage, dass der nachträgliche Aufbau einer Fern- oder Nahwärme-Infrastruktur in bestehenden Siedlungen meist wirtschaftlich unsinnig ist. Neue Wärmenetze entstehen daher heute fast ausschließlich in Neubaugebieten.

Agrophotovoltaik Kartoffeln unter dem Kollektor

Gemüse- und Getreideanbau unter Solarpanelen - Forscher der Uni Hohenheim untersuchen in einem Pilotprojekt, welche Pflanzen für doppelte Flächennutzung am besten geeignet sind.

Unter manchen Solarmodulen können sogar Mähdrescher durchfahren. (Fraunhofer ISE)

Die Studie macht deutlich, mit welch harten Bandagen derzeit im Wärmemarkt gekämpft wird. Die fossile Heizungsindustrie hat viel zu verlieren. So macht sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks dafür stark, die Modernisierung von Gas- und Ölkesseln künftig nicht mehr zu fördern.

Ab 2030 sollen die fossilen Anlagen nach Ansicht der Ministerin im Neubau sogar verboten werden. Zwar konnte sich Hendricks mit ihren Forderungen im Kabinett nicht durchsetzen. Doch die Branche muss fürchten, dass es zu anderen Beschränkungen kommen wird.

Kommunen machen Druck

Auch die Kommunen machen Druck. Immer mehr Städte  und Gemeinden schreiben Bauherren vor, ihre Neubauten an Wärmenetze anzuschließen. So verhindern sie den Einbau von Gas- oder Ölkessel – und auch von Holzheizungen. Mancherorts untersagen sie fossile Anlagen sogar explizit.

Wertlos ist die Studie aber nicht. Sie liefert interessante Zahlen zur CO2-Bilanz der Fernwärme: Die Autoren zeigen, dass die Fernwärme gegenüber modernen dezentralen Heizungen nur dann einen ökologischen Vorteil hat, wenn die Netze mit Energie aus erneuerbaren Quellen oder mit Abwärme aus Industrieanlagen gespeist wird. Fernwärme ist nicht per se klimafreundlicher als Gas- oder Ölkessel – es kommt darauf an, wie sie erzeugt wird.

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