Elektronik: Intel will nur noch "faire" Computerteile bauen

Elektronik: Intel will nur noch "faire" Computerteile bauen

von Felix Ehrenfried

Der Abbau von Metallen für Computer ist oft ein menschenunwürdiges, dreckiges Geschäft. Der Chiphersteller Intel sagt: Nicht mehr mit uns.

Eigentlich ist die Consumer Electronics Show (CES), die alljährlich in der amerikanischen Wüstenmetropole Las Vegas stattfindet, der Ort, an dem Unternehmen vor allem innovative Produkte aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik präsentieren. Doch die Innovation, die Intel-Chef Brian Krzanich dort vergangene Woche vorstellte, galt einem wesentlich ernsteren Thema als der Auflösung von Digicams oder der Brillanz von Computerdisplays.

Krzanich erklärte, dass alle von Intel produzierten Computerprozessoren künftig "konfliktfrei" seien. Damit verspricht der Chef des weltweit größten Chip-Herstellers, dass keine der verwendeten Materialien unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut werden.

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Was genau ein solcher „Konfliktrohstoff" ist, das definiert die Entwicklungsorganisation Bonn International Center for Conversion (BICC) so:

"Konfliktressourcen sind natürliche Ressourcen, deren systematische Ausbeutung und Handel im Kontext eines Konfliktes zu schwersten Menschenrechtsverletzungen, Verletzungen des humanitären Völkerrechts oder Verwirklichung völkerstrafrechtlicher Tatbestände führen kann."

Auf genau diese Stoffe will man bei Intel jetzt verzichten. Das ist nicht leicht, kommen doch viele der zur Herstellung von Chips benötigten Materialien wie Zinn, Wolfram, Gold oder auch Tantal aus Krisenregionen wie dem Kongo. Wie Schattenarmeen und Milizen mit diesen Materialien ihre grausamen Kriege finanzieren, hat schon vor Jahren die britische NGO Global Witness ausführlich dokumentiert.

Eigene Prüfungen sollen "Konfliktfreiheit" gewährenMithilfe einer umfangreichen Untersuchung und der Prüfung von unabhängigen Experten will Intel ab sofort sicherstellen, dass die Stoffe aus Minen kommen, in denen keine Menschenrechtsverletzungen stattfinden. Aber solch eine Prüfung ist nicht einfach, hat sich Intel bisher doch vor allem auf Großlieferanten für den Bezug der nötigen Bauteile verlassen.

Auch wenn diese Großlieferanten in ihrem Betrieb für ethisch einwandfreie Bedingungen bürgen können: Bisher blieb oft unklar wie es bei den Unternehmen aussieht, von denen sie ihre Komponenten beziehen und woher diese Unternehmen wiederum die Rohstoffe erhalten, mit denen sie arbeiten.

Jetzt hat Intel nach eigenen Angaben seine gesamte Lieferkette genau unter die Lupe genommen, die Metalle bis hin zum Abbauprozess verfolgt und die Herstellungsbedingungen überprüft. Dass Krzanich lange für die Lieferkettenorganisation in seinem Unternehmen verantwortlich war, ist mehr als eine Randnotiz: So weiß der Intel-CEO genau, worauf er sich bei der Überprüfung seiner Zulieferer einließ.

Aber wäre es nicht leichter gewesen, gänzlich auf Stoffe zu verzichten, die aus möglichen Krisenregionen stammen und stattdessen die Materialien aus unbedenklichen Gegenden zu beziehen? Nein, glaubt Krzanich. Denn das würde die betroffenen und ohnehin angeschlagenen Regionen nur noch weiter wirtschaftlich schwächen.

Stattdessen könne Intel, als einer der Hauptabnehmer für seltene Metalle wie Tantal, ein Zeichen in den Krisenregionen setzen und zeigen, dass ein Abbau auch unter menschenwürdigen Bedingungen möglich sei, sagt Krzanich. Würden Lieferanten sich weigern, eine dementsprechende Prüfung zu durchlaufen, würde ihr Vertrag gekündigt.

90 Prozent der Produkte aus fairen MaterialienBisher hat Intel nach eigenen Angaben schon mehr als 60 Metalllieferanten, meist Schmelzhütten, in denen das Metall in seine benötigte Form gebracht wird, in mehr als 20 Ländern besucht. Das ehrgeizige Ziel beim Chiphersteller für die Zukunft lautet, dass noch innerhalb dieses Jahrzehnts mindestens 90 Prozent der Rohstoffe für die Produkte konfliktfrei seien sollen.

Für die restlichen zehn Prozent werde an alternativen Materialien gearbeitet. Am Endkundenpreis für Intelprodukte soll sich aufgrund der aufwendigen Kontroll- und Zertifizierungsprozesse nichts ändern, versichert das Unternehmen.

In den USA und Europa wird schon länger über Konfliktrohstoffe und mögliche Lösungen diskutiert. Während es in den 90er Jahren dabei hauptsächlich um sogenannte Blutdiamanten aus Staaten wie Sierra Leone oder Angola ging, diskutieren Experten und NGOs heute zunehmend über seltene Metalle, die vor allem in der Elektronikindustrie eine Rolle spielen.

Gegenmaßnahmen, um die Ausbeutung von Menschen beim Abbau dieser Stoffe einzudämmen, gibt es viele. Zum einen wollen Unternehmen mit eigenen Kontrollen und Zertifizierungen ihre Produkte konfliktfrei herstellen. So bietet auch das niederländische Unternehmen Fairphone ein Handy an, das in Teilen frei von Konfliktrohstoffen ist.

USA geht bei Regulierung voranDie Entwicklungsorganisation Bonn International Center for Conversion (BICC) hat zudem einen sogenannten Konfliktmonitor eingerichtet, der den Umgang von Entwicklungsländern mit deren Rohstoffen überwacht und so auf mögliche Verletzungen, beispielsweise von Menschenrechten, hinweist.

In den USA hat Präsident Obama 2010 außerdem den sogenannten Dodd-Frank Act unterzeichnet. Dieser schreibt Unternehmen unter anderem vor, auf Rohstoffe aus Konfliktgebieten zu verzichten. Nutzen Unternehmen dennoch Stoffe aus diesen Gegenden, müssen sie genau über die Herkunft dieser Materialien berichten. Konfliktstoffe sind in der Definition dieses Gesetzes Coltan, Zinnstein, Wolframit aber auch Gold. Gültig ist diese Verpflichtung seit Januar 2013.

Die EU-Politiker dagegen diskutieren noch, ob Unternehmen ihre Lieferketten künftig auf Konfliktmaterialien überprüfen müssen. Eigentlich sollte es bis Ende vergangenen Jahres ein entsprechendes Gesetz auf EU-Ebene geben, bisher gibt es jedoch nicht einmal einen Gesetzesentwurf. Zuvor hatte die Generaldirektion für Handel der Europäischen Kommission zu einer öffentlichen Diskussion "zur verantwortungsvollen Beschaffung von Mineralien aus konfliktbetroffenen und stark gefährdeten Gebieten" geladen.

Von dem Gesetz, das jetzt vermutlich im Laufe dieses Jahres vorgelegt werden soll, erhofft man sich in Brüssel ein „effektives aber zumutbares“ System für die EU, das den Umgang mit Konfliktmineralien eindeutig regelt.

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