Energieversorger: Warum bei RWE & Co. demnächst das Licht ausgehen könnte

Energieversorger: Warum bei RWE & Co. demnächst das Licht ausgehen könnte

von Eike Wenzel

Szenarien beschrieben schon 2010 den Absturz der Energieversorger. Wahrhaben wollte das niemand. Ein Gastbeitrag.

Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. An dieser Stelle schreibt er über die strauchelnden Energieversorger RWE, E.ON, EnBW, Vattenfall und die globale Energierevolution.

Zukunft passiert und Veränderung tut oft weh. Aber sie hätten es wissen müssen: Die Gewinne von E.ON, Deutschlands größtem Energieerzeuger, sanken im Geschäftsjahr 2013 um die Hälfte. RWE, die Nummer zwei auf dem Markt, rutschte erstmals seit Bestehen in die roten Zahlen und machte einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro.

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Und während die GroKo hierzulande die Agonie der Energieriesen betrauert, setzen die Amerikaner längst das Konzept eines neuen und zukunftstauglichen Energiemixes in die Tat um. Und das nach wie vor unter heftigem Störfeuer einer ewiggestrigen Front von Kritikern der Erneuerbaren Energien und Klimaskeptikern, die sich gerne im „Wallstreet Journal“ mit ihren Verschwörungstheorien verbreiten.

USA: Ihre neue Rolle in der Welt definiert sich über die Energiewende

Dagegen machen sich Energiepioniere in den USA daran, die eigene Zukunft beherzt in die Hand zu nehmen. In dem Land, das nach dem 11. September 2001 nicht mehr das gleiche war (und gegenwärtig heftig unter seiner Deindustrialisierung leidet und händeringend eine Industrie-Renaissance herbeisehnt), ist die Installation von Solaranlagen im vergangenen Jahr um rund ein Drittel angestiegen.

Selbst die Gas- und ölfreundliche Internationale Energieagentur (IAE) veröffentlichte bereits im Jahr 2010 zwei Technologie-Szenarien, in denen der Solarenergie eine strahlende Zukunft bescheinigt wurde.

Seit dem Jahresbeginn 2011 ist der weltweite Preis für die ebenso banalen wie nützlichen Solarpanele um 60 Prozent gefallen. In den USA werden im Jahr 2014 die Preise aus Solarzellen gewonnener Energie unter den Preisen liegen, die für Strom aus neuen Kernkraftanlagen zu Grunde gelegt werden müssen. Weltweit hat dieser Quantensprung übrigens bereits im Jahr 2010 stattgefunden, er wird hierzulande aber kaum zur Kenntnis genommen.

Die Vereinigten Staaten haben sich von ihrer Rolle als Weltpolizist verabschiedet und betreiben stattdessen vorausschauende Zukunftsplanung. Und dabei spielt der richtige Energiemix eine entscheidende Rolle. Wir leben in einer multipolaren und multilateralen Welt, da kommt es darauf an, mit Megatrends wie Erneuerbare Energien (aber auch demografischem Wandel, Digitalisierung oder Gesundheit) bewusst umzugehen.

Die USA hatten sich vorübergehend von der Rolle des Weltinnovationsführers und Weltmarktführers bei technologischen Aufbrüchen verabschiedet. Wer heute nach aktuellen Entwicklungen im Hightech-Sektor Ausschau hält, der begeht einen schweren Fehler, wenn er nur in Silicon Valley, nach Texas oder New York blickt.

Neue Technologien entstehen längst zwischen dem Baltikum und Bangalore. Was uns die Business-Pioniere aus der (altgewordenen) Neuen Welt jedoch immer wieder lehren, ist: eine Gelegenheit entschlossen beim Schopfe zu packen. Momentan ist das USA-weit mit besonderer Inbrunst beim Thema der Energiewende zu spüren.

Widerlegt: Der Mythos vom chinesischen Solarmonopol

Wollen wir in Deutschland das alles nicht sehen? Dabei steht es in der Zeitung. Zum Beispiel in der „Financial Times“ vom 8. August 2013, die den Energieexperten Jason Channell von der Citigroup mit der Aussage zitierte, dass mittlerweile mehrere europäische Länder Solarstrom gewinnbringend und ohne jedwede Subventionen herstellen.

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman lässt keine Gelegenheit aus, um – seit Jahren schon - auf die Zukunftsfähigkeit der Solarenergie hinzuweisen. Krugmanprangerte 2011 in der „New York Times“ jedoch in verschärfter Form die Öl- und Gaslobby an, die den Durchbruch der Solartechnologie in den USA um jeden Preis verhindern wolle.

In einer brillanten Studie der Stanford-University (hier als PDF) werden vier Szenarien für die Zukunft des Solarmarktes entworfen. Wichtigste Erkenntnis: Bis 2025 wird sich mitnichten ein chinesisches Monopol in der PV-Technologie herausbilden. Der Weltmarkt der Solarenergie unterteilt sich mitnichten in eine Welt der auf Preisdumping basierenden Sieger (China) und der verschlafenen Hersteller von überteuerten Dinosaurier-Produkten (Deutschland, USA, Europa).

Was sich herausbilden wird, und hier wird die Studie hochinteressant, ist ein „glokalisierter Markt“ (also eine Mischung aus Global und Lokal) der erneuerbaren Energien und insbesondere der Solarenergie. Und, so ist in der Studie weiter zu lesen, es wird nur eine Handvoll von Produktanbietern sein, die bei der Solarenergie in Zukunft das Geschäft macht.

Die Installation und Wartung werden aber andere Technologieunternehmen vor Ort übernehmen. Darüber hinaus ist momentan bei der Weiterentwicklung der Photovoltaikindustrie kein Ende der Innovationssprünge absehbar.

Auch das spricht dafür, dass sich der Solarmarkt als glokalisierter Markt weiterentwickeln wird. Das Energieszenario für das Jahr 2025, auf das die Erkenntnisse der Stanford-Studie hinauslaufen, sieht dann so aus, dass Solar acht Prozent des weltweiten Energiebedarfs abdeckt.

China und Südkorea werden bis dahin den Markt der Solarmodule dominieren. Die USA und Deutschland werden aber die Weltmarktführer auf dem Gebiet der solartechnologischen Innovationen sein.

Die Studie, mit ihren wichtigen Ergebnissen, bekommt durch die Tatsache eine bizarre Note, dass einer der Initiatoren dieser Studie das deutsche Bundesumweltministerium ist. In die energiepolitische Realität ist die Ausarbeitung (4. November 2013) bislang ganz offensichtlich nicht vorgedrungen.

Fatal: Deutschland springt vom Zug – der Boom beginnt

Während in Deutschland die Energiewende eine Vollbremsung macht, avanciert sie jenseits des Atlantiks jetzt auch zum Investoren-Darling. Seit 2013 sind die USA an China vorbei gezogen, wenn es darum geht, wo die attraktivsten Standorte für Investitionen in Erneuerbare Energien zu finden sind.

Aus Ernst & Young’s jährlichem “Renewable Energy Country Attractiveness Index ”(RECAI - hier als PDF) geht hervor, dass die Einbrüche von Solar in Westeuropa durch die Emerging Markets annähernd kompensiert werden.

Dort hat ja speziell Solar die Aufgabe, eine Stromversorgung überhaupt erst zu etablieren. Solar (und natürlich auch die Windmühlen) kämpfen also in Afrika nicht den harten Konkurrenzkampf gegen die etablierten Technologien und deren ausdifferenzierte Lobby-Netzwerke.

Doch auch für die entwickelte Welt gilt: Die großen vier Wirtschaftsnationen sind auf den Solarzug aufgesprungen – nur Deutschland möchte jetzt wieder abspringen.

Da tröstet es wenig, dass wir auch bei der Windenergie den Anschluss zu verlieren drohen. Lag im Jahr 2003 der Anteil deutscher Windkraftanlagen noch bei 37 Prozent, sind es zehn Jahre später nur noch ganze elf Prozent.

Solar geht auch im Post-Fukushima-Japan gerade durch die Decke. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt hat innerhalb eines Jahres seine Solarkapazitäten von 1.404 Megawatt auf gigantische 3.809 Megawatt aufgestockt. Die Berater von IHS gehen davon aus, dass im vergangenen Jahr in Japan Photovoltaikanlagen mit einem Wert von 20 Milliarden US-Dollar neu installiert wurden. Im Jahr 2012 beliefen sich die japanischen Solar-Investitionen gerade einmal auf elf Milliarden US-Dollar, ein erdrutschartiger Zuwachs von mehr als 180 Prozent.

Schon längst hätten wir hierzulande klare Signale setzen müssen, dass Solar ein weltweiter Zukunftsmarkt ist, bei dem wir, Unternehmen und Forschung, den Anschluss nicht verpassen dürfen.

Als weiterer Wachstumseffekt wird in der Solarbranche in den kommenden Jahren hinzukommen, dass die Netz-Parität der Erneuerbaren Energien Investoren (wieder) anlocken wird, die in Deutschland kürzlich unter anderem deshalb das Handtuch geworfen haben, weil der chaotische Netzausbau in der Windenergie keine klaren Anreize zu schaffen vermochte.

Grid-Parität und das logische Ende der Energiedinos

Wir müssen auch gar nicht lange auf die nächsten Zukunftsmärkte für Solar und andere Erneuerbare Energien warten. Sie stehen bereits vor der Tür und klopfen an. Südamerika beispielsweise. Der wirtschaftlich erwachende Kontinent ist für nachhaltige Technologien noch gar nicht erschlossen. Doch Mexiko hat gerade mit dem Einstieg in die Solarenergie begonnen (13 Megawatt installierte Kapazität).

Die Analysten von Ernst & Young machen in Chile enorme Marktchancen aus. Allein hier sind aktuell mehrere 100- bis 400-Megawatt-Solarkraftwerke in Planung, womit Südamerika das alte Europa überholen wird.

Auch Brasilien wird anlässlich der Fußballweltmeisterschaft zeigen, dass es viel von Solarenergie hält. Die Solaranlagen, die in vielen WM-Stadien in Betrieb genommen werden, wurden erfreulicherweise auch mit Krediten der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt.

Aber was hat diese globale Entwicklung nun mit Deutschland und den etablierten Energieversorgern zu tun? Zum Beispiel das hier: In einem hochbrisanten Report des Edison Electric Institute (EEI), veröffentlicht im Januar 2013 (hier als PDF), findet sich eine Totenrede auf die eigene Branche der fossilen Energieerzeuger und Kraftwerksbetreiber.

Das Edison Institute ist in den USA für seine Erdöl- und Gas-freundliche Einstellung bekannt. Aber selbst dort wird die Zeitenwende – zähneknirschend – anerkannt. In dem Report beschreiben die Autoren einen Teufelskreis des schleichenden Wertverlusts der fossilen Energieträger: Wenn die Kraftwerke nur noch Backup-Dienste zu verrichten haben, dann kann das nicht mehr wirtschaftlich sein.

Hinzu kommt, dass sich bis 2030 immer mehr Energieanbieter und -erzeuger aus dem Netz verabschieden werden, was den Netzbetrieb zusätzlich verteuert. Das wiederum ist nur zu bewältigen, wenn gleichzeitig die Strompreise erhöht werden, was momentan niemand ernsthaft als Alternative ins Auge fassen würde. Diese Gemengelage wird wiederum auf der Investorenseite für größere Unsicherheit sorgen, so dass viele ihr Geld auf solidere Anlagefelder verschieben werden.

Das wiederum wird für die Anlagenbetreiber Kredite verteuern, die ebenfalls der Stromkunde zu zahlen hätte und was zudem neue Investitionen in modernere Anlagen erschweren würde. Das Ergebnis ist das logische Ende eines Geschäftsmodells der Energieversorger, wie wir es in ähnlicher Form in den vergangenen Jahren in der Telekommunikation und im Medienbereich erlebt haben.

Der Backup-Markt ist eine Fata Morgana

In drei Jahren können hierzulande im Sommer die Spitzenzeiten des Stromverbrauchs komplett von Solarenergie abgedeckt werden. Selbst Ende Februar dieses Jahres lieferte die vereinigte hiesige Solarkraft zu Spitzenzeiten 20,35 Gigawatt und deckte damit 27 Prozent des gesamten Strombedarfs ab.

Gerade für die Unternehmen, die zuzeiten der hochpreisigen Spitzenauslastung mit ihren Gaskraftwerken bis vor kurzem noch ordentlich Geld verdient haben, wird es immer unrentabler, den eigenen Strom anzubieten. Spätestens dann stellt sich die Frage, wofür brauchen wir die Kraftwerksriesen noch – als Backup, als energiewirtschaftliche Brosamenauffänger?

Mehr noch (und auch diese Frage stellt die schon erwähnte Citi-Studie in den Raum, hier als PDF): Braucht es für diese fast vernachlässigenswerte Backup-Leistung wirklich noch Wirtschaftsunternehmen?

Nein, der Backup-Markt ist eine Fata Morgana. Aus ihm wird sich auf mittlere Sicht kein nachhaltiges Geschäftsmodell extrahieren lassen. Ein System für Kraftwerksreserven, das die Stromverbraucher nach Schätzungen von Experten drei bis sechs Milliarden Euro pro Jahr kostet, aber von Jahr zu Jahr mit sinkenden Margen rechnen muss, ist auf Dauer nicht wettbewerbsfähig.

Postskriptum: Keine einfachen Lösungen in Sicht

Was kommt nach dem Ende Kraftwerksära? Ganz sicher nicht das EINE neue Geschäftsmodell, das das alte vollfertig ersetzt:

Energieautarkie: Der Wunsch nach Energie- und Rohstoffautonomie wird gerade durch die Krimkrise auf der Agenda ganz nach oben gespült. Wir leben in einer multipolaren Welt und müssen gerade erkennen, dass das in den nächsten Jahren mit erheblichen Risiken behaftet sein wird.

Neoimperialismus und –nationalismus, sowie erwachende Mittelschichten in Schwellenländern, die ihren neu erworbenen Wohlstand nach unten und außen aggressiv verteidigen werden, bringen zusätzliche Brisanz in das Energie- und Rohstoffthema.

Entprivatisierung: Kraftwerke als Backup sind keine sinnvolle Lösung. Ob eine teilweise Entprivatisierung der Energieversorgung tatsächlich eine empfehlenswerte Strategie darstellt, ist jedoch zu bezweifeln. Denn dadurch könnte ein weiteres Entwicklungsloch bei der Erforschung und Entwicklung von Erneuerbaren Energien entstehen. Ein technologisches Zurückfallen auf dem Zukunftssektor der Erneuerbaren hätte für die gesamte deutsche Industrielandschaft fatale Konsequenzen.

Bürgerenergie: Hierzulande wird es letzten Endes um Dezentralisierung, Pluralisierung und Bürgerenergie gehen. Energiespeicher, die Netzwerke füttern, die mitunter nicht mehr als zwei Straßenzüge mit Sonnenstrom versorgen, sind längst in der Erprobung und werden weiter entwickelt. Wir leben im 21. Jahrhundert: Es führt kein Weg daran vorbei, das Schicksalsthema Energiewende – Stück für Stück – in die Eigenverantwortung von uns allen zu legen.

Lange hat es gebraucht. Doch jetzt scheint das Ende des Kraftwerkgeschäfts auch bei den Konzernchefs als Erkenntnis angekommen zu sein. „Ich gehe nicht davon aus, dass mit der konventionellen Stromerzeugung künftig noch nennenswert viel Geld verdient werden kann“, bilanzierte E.ON-Boss Johannes Teyssen vor ein paar Tagen in einem „Spiegel“-Gespräch. Das ist gleichzeitig das Ende der großen Energieversorger, wie wir sie kennen.

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