Energiewende: Siemens-Chef Löscher fordert radikales Umsteuern

Energiewende: Siemens-Chef Löscher fordert radikales Umsteuern

von Wolfgang Kempkens

Peter Löscher will eine andere Energiewende. Doch was ist von seinen Vorschlägen wirklich zu halten?

Nun hat sich einer der größten und einflußreichsten Konzerne in die Debatte um die Energiewende eingeschaltet: Siemens. Peter Löscher, CEO des Unternehmens, fordert ein radikales umsteuern - und will damit wohl auch seinem strauchelnden Konzern wieder auf die Beine helfen. Hier also seine Analyse, die er bei einer Veranstaltung in Berlin präsentierte:

Die Energiewende hat den Deutschen eine gewaltige Teuerung beim Strom eingebracht. Im vergangenen Jahr lagen die Preise für Privatkunden um fast 40 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Industriekunden mussten rund 20 Prozent mehr zahlen. Die Zusatzkosten vor allem für Solar- und Windstrom werden dieses Jahr rund 16 Milliarden Euro erreichen.

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Siemens glaubt, dass man die Preisspirale, die sich immer weiter dreht, stoppen kann. 150 Milliarden Euro lassen sich bis 2030 einsparen, wenn ein Plan durchgesetzt würde, den das Unternehmen entwickelt hat, verspricht das Management. Gleichzeitig werde der Anstieg der Kohlendioxid-Emissionen auf Grund der Energiewende gebremst. Denn derzeit wird zunehmend Kohlendioxid freigesetzt, weil vor allem Kohlekraftwerke die wind- und sonnenarmen Stunden und Tage überbrücken.

Siemens setzt, keineswegs selbstlos, auf Technologien, bei denen der Konzern zur Weltspitze gehört: Auf Hybridkraftwerke mit einem Wirkungsgrad von mehr als 60 Prozent, die mit Erdgas betrieben werden, und auf Windstrom.  Der Ausbau der Solarenergie spielt in diesem Szenario keine Rolle. Hier ist Siemens auch nicht (mehr) engagiert.

Gaskraftwerke als Lösung aller ProblemeTatsächlich ist die Kombination Windstrom-Hybridkraftwerk ideal. In den so genannten Gas- und-Dampfkraftwerken (GuD) wird Erdgas verbrannt. Die Abgase treiben einen Turbogenerator zur Stromerzeugung an. Danach sind sie immer noch so heiß, dass sie Wasser in Dampf umwandeln können, der einen zweiten Turbogenerator antreibt. Ein modernes Kohlekraftwerk emittiert mehr als doppelt so viel Kohlendioxid wie eine GuD-Anlage.

Hybridkraftwerke lassen sich zudem gut regeln, sodass sie Flauten, bei denen das Windstromangebot gering ist oder ganz ausfällt, leicht überbrücken können. Das Recht, neue Windparks zu bauen, soll künftig versteigert werden, findet Siemens. Den Zuschlag bekäme jeweils derjenige, der Strom zum niedrigsten Preis anbietet.

Siemens schlägt zudem vor, die finanziellen Sonderregelungen für neue Wind- und Solaranlagen komplett zu streichen. Das würde vor allem die ohnehin schon gebeutelte Solarindustrie treffen, während Windstrom auf dem Weg zur Konkurrenzfähigkeit schon weit vorangekommen ist. „Ein Strommix mit 40 Prozent Ökostrom – statt der geplanten 50 Prozent bis 2030 – ist sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll“, sagt Siemens-Vorstandschef Peter Löscher.

Wenig neue IdeenFür Kraftwerksbetreiber fordert er eine Flottenlösung, wie es sie für Autohersteller schon gibt. Deren Fahrzeugmodelle dürfen im Schnitt einen bestimmten Verbrauchswert nicht überschreiten. Übertragen auf die Stromerzeugung müsse es einen Grenzwert für die Kohlendioxidemissionen pro Leistungseinheit geben. Energieversorger mit veralteten Kraftwerken wären dann gezwungen, Schritt für Schritt neue Anlagen in Betrieb zu nehmen, am besten gleich GuD-Kraftwerke von Siemens.

Einiges ließe sich auch einsparen, wenn alte Haushaltsgeräte verstärkt gegen neue ausgetauscht würden.  Auch die Industrie betreibt noch viele stromfressende Anlagen. Vor allem Großmotoren verbrauchen noch weit mehr Energie als moderne, die elektronisch gesteuert werden – auch das eine Domäne von Siemens. Privaten und industriellen Kunden müssten dazu Finanzierungsmodelle angeboten werden, bei denen die Investitionskosten komplett über die Energieeinsparung abgedeckt werden – Strom sparen zum, zumindest gefühlten, Nulltarif.

So weit so gut. Doch was ist von den Vorschlägen Löschers zu halten? Ersteinmal ist wenig Neues dabei, da zum Beispiel schon lange bekannt ist, dass Gaskraftwerke eine perfekte Ergänzung für Wind- und Solaranlagen sind. Das Problem, das Löscher dabei verschweigt: Kein Mensch weiß derzeit, wie die Kraftwerke am besten kostendeckend zu betreiben sind. Kohle ist schlicht viel zu billig. Es ist also zu bezweifeln, dass eine massive Aufrüstung bei der Gasenergie die Strompreise wirklich senken würde - immerhin: klimafreundlicher wäre sie auf alle Fälle.

Auch mit seiner Forderung nach mehr Energieeffizienz gehört Löscher nicht zur Avantgarde. Und noch ein weiteres Problem: Würde man die festen Einspeisevergütungen für Wind und Solar sofort abschaffen, wie Löscher fordert, brächen die Investitionen in Erneuerbare Energien sofort radikal ein - das haben schon Peter Altmaiers im Vergleich zu Löschers Vorschlag milden Pläne für eine Strompreisbremse gezeigt.

Das Fazit also: Die Technik aus dem Hause Siemens ist durchaus innovativ - die Ideen, wie diese am besten zur Energiewende beitragen können, weniger.

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