Entfremdung 3.0? 3D-Druck ist nicht per se nachhaltig

Biz: Entfremdung 3.0? 3D-Druck ist nicht per se nachhaltig

von Tobias Finger

Viele Verfechter des 3D-Drucks sehen die Technik auch als Gewinn für die Umwelt. Doch das ist zu kurz gedacht, kritisieren Forscher.

Die Verheißung ist groß: Künftig kann jeder Produkte wie Schuhe, Geschirr und andere Alltagsgegenstände einfach bei sich zu Hause ausdrucken. Der Gang ins Geschäft entfällt, auch die weiten Wege, um die Produkte in die Geschäfte zu liefern. Auch Unternehmen drucken sich einzelne Bauteile künftig einfach aus, statt sie beim Zulieferer zu ordern.

Viele Experten meinen deshalb, dass der 3D-Druck nicht nur die Wirtschaft revolutioniere, sondern auch zur Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit der Industrie und Wirtschaft beitrage. Erste Studien bestätigen auch, dass recycelte Gegenstände aus dem Drucker umweltfreundlicher sind, als normale Produkte, die über ein etabliertes Recyclingsystem wiederverwertet werden.

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Dezentralisierung allein reicht nicht ausEine Studie (hier als PDF) des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin warnt jetzt jedoch vor verfrühter Euphorie. Die IÖW-Forscher stellen fest, dass eine Dezentralisierung durch den 3D-Druck – also die Tatsache, das jeder in seinem Wohnzimmer eine kleine Fabrik stehen hat – an sich noch nicht ausreicht, um die Innovation wirklich nachhaltig zu machen.

"Dezentralisierung führt nur unter speziellen Bedingungen zu einer Entlastung der Umwelt", sagt Ulrich Petschow, Leiter des Forschungsfeldes Umweltökonomie und Umweltpolitik am IÖW.

Konkret bedeutet das beispielsweise, dass die verhältnismäßig einfache Herstellung von Produkten mit 3D-Druckern nicht zur Mehrproduktion führen darf. Zusätzlich sei der Energieaufwand pro Produktionseinheit bei neuen Fertigungsverfahren häufig höher, als bei herkömmlich in großer Stückzahl produzierten Gegenständen, stellen die Forscher fest. Die Energieeffizienz ist also ein Punkt, an dem der 3D-Druck noch aufholen muss.

Aber vor allem sind es die Produktionsumstände, die für die Forscher wichtig sind. Massenproduktion bleibe auch unter Einsatz von 3D-Druckern Massenproduktion, schreiben sie, und sei damit wenig nachhaltig. Fehlerhafte Einstellungen der Maschinen können zur Unbrauchbarkeit ganzer Chargen von gedruckten Produkten führen – das Ergebnis ist unnötig viel Müll. Auf der sozialen Ebene komme es wiederum zur Entfremdung der Arbeitenden vom Produkt.

Wenn schon 3D-Druck, dann ziehen die Experten des IÖW die sogenannte Maker- und Do-It-Yourself-Bewegung vor. Einzelne Tüftler arbeiten dabei an neuen, individualisierten Produkten. Statt Massenfertigung steht Kreativität im Vordergrund.

Die Crowd als Schlüssel zum ErfolgEin effektives Zusammenarbeiten von vielen Einzelakteuren in Netzwerken stellt für die IÖW-Autoren die Zukunft der Produktion dar. So können beispielsweise mehrere Designer gemeinsam ein Produkt entwerfen, indem es online zur Verbesserung ausgeschrieben wird. Viele verschiedene Ingenieure lassen anschließend ihre Ideen in die Funktionsmechanismen einfließen und gedruckt wird zu guter Letzt zu Hause. In Ansätzen gibt es das alles auch schon.

"Wenn die Crowd beginnt, sich zur Herstellung von Waren zu vernetzen, demokratisiert sich die bisher monopolisierte Welt der Produktion. Es entsteht Wertschöpfung 2.0", sagt Petschow. Eine neue und vor allem sozialere Produktionskultur könnte also der Schlüssel sein, dass der 3D-Druck wirklich nachhaltig wird. Nur auf Klima- und Umweltbilanzen zu schauen, greift beim 3D-Druck also zu kurz.

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