Fairphone 2 im Test: So funktioniert das neue Baukasten-Handy

Fairphone 2 im Test: So funktioniert das neue Baukasten-Handy

Eine Woche vor dem Start konnten wir das neue Fairphone-Modell bereits ausprobieren.

Das Schönste am Fairphone sind eigentlich die Kleinigkeiten. Die durchsichtige Rückseite zum Beispiel, durch die man die Bauteile sehen kann. Oder dass im Inneren auf einer winzigen Karte des Kongo die Herkunftsorte des fair gehandelten Zinns und Tantal verzeichnet sind. Die Details zeigen, wofür das Projekt steht – und sie führen dazu, dass man als Nutzer eine ganz andere Bindung zum Fairphone 2 aufbaut als zu einem x-beliebigen anderen Smartphone.

Und noch etwas unterscheidet es von einem gewöhnlichen Handy: Mit ein paar Handgriffen und einem Schraubendreher kann man das Fairphone 2 in seine Einzelteile zerlegen: Display, Kamera, USB-Anschluss, Kopfhöherbuchse. Das macht beim Ausprobieren Spaß, weil es so ungewohnt ist. Bei den meisten Smartphones lässt sich ja nicht einmal mehr der Akku austauschen.

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Die modulare Bauweise ist aber mehr als Spielerei: Dadurch, dass einzelne Bauteile austauschbar sind, soll das Gerät deutlich langlebiger sein, als die fest verschraubte und verklebte Konkurrenz.

Das Fairphone 2 ist das Nachfolgegerät des im Jahr 2013 erschienenen Fairphones, hergestellt vom gleichnamigen Start-up aus Amsterdam. Angekündigt wurde es schon im Frühjahr, ab Mitte Dezember werden die vorbestellten Geräte ausgeliefert.

Das Projekt Fairphone hatte von Anfang an das Ziel, ein Telefon herzustellen, das anders ist als die Geräte der großen Marken. Vor allem soll unter der Herstellung niemand leiden. Die Arbeiter, die das Handy in China bauen, verdienen auskömmliche Löhne. Die afrikanischen Minen, aus denen die für den Bau nötigen seltenen Metalle wie Zinn oder Tantal stammen, sollen nicht von Warlords kontrolliert sein. Und das Handy soll lange halten, damit weniger Müll entsteht. Vieles wurde schon beim ersten Modell verwirklicht. Die zweite Generation soll die Ideen weiterentwickeln.

Einfach selbst reparierenZum Beispiel arbeitet das Team um Fairphone-Chef Bas van Abel daran, auch die Metalle Wolfram und Gold aus fairem Handel zu beziehen - kein leichtes Unterfangen. Die größte Veränderung aber ist wohl die modulare Bauweise. „Die Produktion kann noch so umweltschonend sein. Das nachhaltigste Gerät ist das, das gar nicht produziert wird“, sagt van Abel. Also müssen Geräte länger genutzt werden: Vier oder fünf Jahre schweben den Machern vor, statt den üblichen ein bis zwei Jahren. Und dafür muss man das Gerät reparieren können.

Beim Fairphone soll das besonders sein: Die Kunststoff-Abdeckung auf der Rückseite, die gleichzeitig als Schutzhülle dient, kann einfach vom Gerät abgezogen werden. Dann den Akku entnehmen, zwei kleine Schieber lösen, die den Bildschirm festhalten. Der lässt sich dann abnehmen, darunter kommen weitere Bauteile zum Vorschein: Kopfhörerbuchse, USB-Anschluss, Mikrofon, Kamera. Löst man die jeweils farblich markierten Schräubchen und nimmt die Module heraus, bleibt nur ein Rahmen übrig – in ihm steckt der Chipsatz des Handys.

Das geht tatsächlich ziemlich einfach. Spätestens wenn das erste Teil den Geist aufgibt, spielt das Smartphone seine Stärke aus: Ersatzteile können einzeln bei Fairphone bestellt werden, ein neues Display wird knapp 90 Euro kosten, die anderen Bauteile zwischen 20 und 35 Euro. Das ist günstiger und mit weniger Aufwand verbunden, als Reparaturen bei der Konkurrenz. Und so sieht der Umbau aus:

Denkbar sind auch Upgrades: Wird der neue USB-C-Anschluss zum Standard, könnte Fairphone ein neues Bauteil auf den Markt bringen und Nutzer könnten das Gerät selbst auf den neusten Stand bringen. Das ist zumindest möglich - konkrete Pläne gibt es aber noch nicht.

Was es sicher nicht geben soll, ist eine große Auswahl unterschiedlicher Teile. Anders als bei anderen modularen Smartphone-Ideen (wie zum Beispiel von Google) soll es nicht darum gehen, das Gerät zu personalisieren. Das widerspräche dem Nachhaltigkeitsgedanken, so Fairphone-Chef van Abel. Dennoch: Das Fairphone ist das erste modulare Smartphone überhaupt.

Keine Überraschungen beim AnschaltenAus den einzelnen Teilen ist in wenigen Minuten wieder ein Smartphone zusammengebaut. Schaltet man es ein, passiert wenig Überraschendes: Das Fairphone 2 ist im Grunde ein durchschnittliches Smartphone der oberen Mittelklasse, vergleichbar etwa mit den Geräten der Premiumhersteller von vergangenem Jahr.

Der Chipsatz ist der gleiche wie im Samsung Galaxy S5, es hat ein fünf Zoll großes Display und läuft auf dem Betriebssystem Android 5.1. Lollipop. Es ist etwas dicker, als man es von anderen Smartphones gewöhnt ist und etwas schwerer, das liegt an der Bauweise. Die Preise der Konkurrenz kann das Telefon ebenfalls nicht kopieren - zum Start soll das Gerät 525 Euro kosten.

Die Macher haben dem Fairphone 2 einige kleine, aber feine Ideen mitgegeben – die das Gerät jeweils ein bisschen langlebiger oder nachhaltiger machen sollen. So hat es Platz für zwei Sim-Karten. Das ist praktisch für alle, die private und berufliche Nummer in einem Gerät vereinen wollen. Und es bereitet das Telefon optimal für ein zweites Leben vor – zum Beispiel in Afrika, wo wegen der Netzsituation viele Menschen verschiedene Sim-Karten benutzen. Ein anderes Beispiel: Die Rückseite ist gleichzeitig eine Schutzhülle, dadurch wird das Gerät robuster. Die Abdeckung ist austauschbar, es gibt durchsichtige oder farbige. Das sieht auch noch schick aus.

Den Alltagstest besteht das neue Fairphone. Mails, Telefon, Kalender, Internet, Nachrichten, Fotos, Spiele: alles wie gewohnt. Wer die neuesten technischen Spielereien und den schnellsten Prozessor möchte, der ist beim Fairphone an der falschen Adresse. Das neue Modell aber ist deutlich leistungsstärker als das erste Fairphone und damit ein absolut solides Smartphone.

Gleichzeitig hat das Gerät – zumindest unser Testmodell – noch ein paar Kinderkrankheiten. So schaltet es sich manchmal ohne erkennbaren Grund aus und wieder an. Beim Telefonieren bleibt das Display manchmal aktiv. Wenn man dann mit dem Ohr Apps öffnet, ist das eher nervig. Probleme, die sich allerdings mit einem Update beheben lassen sollten; das war beim ersten Modell ähnlich. Insgesamt ist das Fairphone 2 aber schon deutlich ausgereifter, als es sein Vorgänger bei der Markteinführung war.

Das Fairphone 2 wird nicht die Welt retten. Zumindest nicht alleine. Ziel der Macher ist es, 100.000 Geräte pro Jahr zu verkaufen. Apple hat im Herbst 13 Millionen iPhones 6s verkauft – innerhalb von drei Tagen. „Wir wollen mit unserem Projekt der Industrie zeigen, dass es möglich ist, nachhaltigere Technologie zu produzieren“, sagt van Abel. Der Weg ist weit – selbst das Fairphone könnte noch fairer sein: Die Suche nach wirklich fair gehandeltem Gold gestaltet sich zum Beispiel schwieriger, als zunächst erwartet. Aber es ist ein – zweiter - Schritt in die richtige Richtung.

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