Forschungsprojekt: Rohkost auf der Raumstation

Forschungsprojekt: Rohkost auf der Raumstation

von Birk Grüling

Nürnberger Forscher tüfteln an Gewächshäusern fürs All. Bei späteren Marsmissionen soll schließlich niemand auf frisches Grün verzichten müssen.

Der Weltraum, unendliche Weiten, wir schreiben das Jahr 2050. Logbuch des Captain: Unsere Salat-Ernte war wieder einmal ausgezeichnet. Auch die Tomaten schmecken toll.

Gemüseanbau im Weltall? Das klingt nach einer ziemlich schrägen Idee. Doch genau diese soll die Nahrung von Astronauten revolutionieren.

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Eine ziemlich ausgereifte Lösung für Weltraum-Gemüse haben Forscher an der Universität Erlangen-Nürnberg gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und nun präsentiert. Die Zukunftsvision: Statt allerlei Astronauten-Nahrung aus der Tube, verschweißten Nüssen oder ungezählten Spezialriegeln nehmen die Weltraumpioniere Samen mit auf ihre Reise und ernten ihr eigenes Gemüse.

Geschlossenes System aus Urin, Wasser und AlgenEin Gewächshaus, das in einen ein Meter hohen Metallzylinder mit einem Meter Durchmesser passt, soll die Astronauten zu Weltall-Gärtnern machen. In den Zylinder wächst in zwei Kammern  eine extra gezüchtete Tomatensorte namens Mirco-Tina. Das Mini-Gewächshaus ist ein geschlossenes System.

Wasser kommt aus einem Tank, in regelmäßigen Abständen wird „künstlicher“ Urin dazu gegeben - ganz wie auf einer echten Raummission. Mit Hilfe von einzelligen Algen wird der Urin in wertvolles Nitrat umgewandelt, einem wichtigen Nährstoff für die Pflanzen. Ohne die Unterstützung der Mikroorganismen würde das Ammoniak den Tomaten schaden. Diese ungewöhnliche Nährlösung aus Urin und Algen ersetzt die Blumenerde.

Der Mechanismus könnte sogar für die irdische Landwirtschaft interessant sein. „Die Gülle, die auf Feldern ausgefahren wird, enthält selbstverständlich auch Ammoniak. Die Bakterien in der Erde brauchen einige Zeit, bis sie den giftigen Stoff abgebaut haben. Ein Filter wie unserer könnte dabei behilflich sein, die Belastung der Böden zu reduzieren und gleich mehr hochwertiges Nitrat zur Verfügung stellen“, sagt Jens Hauslage, wissenschaftlicher Leiter der Mission.

Ein weiterer Vorteil: Das Space-Gemüse ist absolut bio. Schädlinge können in diesen Kreislauf nicht gelangen, also braucht man auch keine Pestizide.

Vom gutbestückten Kleingarten im Spaceshuttle ist die Forschung aber noch mindestens genauso weit entfernt wie vom Roten Planeten selbst – auch wenn bereits erste Testreihen laufen.

Erste Praxistests haben begonnenGerade erst ließ die US-Raumfahrtbehörde NASA Salatsamen an Bord der Internationalen Raumstation ISS bringen. Die aktuelle Besatzung um den deutschen Astronauten Alexander Gerst soll nun Kopfsalat im All anbauen. Weitere Forschungsreihen gehen bereits in die heiße Vorbereitungsphase.

So soll 2016 ein Testgewächshaus an der Neumayer-Station in der Antarktis aufgebaut werden. Neun Monate lang testen Forscher dort im ewigen Eis der Gemüseanbau unter Extrembedingungen. Zuerst nähern sich die Forscher Salat und Radieschen, beides eher robuste Gemüse. Tomaten, Paprika oder Gurken folgen im zweiten Versuchsschritt. Sie sind anspruchsvoller.

Parallel dazu wird auch das Nürnberger Gewächshaus ins All geschossen, an Bord des Satelliten Eu:CROPIS (Euglena and Combined Regenerativ Organic-Food Production in Space). Ein Jahr lang sollen die Tomaten an Bord wachsen, immer unter Beobachtung  der Forscher. Während dieser Zeit wollen sie vor allem untersuchen, wie die Tomaten und die Algen in der Nährlösungen auf verschiedene Schwerkräfte reagieren. Erzeugt werden sie durch die schnelle Rotation des Satelliten um die eigene Achse.

Ein idealer Testlauf für mögliche Gewächshäuser auf dem Mond und Mars. „Die Experimente werden wichtige Ergebnisse liefern, um ein Überleben der Menschheit in lebensfeindlichen Räumen zu ermöglichen“, sagt Hauslage.

Gesundes Grün ist billigerBei den Forschungsprojekten des DLR geht es aber nicht nur um gesunde Ernährung für Astronauten – die interstellare Landwirtschaft könnte auch eine Menge Geld sparen. Jedes Kilo, das von der Erde zur internationalen Raumstation gebracht wird, kostet bis zu 20.000 Euro. Für eine Marsmission würden allein die Kosten für den Transport von mehreren Tonnen Spezialnahrung in die Millionen gehen.

Wenn der Plan aufgeht, hat das Konzept gleich mehrere Vorteile: Pflanzen produzieren Sauerstoff und geben genug Wasser ab, um daraus Trinkwasser zu gewinnen. Auch der Psyche der Astronauten könnte etwas Grün zwischen all der Technik gut tun – vom Genuss von frischem Obst und Gemüse ganz zu schweigen.

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