Fossile Rohstoffe: Killt der Klimaschutz die Energiemultis?

Fossile Rohstoffe: Killt der Klimaschutz die Energiemultis?

von Nora Marie Zaremba

Die Energiekonzerne besitzen Erdöl und Kohle im Wert von vielen Billionen Euro. Was passiert, wenn sie die Rohstoffe nicht mehr fördern dürfen?

Was hat die Familie Rockefeller mit der schwedischen Stadt Örebro und der Universität von Glasgow gemeinsam? Alle drei haben jüngst den Investitionen in fossile Rohstoffe den Rücken gekehrt und wollen damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Der Grund für ihre Entscheidung ist eine Warnung, die derzeit immer häufiger von Umwelt- und Klimaschützern zu hören ist: Unternehmen, die Kohle und Erdöl fördern, wird bei einem strengen Klimaschutz die Geschäftsgrundlage entzogen. Die Idee macht derzeit unter dem Stichwort “Carbon Bubble” – zu deutsch Kohlenstoffblase – die Runde.

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Gewinne aus dem Verkauf von Öl und Kohle fest eingeplantUm diese Blase zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Welt der Energiekonzerne: ExxonMobil, Shell oder auch Vattenfall besitzen einen großen Teil der derzeit förderbaren fossilen Rohstoffe auf der Erde, außer sie sind wie die Erdölvorräte in Saudi Arabien in Staatsbesitz. Zu einem Großteil sind die künftigen Umsätze mit diesen Rohstoffen bereits in die Unternehmenswerte der Konzerne integriert. Die Energiemultis setzen darauf, dass sie die Rohstoffe fördern werden – ungeachtet der gigantischen Mengen an klimaschädlichem CO2, das später bei ihrer Verbrennung freigesetzt wird.

Die Energieunternehmen halten derzeit Rohstoffereserven, die bei ihrer Verbrennung rund 3000 Gigatonnen Kohlendioxid freisetzen würden, schätzen die Experten der Nichtregierungsorganisation Carbon Tracker, die zu den Risiken der "Carbon Bubble" forscht. Die Zahl verdeutlicht, was für die Unternehmen auf dem Spiel steht.

Denn um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten und damit die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden, dürfen nur noch ungefähr 900 weitere Gigatonnen CO2 in den nächsten 50 Jahren in die Atmosphäre gelangen.

Einigt sich die Staatengemeinschaft kommendes Jahr beim Klimagipfel in Paris auf einen ambitionierten Klimaschutz, dann müssten also rund zwei Drittel der Rohstoffe, die im Besitz der Unternehmen sind, in der Erde bleiben. In diesem Fall platzt die Kohlenstoffblase, das Geschätsmodell der Unternehmen wäre mit einem Mal nicht mehr zukunftsfähig und die Unternehmenswerte würden drastisch einbrechen.

Man möchte meinen, dass diese Zahlen die Unternehmen zumindest zum Nachdenken bewegen und sie ihre Geschäftsmodelle diversifizieren. Doch mit wenigen Ausnahmen sind Reaktionen bisher ausgeblieben. Warum auch Alarm schlagen? Angesichts der zähen UN-Verhandlungen beim Thema Klimaschutz setzen sie darauf, dass die Ziele schon nicht so ambitioniert ausfallen werden.

Aber das Beispiel Deutschland zeigt, dass die Energiekonzerne das Problem nicht ignorieren sollten. Denn je weiter die Energiewende voranschreitet, desto mehr fossile Kraftwerke müssen vom Netz. Unternehmen wie RWE stehen deshalb vor massiven Problemen und ihre Gewinne schrumpfen derzeit so schnell wie das Arktiseis angesichts der Erderwärmung.

Risiko auch für Städte und BürgerAber in die von der Carbon Bubble bedrohten Unternehmen haben nicht nur Wall Street Banker ihr Geld investiert. Vor allem Kommunen, Banken und Versicherungen halten über Aktien, Kredite oder Anleihen Anteile an den Energiekonzernen. In Deutschland beispielsweise besitzen viele Städte im Ruhrgebiet Aktien des Energieriesen RWE. Theoretisch ist dem Risiko der Carbon Bubble also auch der Otto Normalverbraucher ausgesetzt.

Um welche Summe es sich in Deutschland handelt, ist allerdings unklar. “Leider mangelt es bei Thema Rohstoff-Investitionen gerade hierzulande an der nötigen Transparenz”, erklärt Melanie Mattauch von der deutschen Gruppe der weltweiten aktiven Initiative 350.org. Sie fordert "Divestment" – also den Ausstieg von Rentenfonds und anderen aus Rohstoffinvestitionen.

Die Familie Rockefeller hat angekündigt, dass ihre Gelder künftig der Divestment-Bewegung zugutekommen. Mittlerweile "säubern" bereits ein dutzend Universitäten, rund 30 Städte, darunter San Francisco und Seattle, sowie fast 50 religiöse Institutionen, etwa der Weltkirchenrat, ihre Portfolios. Ob das nun aus Angst um das Ersparte oder der Weltrettung zuliebe geschieht, ist unklar – am Ende ist es aber auch egal, denn die Verlierer sind in beiden Fällen die Energiekonzerne.

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